Reinhard Slenczka: Predigt über Mt 5,13-16 im Universitätsgottesdienst in der Heidelberger Peterskirche am Sonntag Jubilate, 27. April 1980.

Liebe Gemeinde!

Trotz seiner Größe versteckt, hängt dort drüben an der Stirnwand der südlichen Seitenkapelle unserer Peterskirche ein Gemälde zur Bergpredigt. Es stammt von Fritz Mackensen (1866 - 1953), der mit der Künstlerkolonie Worpswede verbunden war. Lange Jahre hing das Bild in der Sakristei verborgen. Erst seit der letzten Renovierung der Kirche vor zwei Jahren, vermutlich auch mit der neuen Bewunderung für den Jugendstil, wurde ihm dieser Platz zugewiesen.
Wie viele andere Darstellungen zur biblischen Geschichte in der christlichen Kunst zeigt auch dieses Bild etwas Bemerkenswertes. Die Differenz von Raum und Zeit, von Vergangenheit und Gegenwart, scheint völlig aufgehoben. Ort der Predigt ist unser Land; die Hörer sind nach ihrer Kleidung Menschen aus der Zeit und Umgebung der Künstlers; unter ihnen ist Jesus Christus, der unmittelbar zu ihnen spricht. Die Geschichte ist Gegenwart - durch Jesus Christus. Das mag naiv sein, stammt aber aus unserer Zeit, gemalt von einem Menschen unserer Zeit. Der Künstler ist 1953 gestorben.
Wir kennen andere Auffassungen, bei denen gerade die fehlende Unmittelbarkeit und die räumlich-zeitliche Distanz zum entscheidenden Problem wird. Als dieses Bild - wohl noch vor dem 1. Weltkrieg - gemalt worden ist, plagte man sich in Theologie und Kirche mit Fragen nach der Authentizität der Worte Jesu. Was ist wirklich ursprünglich? Was ist demgegenüber sogenannte Gemeindebildung oder „Theologie des Matthäus“? Man stellte die Frage nach der Verstehbarkeit des biblischen Wortes für den heutigen Menschen in 
der Vermittlung von Geschichte und Gegenwart. 
Bei den Geboten der Bergpredigt gehört dazu 
besonders die Frage nach der Erfüllbarkeit solcher 
Forderungen und Weisungen unter veränderten 
geschichtlichen, sozialen und ethischen Bedingungen. Das Stichwort der „Interimsethik“ kam auf, und dahinter steht die Ansicht, dass diese Gebote, wie manches andere im Neuen Testament, nach ihrer geschichtlichen Situation an eine unmittelbare Erwartung des Endes gebunden seien. Unter den Bedingungen und Notwendigkeiten moderner Kultur und Wirtschaft hingegen seien sie kaum zu realisieren. Vielmehr würde dies zu einer Weltflucht der Gemeinde führen, weil sie dann nicht mehr auf der Höhe der Wirklichkeit ist.
Der Gegensatz zwischen diesen beiden Positionen ist unübersehbar. Auf der einen Seite die große Distanz zwischen dem Wort Jesu und unserem Hören und Handeln; auf der anderen Seite eine Unmittelbarkeit der Begegnung und des Hörens. Aber ist es nicht so, dass diese beiden so gegensätzlichen Positionen in jedem von uns auftreten und dann bisweilen zu heftigen Spannungen führen können? Dann hören wir auf der einen Seite die Stimme Christi aus dem Wort der Schrift: „Ich aber sage euch ...“ Auf der anderen Seite hören wir: das ist Gemeindebildung, Theologie des Matthäus, für den heutigen Menschen gelten andere Bedingungen.
Wenn wir genau hinhören, ist das unsere eigene Stimme, unser eigenes Ich, das seine Fragen stellt und Einwände und Zweifel vorbringt. Sie lassen sich leicht begründen durch historische Einsichten und praktische Erfahrungen. In dieser Weise stellt sich in der Tat menschliche Geschichte zwischen das Wort des Herrn und uns selbst. Das aber ist nicht nur eine Sache von Raum und Zeit. Vielmehr ringen hier Vertrauen und Misstrauen miteinander, Gehorsam und Ungehorsam, wo wir dem Wort Gottes begegnen.
Wer aber von uns wollte wagen, nun dem Wort Christi „Ich aber sage euch ...“ das eigene Wort entgegenzusetzen: „Ich hingegen meine ...“? Wenn das geschieht, würden wir nicht nur die zu uns redende Schrift beiseite tun; wir würden uns sogar anmaßen, unser eigenes Ich an die Stelle Jesu Christi zu setzen. Der Künstler zeigt ganz eindeutig: der Herr redet auch heute zu uns in seinem Wort und zu unseren Herzen, in unserer Zeit. Das ist die Identität seiner Worte und seiner Person. Wo andere Worte sind, ist auch ein anderer Herr.

II. Das Bild kann uns noch einen Schritt weiterhelfen. Unser Text ist ein doppeltes Bildwort: „Ihr seid das Salz der Erde ...“ - „ihr seid das Licht der Welt ...“ 
Bilder sind etwas anders als Begriffe. Mit Begriffen haben wir oft zu tun und wir wissen, wie rasch Begriffe in der Verschiedenheit und Wandelbarkeit der Sprache veralten. Begriffe muss man immer neu bilden um zu begreifen. Bilder hingegen - abgesehen davon, dass sie meist mit dem Alter auch an Wert zunehmen - wollen etwas zeigen. Und das Eigenartige ist beim Bild, dass wir dann mit anderen Augen sehen, nämlich mit den Augen des Künstlers, der das Bild gemalt hat.
Genauso sollen wir uns hier durch das Wort Christi auch mit den Augen Christi sehen, wenn er uns sagt: „Ihr seid das Salz der Erde - das Licht der Welt ...“.
Mit unseren eigenen Augen betrachtet, sieht das, was uns hier gezeigt werden soll, völlig anders aus. Mit unseren eigenen Augen blicken wir um uns und fragen: wo ist denn die Kirche Salz und Licht? Wo zeigt sich das bei denen, die in die Kirche gehen? Oder, und diese Frage wird stiller, vielleicht auch seltener gestellt: wo zeigt sich das bei mir?
Hinter den Augen Christi steht die Liebe Gottes, die nicht nur das Gute sieht, sondern die das Böse gut macht und den Sünder zum Gerechten.
Aber versuchen wir nun einmal in dieser Weise mit den Augen Christi durch sein Wort hindurch uns zu sehen. Salz und Licht haben manches gemeinsam, in anderem ergänzen sich beide Bilder. 
-  Zunächst sind Salz und Licht etwas unbedingt Lebensnotwendiges: mehr noch als Brot, mehr noch als Erdöl. Ohne Salz ist die Nahrung ungenießbar. Ohne Licht ist diese Welt unbelebbar. 
Darin zeigt sich ein enormer Absolutheitsanspruch.
-  Auf der anderen Seite macht gerade das Salz deutlich, wie verschwindend gering die notwendige Menge ist. 5 - 10 Gramm etwa braucht ein Mensch pro Tag. Ich habe es nachgemessen: das füllt nicht einmal einen Fingerhut. Wenn wir durch dieses Bildwort vom Salz hindurchschauen, dann sehen wir die christliche Gemeinde nicht mehr unter demoskopischen und statistischen Maßstäben, die sich stets an der Obergrenze von 100 Prozent orientieren und entsprechende Krisen konstatieren. Wo die wirksame Liebe Christi ist, dort ist die Kirchenstatistik kein Maßstab mehr.
-  Ist es mit dem Licht nicht ähnlich, wenn wir an den Leuchter oder an die Stadt auf dem Berge denken? Um beide herum ist tiefes Dunkel, so dass man kein Licht sieht, sondern beim Herumtasten immer nur an alle möglichen Dinge stößt und Anstoß nimmt. Eine weithin sichtbare Stadt auf dem Berge ist Orientierung und Zuflucht.
-  Salz und Licht fallen beide unter die allgemeine sinnliche Wahrnehmung. Das betrifft die Erkennbarkeit der Gemeinde in dieser Welt. In diesem Text und mit diesem Bild zielt das auf das Schmecken und Sehen. Was die Erde hat und ist, bekommt seinen eigenen Geschmack durch das Salz. Was in der Welt ist und geschieht, wird durch das Licht sichtbar. Das ist alles so selbstverständlich, dass man das Salz doch meist erst dann merkt, wenn das Verhältnis nicht stimmt, sei es, dass es völlig fehlt, sei es, dass zuviel da ist. Ebenso verhält es sich mit dem Licht, das man dann erst bemerkt, wenn es ausgegangen ist oder nicht angeht.
-  Schmecken und Sehen, das ist die Weise, in der die Gemeinde in der Welt wahrgenommen wird. Vom Hören ist merkwürdigerweise in diesem Zusammenhang nicht die Rede, wo es um das Handeln und Verhalten der Christen geht. An Öffentlichkeitsarbeit, Stellungnahmen, Worte zur Lage, Denkschriften und der dergleichen mehr, womit sich die christliche Gemeinde der Welt darstellt oder mit ihr solidarisiert bzw. gegen sie protestiert, ist offensichtlich nicht gedacht. Wo die Gemeinde weiß, was sie ist und was Gott durch sie tut, ist das nicht nötig. Man braucht keine Hinweise, wo Gott selbst wirkt.

III. Doch damit kommen wir nun von dem Bildwort zur Wirklichkeit der Gemeinde. Das Bildwort ist im strengen Sinne kein Vergleich. Vielmehr versucht es zu zeigen und die Augen für das zu öffnen, was anders nicht zu Gesicht kommt. Es heißt dann ganz direkt im Wort unseres Herrn, das an uns gerichtet ist: „Ihr seid das Salz der Erde ..., das Licht der Welt ...“. Das ist kein Befehl: „Ihr sollt sein ...!“ Es ist vielmehr eine Beschreibung von Wesen und Wirkung. Also keine Aufforderung zum Handeln, sondern eine Anleitung zur Erkenntnis unsers Selbst.
Dazu gilt es auch dies zu bedenken: unser Bildwort nimmt eine Zwischenstellung ein im fortlaufenden Text der Bergpredigt. Voran gehen die Seligpreisungen: „Selig sind ...“ Sie sind ein Zuspruch, gerichtet an die, die nach den Regeln des Reiches Gottes leben und auf sein Kommen warten und die dabei den Widerspruch dieser Welt erleben. „Selig“ heißt hier nichts anderes als: ihr werdet gerettet werden und euren Lohn bekommen, selbst wo ihr auf Erden erfolglos, verachtet seid und gar verfolgt werdet.
Auf der anderen Seite folgen auf unser Bildwort nun die Gebote der Bergpredigt, beginnend mit dem nachdrücklichen Hinweis auf die Unverbrüchlichkeit ihrer Geltung und die Unveränderlichkeit ihres Inhalts. Unser Wort bildet den Schnittpunkt von Seligpreisung und Gebot. So treffen hier Zuspruch und Gebot aufeinander, und zwar genau in dieser Reihenfolge, dass die tröstende Verheißung am Anfang steht und das strenge Gebot folgt. Anders: es wird uns zuerst gesagt, was wir sind; und dann wird uns gesagt, was wir nicht tun sollen. Es wird uns gezeigt, wie Christus uns sieht, und es wird uns gesagt, was er nicht mehr von uns will.
Um es nun einmal drastisch mit dem Bild deutlich zu machen: Die christliche Gemeinde ist als Salz der Welt kein Unkrautvertilgungsmittel; sie ist als Licht der Welt kein Scheinwerfer, der nach Belieben auf jede Ungerechtigkeit zu richten wäre. Das wäre weder geschmackvoll noch erleuchtend. Bei Licht und Salz gibt es keinen Kampf gegen das Böse, gegen die Ungerechtigkeit. Denn bereits in den Seligpreisungen weiß die Gemeinde, dass sie gesiegt hat und dass das Reich Gottes kommt. Die Wirkung liegt in dem, was die Gemeinde ist und darin, dass sie nach Gottes Willen da ist.
Wir hören aber zugleich die Warnung, dass das Salz „dumm“ wird, dass das Licht unter den Scheffel gestellt wird. Beides ist eine unmögliche Möglichkeit. Denn salzloses Salz ist kein Salz mehr. Ein Leuchter unter einem geschlossenen Scheffel erlischt. Das heißt aber dann, wenn dies geschieht, dann geht die Gemeinde in der Welt auf, sie wird selbst fade und dunkel, ist nicht mehr von der Umwelt zu unterscheiden.
Das ist nun wichtig für alles weitere. Denn erst nachdem uns durch dieses Wort vom Salz der Erde und vom Licht der Welt mit den Augen Christi gezeigt wurde, was wir sind, folgt nun in aller Klarheit die Aufzählung von dem, was wir tun und vor allem, was wir nicht tun sollen. Das sind nicht Gebote zur Weltveränderung, wohl aber die Gebote für den von Christus veränderten neuen Menschen. Anders ausgedrückt: alle diese Gebote und Weisungen lassen uns eine Grenze erkennen. Das ist nicht einfach die Grenze zwischen Gut und Böse, zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, die auch jeder natürliche Mensch kennt, selbst wenn er sie nicht einhält. Es ist vielmehr die Grenze zwischen altem und neuem Menschen, zwischen vergehender Welt und kommendem Reich Gottes.
Die Epistellesung aus 1. Joh 5, 1 - 4, die wir vorhin gehört haben, macht gerade diesen Punkt sehr schön klar: „Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten. Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.“
Die Gebote Gottes, liebe Gemeinde, sind entgegen manchen umgehenden Verdrehungen und Abschwächungen unveränderlich. Ihre Erfüllung ist - in den guten Werken - zugleich das, woran die Welt die Gemeinde erkennt, und die Gemeinde sich von der Welt unterscheidet. Oft genug ist das aber auch Anlass zu bisweilen schmerzlich empfundener Unterscheidung, wo der neue Mensch nicht alles 
mitmachen kann, was dem alten Menschen gefällt oder erlaubt ist.
Die Gebote Gottes haben keineswegs den Beifall des unveränderten Menschen und der alten Welt. Gegenüber der Unveränderlichkeit der Gebote wird der alte Mensch in uns und um uns vielmehr ständig die Veränderlichkeit der Welt und ihrer Verhältnisse ins Feld führen. Gegenüber dem unmittelbaren Wort seines Herrn wird er auf die theologischen Traditionen von der Theologie des Matthäus bis zur Theologie Heidelberger Theologieprofessoren verweisen.
Doch dieser Konflikt, liebe Gemeinde, spielt sich nicht zwischen verschiedenen Zeiten und Richtungen ab. Er vollzieht sich in unseren Herzen, wo Gottes Wort mit unserem Wort ringt, wo Gottes Gebot mit unserem Willen ringt.
Aber man muss dann auch dies sehen und begreifen: Wo dies geschieht, dürfen wir neue Menschen wissen, dass unser Herr ganz unmittelbar gegenwärtig zu uns spricht in seinem Wort. Er will uns die Grenze zeigen und davor zurückhalten; und wo wir sein Gebot übertreten haben, will er uns zurückführen zur Vergebung der Sünden. Darum, wo Gottes Gebot gegen uns steht, steht Gott für uns und bei uns. Das sollen die Kinder Gottes wissen.
Umgekehrt wird aber auch eine mündige Gemeinde prüfen und erkennen können, ob sie in der Klarheit des Wortes die Stimme ihres Herrn hört und ihr folgt, oder ob sie eine falsche Stimme hört, die die unveränderlichen Gebote mit Hinweis auf die veränderlichen Verhältnisse relativieren will und letztlich aufhebt. Meist geschieht dies deshalb, weil man nicht mehr weiß, was der neue, aus Gott geborene Mensch ist. Aber dieses Neue in uns ist in der Tat so unscheinbar, dass wir uns durch Gottes Wort immer wieder daran erinnern, aber auch dadurch trösten und ermutigen lassen müssen. Es ist unscheinbar wie das Wasser bei der Taufe; er ist unscheinbar wie das Stück Brot und der Schluck Wein beim Abendmahl. Doch beides ist so wirksam, dass es uns aus der vergehenden, von Gott getrennten Welt herausnimmt und in das ewige Leben in der Gemeinschaft mit Gott versetzt.
In unserem eigenen Reden und Tun stehen wir oft hilflos und enttäuscht vor uns selbst und vor dieser Welt mit ihren Fragen und Sorgen. Im Vertrauen auf das, was Gottes Wort uns sagt und was er an uns tut, dürfen wir in getroster Zuversicht sagen und uns sagen lassen: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“

„Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus“.
                                       Amen. 

 

 

Zurück zum Portrait: 
Reinhard Slenczka: Bleiben in der Wahrheit

 

Adobe Den Beitrag als PDF downloaden (folgt)

Webmaster: E-Mail
Letzte Änderung: 27.07.2017
zum Seitenanfang/up