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Wolfgang Huber: Predigt über 2 Mos 20,2 im Universitätsgottesdienst in der Heidelberger Peterskirche am 8. Juli 1990.

„Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt habe. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“

 

Liebe Gemeinde,

 

nun geht’s auf das Ende zu: auf das Ende der Fußballweltmeisterschaft, auf das Ende des Semesters, auch auf das Ende des Dekalogs (über den in diesem Semester gepredigt wird). Wenn das Ende kommt, werden die Spezialitäten ausgepackt. Die Trainer holen die letzten taktischen Varianten aus der Trickkiste, die Professoren kramen noch einige Lieblingsthemen aus der Schublade; auch der „Juden Sachsenspiegel“ bietet uns ein besonders apartes Thema an.

Du sollst kein falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten, oder genauer: Du sollst vor Gericht nicht als Lügenzeuge aussagen. Dieses Gebot spricht nicht von einer allgemeinen Pflicht zur Wahrhaftigkeit; sondern es handelt von einer höchst speziellen Lebenssituation. Die Rede ist von dem Auftritt des Zeugen vor Gericht. Das Gebot sagt: Du sollst keinen Menschen vor Gericht zu Unrecht belasten. In diese Gefahr kommen die meisten von uns nur selten. Ich selbst jedenfalls habe bisher vor Gericht nur einmal ausgesagt. Damals ist mir übrigens das 8. Gebet nicht einmal in den Sinn gekommen; ich wusste ohnehin, was ich wollte.

Warum wird diese ausgefallene Frage in den zehn Geboten behandelt? Warum soll das Verbot der falschen Zeugenaussage zu den zehn Sätzen gehören, die man an den beiden Fingern abzählen kann? Im Gerichtsverfahren des alten Israel mochte es dafür gute Gründe geben; denn für das Gericht im Tor des israelitischen Dorfes war der Zeuge die entscheidende Figur. Mit seiner Aussage fing das Verfahren an; der war Zeuge und Ankläger in einer Person. Weil er so mächtig war, forderte das israelitische Recht, dass Verurteilungen nur auf Grund von zwei oder drei Zeugenaussagen möglich waren; vor allem galt das von dem härtesten Urteil, der Bestrafung mit dem Tod. Weil die Rolle des Zeugen so entscheidend war, wurde die Falschaussage entsprechend scharf geahndet. Auf sie stand die gleiche Strafe, die dem Angeschuldigten drohte.

Doch über die Gründe, aus denen das falsche Zeugnis in den zehn Geboten Israels stand, will ich heute nicht reden. Ich will fragen: warum steht dieses Gebot für uns noch immer im Dekalog? Warum soll es auch für uns zu den Geboren gehören, die wir an den Fingern beider Hände abzählen können?

Ich will es bei einer Hand belassen. Fünf Gründe will ich nennen, warum das falsche Zeugnis auch für uns noch in den zehn Geboten steht.

 

Grund 1: Auch die ungewöhnlichen Lebenssituationen stehen unter der Zusage Gottes: Ich bin der Herr, dein Gott.

 

Sherman McCoy, ein erfolgreicher, aufstrebender Finanzmakler an der Wall Street, hatte seiner außereheliche Freundin Maria auf dem John F. Kennedy Flugplatz abgeholt. Auf dem Rückweg verfuhren sie sich im Straßengewirr von New York und landeten in den dunkleren Teilen von Bronx; dabei kamen ihnen zwei schwarze Jugendliche in die Quere. Den einen streckten sie mit ihrem Mercedes rückwärts fahrend zu Boden. Um seine Verletzungen und sein weiteres Schicksal kümmerten sie sich nicht; sie dachten, niemand habe sie beobachtet und die Fahrerflucht bleibe unbemerkt. Doch die Hoffnung, den Mühlen der Justiz zu entkommen, trog. Schließlich wurde Sherman McCoy verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis von Bronx gebracht.

Als die Türen sich hinter ihm schlossen, so erzählt Tom Wolfe in seinem „Fegefeuer der Eitelkeiten“, dachte er, er sei von der Welt abgeschnitten. Der große Raum im Keller des Gerichtsgebäudes, durch Glasscheiben in einzelne Zellen aufgeteilt, hatte keine Fenster nach außen: eine fensterlose Welt, von ihren eigenen Gesetzen beherrscht. Der Versuch, sie durch Bestechung zu beeinflussen, lief ins Leere. Wie der Finanzmarkt an der Wallstreet seinen besonderen Gesetzen folgte, so auch die Justiz. Wie die Wirtschaft so erscheint auch die Justiz als eine Welt ohne Fenster, als eine Welt, die ihren eigenen Regeln gehorcht. Wer sich ihnen entziehen will, kommt erst recht darin um. Nur wer sie beherrscht, kann überleben. Sherman McCoy scheiterte, weil er dachte, er könne die Gerechtigkeit überlisten. Er, der Makler von Wallstreet, der sich wie ein Beherrscher des Universums vorkam, wenn er die Dollarmillionen telefonisch vom einen Ende der Welt an das andere dirigierte, wurde in dem Augenblick zur kläglichen Figur, in dem sich die Türen des Gerichtsgebäudes hinter ihm schlossen.

Dass der Finanzmakler sich als Herr des Universums oder dass der Angeklagte sich als ohnmächtiger Wicht vorkommt, ist nicht das letzte Wort. Kein Bereich des Lebens ist eine fensterlose Welt, die einfach ihren eigenen Gesetzen gehorcht. Denn: Ich bin der Herr, dein Gott – Du sollst vor Gericht nicht als Lügenzeuge auftreten. Die komplizierten Mechanismen von Gerichtsverfahren oder Wirtschaftsabläufen haben weder das erste noch das letzte Wort. Das erste wie das letzte Wort gebührt dem Gott, der die Freiheit seines Volkes will. Wer den Regeln der Justiz Allmacht zuerkennt, öffnet ihrem Missbrauch Tor und Tür. Nur wer ihre Begrenztheit durchschaut, kann sie verantwortlich gebrauchen: als Zeuge oder als Richter, als Angeklagter oder als Kläger. Auch die Justiz ist keine fensterlose Welt, die ihren eigenen Gesetzen gehorcht. Es gibt nur die eine Welt Gottes; seinem gnädigen Gebot unterstehen alle Regeln, die wir machen.

Nein, es gibt keine fensterlose Welt; alle Lebensbereiche sind offen für die Wirklichkeit Gottes.

 

Grund 2: Gott tritt auf die Seite der Unterlegenen.

 

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hatte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Mit diesem Satz beginnt Franz Kafkas „Prozeß“. Ob es wirklich eine Verleumdung gab, wer sie ausgesprochen hatte und warum, worauf die Anklage lautete, das alles bleibt unklar. Eben dadurch steigern sich der Widersinn und die Zermürbung von einer Woche zur anderen. Der Gedanke an den Prozess lässt Josef K. nicht mehr los. Er überlegt, ob er selber eine Verteidigungsschrift ausarbeiten soll. Wovon soll sie handeln? Da der Inhalt der Verleumdung unbekannt ist, wird er in der Verteidigungsschrift sein ganzes Leben darstellen und bei jedem irgendwie wichtigeren Ereignis erläutern müssen, warum er so und nicht anders gehandelt hat, ob seine Handlungsweise nach seinem gegenwärtigen Urteil zu verwerfen oder zu billigen ist und welche Gründe er für sein Handeln geltend machen kann. Die unbekannte Verleumdung wird zur ungreifbaren Macht, die das ganze Leben in ihren Bann zieht. Nicht nur der befindet sich in einem Prozess, der vor Gericht angeklagt ist. Das ganze Leben kann zum Prozess werden, in dem wir von falschen Zeugen umstellt sind. Ein Rechtfertigungszwang kann entstehen, der ohnmächtig macht.

Ich bin der Herr, dein Gott – du sollst deinen Nächsten nicht verleumden. Das Gebot ermahnt zum verantwortlichen Gebrauch der Sprache im Prozess des Lebens. Der Mensch ist das Wesen, das Sprache hat. Nichts gefährdet ihn mehr, als was ihn vom Tier unterscheidet. Nicht nur mit Waffen kann er töten, sondern auch mit Worten. Seine Fähigkeit zur Unwahrheit ist deshalb so gefährlich, weil sie fremdes Leben zerstören kann. Nirgendwo kommt das deutlicher heraus als in der falschen Zeugenaussage. Doch nicht nur vor Gericht sind Menschen davon abhängig, dass andere sie nicht durch ihre Worte zerstören wollen.

Deshalb gilt: Gott selbst will deinen Nächsten vor der Gewalt deiner Worte schützen.

 

Grund 3: Was vor Gericht geschieht, kann dem christlichen Glauben nicht gleichgültig sein. Denn in seinem Zentrum steht ein Gerichtsprozess.

 

Falsche Zeugen spielen im Prozess Jesu eine wichtige Rolle. Der Sohn Gottes wird wegen Gotteslästerung verklagt; der Messias Israels erleidet die Strafe, die für politische Aufrührer vorgesehen ist: den Tod am Kreuz, weithin sichtbar draußen vor dem Tor vollzogen. Von einem Justizirrtum zu sprechen, wäre geschmeichelt; nicht umsonst wird von dem zuständigen Gerichtsherrn erzählt, er habe sich sogar der Mühe unterzogen, seine Hände in Unschuld zu waschen. Eher muss man von einem bewussten Fehlurteil sprechen, das dem gewieften Politiker um der Ruhe und Ordnung willen als unvermeidlich erschien. Dieses Fehlurteil gilt uns Christen als Unterpfand für Gottes vergebende Güte. Wie sollten wir gleichgültig sein gegenüber der Gefahr von Fehlurteilen, an denen wir selbst beteiligt sind – aus bewusstem Kalkül oder aus Unvermögen?

Übrigens wird im Neuen Testament nicht nur einmal von einem Prozess berichtet, sondern zweimal. Das eine Mal haben wir Jesus als Angeklagten vor uns, das andere Mal aber wird er in die Position des Richters gedrängt. Den Namen der Frau kennen wir nicht, die vor ihn gestellt und des Ehebruchs angeklagt wird. Die Strafe, die Jesus verhängen soll, ist die Steinigung. In beiden Prozessen – dem Verfahren gegen die Ehebrecherin wie gegen ihn selbst – ist nichts so charakteristisch am Verhalten Jesu wie sein Schweigen. Das eine Mal schweigt er, als der Ansturm von anklagenden Zeugen die Ehebrecherin in den Tod treiben will. Das andere Mal schweigt er, als falsche Zeugen gegen ihn selbst aufgeboten werden, um ihn dem Tod am Kreuz auszuliefern. Das eine Mal beteiligt er sich am Geschrei der Zeugen nicht, die zwar Richtiges sagen, aber doch die Wahrheit verfehlen. Denn Richtiges kann erst dann wahr werden, wenn es im Licht der Gnade erscheint. Deshalb, nach langem Schweigen: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ Im andern Fall stellt er die falschen Zeugen nicht bloß – „mein Jesus schweigt zu falschen Lügen stille“ – sondern er selbst wird zum Zeugen der Wahrheit Gottes, um den Preis des Todes am Kreuz. Sein Schweigen lässt die selbstgerechte wie die falsche Anklage ins Leere laufen; doch selbst der durch die falsche Anklage Betroffene stellt die falschen Zeugen nicht zur Rede; er übt gegen sie nur eine passive, eine schweigende Resistenz.

Das Schweigen Jesu ist das Urteil über unseren gnadenlosen Umgang mit Angeschuldigten; diese Gnadenlosigkeit ebnet sogar den Gegensatz zwischen Wahrheit und Lüge ein. Die Gnadenlosigkeit habe ich im Sinn, mit der wir die Schwäche anderer ausnutzen, um uns selbst stark zu fühlen: die Gnadenlosigkeit vor allem gegen Minderheiten aller Art. Die Gnadenlosigkeit der politischen Sprache kommt mir in den Sinn, die sich für die Wahrheit in der Position des Gegners genauso wenig interessiert wie für die Wahrheitspflicht der eigenen Aussage, sondern nur auf politischen Machtgewinn aus ist. Aber auch die Gnadenlosigkeit gegen einstmals Starke geht mir durch den Kopf, die dem ehemaligen Generalsekretär der SED nicht einmal im Lobethaler Pfarrhaus Zuflucht gestatten will. Noch lange, so muss man fürchten, werden auch die Millionen von Aktenstücken des Staatssicherheitsdienstes der DDR als Instrumente der Gnadenlosigkeit zur Verfügung stehen – ein Fallbeil, das jederzeit in Gang gesetzt werden kann.

Der Kreuzestod Jesu, das heilbringende Resultat eines Fehlurteils, durchkreuzt unsere Gnadenlosigkeit.

 

Grund 4: Auch die Wahrheit kann ein falsches Zeugnis sein.

 

Im Herbst des letzten Jahres beschäftigte eine erregte Debatte die amerikanische Öffentlichkeit. Ralph Abernathy, der jahrelange Vertraute und kurzzeitige Nachfolger Martin Luther Kings in der Führung der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, hatte seine Lebenserinnerungen veröffentlicht. In ihnen schildert er die Nacht in einem Motel in Dalles, die dem tödlichen Attentat auf King am 4. April 1968 vorausging. Noch die letzte Nacht vor seinem Tod, so berichtet Abernathy nun, nach mehr als zwanzig Jahren nach den Vorgängen, habe er die Nacht mit einer fremden Frau verbracht.

Vor allem die schwarze Bevölkerung in Kings Heimatstadt Atlanta reagierte empört. Ihre Erregung bezog sich nicht so sehr auf die Frage, ob Albernathys Behauptungen über das Liebesleben ihres Vorkämpfers zutreffend waren. Vielmehr sahen sie in der öffentlichen Ausbreitung einer solche Behauptung einen Angriff auf die Ehre Kings, die nur die Bürgerrechtsbewegung ins Zwielicht bringen und allenfalls noch die Verkaufschancen von Albernathys Buch steigern konnte. Doch wie sollten Kings Anhänger sich wehren? Sollten sie zum Gegenangriff übergehen und die Lauterkeit des Autors in Zweifel ziehen? Sollten sie alle Bilder vernichten, die King und Albernathy im gemeinsamen Kampf um die Rechte der Schwarzen zeigten? Kings Nachfolger als Pfarrer in der Ebenezer Baptist Church, Joe Roberts, wählte einen anderen Weg. Jeder von uns, so erklärte er seiner Gemeinde, hat starke und schwache Stunden. Abernathys Lebenserinnerungen waren bei weitem nicht sein bestes Stück. Doch die Ehre des Autors sollte deshalb niemand antasten. Achtet ihn auch weiterhin, rief Joe Roberts aus, aber kauft sein Buch nicht.

Jeden Menschen umgibt eine Sphäre der Unantastbarkeit. Die Wahrheit ist kein Freibrief dafür, in diese Sphäre einzudringen. So gebrauchte Wahrheit kann zum falschen Zeugnis werden. Es gibt eine Pflicht zum Schweigen um des Nächsten willen. Sie hat den Vorrang vor einem Gebrauch der Wahrheit, der sie selbst verletzt, weil er den anderen Menschen mutwillig beschädigt.

Kein Berufsstand ist für diese Verkehrung der Wahrheit anfälliger als Wissenschaftler. Da unsere erste Pflicht die Suche nach der Wahrheit ist, machen wir von ihr oft einen menschenverachtenden Gebrauch. Wir urteilen über die Arbeit von Kollegen oder über die Einsichten und Versuche früherer Generationen oft in abfälliger Form; dadurch verspielen wir die Wahrheitserkenntnis, auf die wir doch so stolz sind. Vor allem unter Theologen ist diese Krankheit verbreitet; sie trägt den schönen Namen „rabies theologorum“.

Manchmal sind auch die akademischen Prüfungen davon geprägt – ich weiß wovon ich spreche: ich habe in den letzten drei Wochen fünfundvierzig Prüfungen hinter mich gebracht. Allzu oft prüfen wir in einer Weise, die nicht an den Stärken des anderen, sondern auch an seinen Schwächen interessiert ist, die nicht die Fähigkeiten von Kandidatinnen oder Kandidaten ermitteln will, sondern ihr Unvermögen. Wir bilden uns dann ein, effektiv geprüft zu haben, wenn wir herausgefunden haben, was er oder sie nicht weiß. Mancherorts gelten hohe Durchfallquoten als besonderer Qualitätsnachweis – für die Prüfer natürlich.

Für uns Professoren heißt das achte Gebot: Du sollst kein falsches Zeugnis geben deinem Nächsten.

 

Grund 5: Die üble Nachrede ist der schlimmste Missbrauch der menschlichen Sprache.

 

Zusammen mit der Sprache hat der Homo Heidelbergensis seine Lieblingsbeschäftigung entdeckt. Nichts, nicht einmal das Fußballfieber, kann ihn von dem abhalten, was er am liebsten tut. Über nichts reden die Leute lieber als über Leute. Deshalb hat der Homo Heidelbergensis auch am Fußball so viel Spaß. Auch eine Fußballweltmeisterschaft bietet viele neue Leute an, über die sich ohne Ende reden, tratschen, lästern lässt: die Schiedsrichter und die Trainer, Diego Maradonna oder Diego Buchwaldt. An nichts haben wir mehr Spaß als an den Fehlern Abwesender. Das dröhnende Gelächter von Männerrunden gilt meistens einem Menschen, der nicht da ist. Abwesende können wir ausschlachten, ohne Gegenwehr fürchten zu müssen. Nicht nur vor Gericht treten wir unzählige Male als Zeugen auf. In all unseren Behauptungen und Urteilen über Abwesende haben wir genauso viel Macht wie der Zeuge, der im alten Israel vor dem Gericht im Tor seine Anklage erhob.

Heinrich Bölls Vater stellte Ende der zwanziger Jahre in seiner kleinen Firma einen Gehilfen ein, der wegen Mordes im Zuchthaus gesessen hatte und begnadigt worden war. Am Familientisch fragten die vorwitzigen Söhne den Vater neugierig: „Was macht denn dein Mörder? Wen hat er heute umgebracht?“ Scharf verwehrte der Vater den Söhnen diesen Scherz. Der rheinische Katholik hatte die Lehre von der Rechtfertigung besser verstanden als mancher Protestant. Sie sagt: Um des gnädigen Gottes willen kannst und musst du zwischen dem Täter und seiner Tat unterscheiden. Kein Mord berechtigt dich dazu, den Täter für den Rest seines Lebens auf diese Tat und nichts als diese Tat festzulegen. Auch sein Leben ist keine fensterlose Welt; auch ihm steht ein neuer Anfang offen.

Wer über Abwesende so redet, als hätten sie keine Zukunft mehr, der leugnet die Wirklichkeit Gottes.

Darum gilt: Rede über Abwesende nur, wenn du dafür einen guten Grund hast. Und: Rede über Abwesende immer so, als wären sie da. Du könntest sonst rot werden, wenn du sie das nächste Mal triffst.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

 

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Wolfgang Huber, der Prediger
 

 

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Letzte Änderung: 08.08.2017
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