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Wilhelm Hahn: Predigt über Jakobus 5, 7-11 am 2. Advent 1958 in der Peterskirche zu Heidelberg

„So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis auf die Zukunft des Herrn. Siehe, ein Ackermann wartet auf die köstliche Frucht der Erde und ist geduldig darüber, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid ihr auch geduldig und stärket eure Herzen; denn die Zukunft des Herrn ist nahe. Seufzet nicht widereinander, liebe Brüder, auf daß ihr nicht verdammt werdet. Siehe, der Richter ist vor der Tür. Nehmet, meine lieben Brüder, zum Exempel des Leidens und der Geduld der Propheten, die geredet haben in dem Namen des Herrn. Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben. Die Geduld Hiobs habt ihr gehört und das Ende des Herrn habt ihr gesehen; denn der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer.“

 

I. Wir stehen am Anfang eines neuen Semesters. Es ruft alle unsere geistigen und körperlichen Kräfte zu aktivem Einsatz, um die vielfältigen Aufgaben, die vor uns liegen, zu bewältigen. Dazu scheint der Text wenig zu passen, den das Kirchenjahr für den heutigen Sonntag bestimmt hat. Er spricht von der Geduld.

Sechsmal findet sich innerhalb dieser kurzen Verse das Wort Geduld. Mit Geduld können wir im Leben stehenden Menschen zunächst wenig anfangen. Sie erscheint nur am Rande unseres Erfahrungsbereiches: Wir brauchen Geduld, wenn die Mensa überfüllt ist und wir warten müssen, bis ein Tisch für uns frei wird; oder wenn wir vor einer Telefonzelle warten, bis ein anderer sein endloses Gespräch beendet; oder wenn sich vor dem Fahrkartenschalter eine lange Schlange befindet, die sich nicht zu bewegen scheint, während die Uhr der Abfahrtzeit unseres Zuges näherrückt. Aber wir empfinden, daß es bei diesen Beispielen noch nicht um das geht, was die Bibel unter Geduld versteht. Hier geht es um mehr und das macht uns dieses Wort verdächtig, ja unsympathisch. Geduld kommt vom Wortstamm „dulden“ oder „erdulden“. Sie hat also etwas mit Leiden zu tun. Sie versetzt uns in eine Lage, in der wir es hinnehmen müssen, daß etwas über uns hingeht, was wir selbst nicht gewünscht haben. Das ist uns aktiven Menschen unerträglich, die wir immer Subjekt sein wollen, das seiner vollmächtig ist.

Wenn wir so nur den Ruf zum Dulden im Wort Geduld hören, so bedeutet das eine Verengung gegenüber dem, was das Neue Testament unter Geduld versteht. Diese Verengung ist durch das deutsche Wort Geduld, das darin ganz dem lateinischen „patientia“ entspricht, bedingt. Das wird uns bewußt, wenn wir den griechischen Urtext unseres Abschnittes betrachten: hier steht das griechische Wort Makrothymia. Übersetzt heißt es „Großmut“, „Langmut“ oder vielleicht noch besser „ein großes Herz“. Auch so hat es die Bedeutung Geduld. Aber Geduld haben ist gleichbedeutend mit der Bewährung eines großen Herzens. Viermal von den sechs Aufrufen zur Geduld steht hier: habt große Herzen! Wie anders klingt nun unser Text: „Habt große Herzen, Brüder, im Blick auf das Kommen des Herrn! Siehe, der Bauer wartet auf die wertvolle Frucht der Erde, er macht sein Herz weit für sie, so habt auch ihr weite Herzen. Stärkt sie, denn die Gegenwart des Herrn ist nahe.“ Gott ruft uns also nicht zur passiven Selbstbescheidung, sondern zu weiten, großen Herzen. Sie sollen den Christen auszeichnen. Und nur wer diese hat, hat im Sinne der Bibel die rechte Geduld.

Der Ruf zu großen Herzen erscheint uns ungewöhnlich, Werden wir Christen nicht sonst eher zu einem präzise und eng arbeitenden Gewissen aufgerufen? Und gibt es nicht oft ein kleinherziges Christentum? Und doch gibt es im Alten Testament eine grundlegende Erzählung, die vom großen Herzen Gottes spricht. Gerade auf diese Aussage über Gott wird bis ins Neue Testament immer wieder zurückgegriffen. Das ist die Erzählung von der Erscheinung Gottes vor Mose am Berge Horeb 2. Mose 34. Es ist unmittelbar nach dem Abfall Israels zum goldenen Kalb. Gott hat furchtbar zugeschlagen, aber er hat Israel nicht verworfen, sondern Mose erneut auf den Berg Horeb zu sich gerufen. Nun steht Mose auf der Höhe in einer Bergspalte und Gott geht an ihm vorüber. Dabei hört Mose, wie der Name Gottes ausgerufen und damit sein innerstes Wesen offenbar gemacht wird: „Barmherzig und gnädig, großen Herzens und von reicher Gnade und Treue.“ Gottes Herz ist so groß, daß es kein Mensch ermessen kann. Es ist das Herz des Gottes, der heilig ist und die Sünde haßt und deshalb furchtbar richtet. Aber es ist zugleich das Herz Gottes, der sich unbegreiflich seines Volkes erbarmt und sich so demütigt, daß er bis ans Kreuz herabsteigt. Dieses Herz Gottes ist uns in seiner Höhe wie in seiner Tiefe gleich unbegreiflich.

Das Neue Testament weist auf diese Größe des Herzens Gottes hin, wenn Jesus in der Bergpredigt sagt, daß Gott seine Sonne aufgehen läßt über die Bösen und die Guten und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte (Mt. 5,45). Im Gleichnis vom Schalksknecht schildert Jesus im König Gott: Der um seiner Schuld willen in den Turm geworfene Knecht redet den König auf sein großes Herz an, und der König beweist es, indem er ihn freigibt und ihm alles erläßt (Mt.18,23ff.) Durch Christus erschließt sich die Größe des Herzens Gottes. Auch jetzt können wir sie nicht ermessen, aber wir wissen: Dieses Herz Gottes ist Wirklichkeit und wir sind in sein großes Herz hinein gezeichnet, wie es Gott seinem Volk zusagt: „Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet“(Jes 49,15). Wie ein morgenländisch Liebender den Namen seiner Braut sich in die Hände tätowiert, so hat auch Gott sein Herz mit uns verbunden.

Nun sucht Gott solche großen Herzen auch bei uns. Jakobus begründet die Notwendigkeit großer Herzen mit dem Kommen Gottes in Christus. Er macht uns klar: ihr geht Gott entgegen, deshalb braucht ihr große Herzen! Christsein bedeutet auf Gott zugehen und so in seiner auf uns zukommenden Gegenwart stehen. Dieses Auf-uns-zukommen Gottes will unsere Herzen weit machen. Was das bedeutet, kann schon unsere natürliche Erfahrung verdeutlichen: Da ist ein Mensch, der zu einer großen Aufgabe berufen wird, bisher hatte er kleinere Pflichten, in denen er aufging. Die große auf ihn zukommende Aufgabe gibt seinem Leben neue Perspektiven und weitet seinen Blick und seine Bereitschaft.

Oder da ist ein anderer, der wird zum Mitarbeiter eines genialen Mannes berufen. Die Zusammenarbeit und der tägliche Umgang mit dem großen Menschen hebt den kleinen über sich hinaus, und weitet seinen Horizont. Wir Christen sind nicht nur zur Mitarbeit mit anderen Menschen berufen, sondern gehen Gott entgegen und dürfen schon heute in Lebensgemeinschaft mit Christus stehen. Das will unser Herz aufschließen und ausweiten. Große Herzen sind das Wahrzeichen wahrer Christen. Es gibt eine Ausweitung, die uns verwandelt, und die die Bibel Heiliger Geist nennt.

 

II. Worin bewähren sich große Herzen. Das wird von Jakobus an drei Beispielen gezeigt:

 

1. Jakobus verweist uns auf den Bauern. Worin unterscheidet er sich vom Arbeiter, Angestellten oder Beamten? Die letzteren bekommen in kurzen Abständen zum festgesetzten Termin den Lohn für ihre Bemühungen ausbezahlt. Sie können mit dem Ertrag ihrer Arbeit rechnen und haben ihn stets vor Augen. Anders der Bauer: er kann den Zins für das, was er heute einsetzt, nicht morgen einfordern. Er sieht lange nichts vom Ertrag. In großem Vertrauen muß er weite Abstände überbrücken, ohne etwas zu sehen und so Geduld beweisen. Er braucht einen langen Spannungsbogen, aber gerade so geht er mit ruhiger Gewißheit seinen Weg.

Die Notwendigkeit weiter Spannungsbögen erweist sich auch sonst im Leben. Wir brauchen sie in der Ehe. Wer im täglichen Zusammenleben jeweils das von ihm hineingesteckte Kapital vom andern zurückfordert und den Beweis dafür sehen will, daß er richtig gewählt hat und der erwartete Ertrag herausspringt, zerstört die Ehe. Der Bund zweier Menschen kann nur bestehen, wo wir in vollem Vertrauen auf Abrechnung verzichten und einen weiten Spannungsbogen beweisen.

Genau das erwartet Gott von uns. Dieser große Spannungsbogen ist weithin das, was die Bibel Glauben nennt, nämlich das Bleiben bei Gott um seines großen Herzens willen und der Verzicht auf die sichtbare Abrechnung und tägliche Auszahlung. Es gilt zu vertrauen, daß Gott in der Größe seines Herzens und seine Zusagen hält. Hier liegt der kritische Punkt für viele von uns: In unserer Welt wird alles errechnet. Sollen wir dabei auf Gott verzichten? Wir verlieren die Nerven und präsentieren Gott die Rechnung. Doch darauf antwortet Gott nicht, denn ergriffen wird er nur von Herzen mit weitem Spannbogen.

 

2. Große Herzen bewähren sich auch im Umgang mit unseren Mitmenschen. Es ist normal, daß wir voneinander eingenommen sind, solange wir einander etwas zu bieten haben, seien es nun Geist, Charme oder auch materielle Werte. Wir beginnen schnell zu seufzen, wenn sich das Zusammensein nicht auszahlt und der andere uns belastet. Das kann zum Stöhnen führen, von dem Jakobus hier spricht, aber es kann auch die Form haben, daß wir dem anderen ausweichen oder ihm ins Gesicht oder hinten herum vorrechnen, was er uns schuldig bleibt. Wie kleinlich erweisen wir uns dabei: Wir verdächtigen einander und nehmen vom anderen an, er müsse ebenso kleinlich sein wie wir selbst!

Dann gleichen wir dem Schalksknecht im Gleichnis (Mt 18, 23ff.): Der König hat sein großes Herz ihm gegenüber bewiesen und ihm alles vergeben. Er aber behält sein kleines Herz und beweist es gegenüber seinem Mitknecht, dessen Not und Bitten er sich verschließt und mit dem er auf Heller und Pfennig abrechnet. Gewiß bedeutet ein großes Herz nicht, daß wir über alles hinwegsehen, weil uns letztlich alles oder der andere gleichgültig ist.

Ein großes Herz hat der Mensch, der den anderen mit den Augen Gottes anschaut und ihm mit Gottes Liebe und Spannkraft begegnet. Gottes Maßstäbe sind aber von den unseren sehr verschieden. Er geht nicht vom Ich und seinem Vorteil aus, sondern er sieht das Ganze und das für alle Notwendige. Darüber werden Dinge, die uns unerläßlich wichtig erscheinen, oft sehr klein, andere von uns kaum beachtete dagegen groß. Ein großes Herz bewies Friedrich von Bodelschwingh, als er sein Leben für die Schwachsinnigen und Epileptischen einsetzte und ihnen eine Heimstatt schuf. Aber wir brauchen nicht so weit zu gehen: Das große Herz will sich heute im Zusammenleben mit unseren Mitmenschen bewähren.

 

3. Die dritte Bewährung des großen Herzens, die Jakobus erwähnt, erfolgt im Leiden. Hier wechselt im Text der für Geduld gebrauchte Begriff: statt vom großen Herzen ist vom Darunterbleiben die Rede. Jakobus weist auf den großen Dulder Hiob hin. Ihm werden sein Glück und seine Gesundheit zerschlagen. Seine Frau erklärt ihm: „Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Ja, sage Gott ab und stirb!“ Aber Hiob antwortet: „Du redest wie die närrischen Weiber reden. Haben wir Gutes von Gott empfangen und sollten das Böse nicht auch annehmen?“(Hiob 2) und doch ist dieser Hiob kein passiver Dulder. Das ganze Buch zeigt eine lange dramatische Auseinandersetzung mit Gott. Hiob nimmt das Leid, das Gott ihm zufügt, nicht einfach hin. Er geht durch furchtbare Kämpfe und Anfechtungen, er ringt mit Gott, wie einst Jakob am Jabbok. Seine Geduld beweist sich nicht im stillen Abfinden, sondern im Ringen mit und um Gott, bei dem Gott endlich doch Recht behält. Leiden ist auch für die Bibel kein Positivum an sich. Es ist furchtbare Belastung und kann zum Fluch werden, aber Leiden und Tragen aus der Einheit mit dem großen Herzen Gottes heraus hat die größte Verheißung. Christus leidet unter der Welt. Er geht durch Anfechtungen, und doch sagt er Ja zu Gott und liebt die ihn kreuzigende Welt. Das wird ihr zur Erlösung und Hoffnung, wenn Christen diesen Weg mit Christus gehen, hat auch ihr Weg Gottes Verheißung. Ihr Weg wird ihnen nicht zum Absturz, sondern das Leiden kann Ausdruck der Nähe Gottes sein. Zugleich werden Leidende oft zu Werkzeugen, die Gott in aller Stille braucht, obgleich ihre menschliche Eigenaktivität mehr und mehr erlischt.

Fassen wir zusammen: Gott, dessen großes Herz uns nur durch Christus sichtbar wird und das uns alle trägt, kommt auf uns zu. Bereit für ihn ist nur, wer sich ein großes Herz schenken läßt und dieses weite Herz bewährt..

 

 

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Wilhelm Hahn: Predigt in der großen Zeit der Theologischen Fakultät

 

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Letzte Änderung: 19.09.2017
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