„Überzeugungsstrategien”: Interdisziplinäres Projekt des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur Baden-Württemberg (Schwerpunktprogramm des Landes)

Ueberzeugungsstrategien

Beteiligte Disziplinen: Alte Geschichte, Germanistik, Musikwissenschaft, Rechtswissenschaft

Teilprojekt Musikwissenschaft: „Überzeugungsstrategien in der dramatischen Musik untersucht am Beispiel von Gerichts- und Entscheidungsszenen in Oper und Oratorium“

Leiterin:

Prof. Dr. Silke Leopold

Mitarbeiterin:

Juliane Hirschmann, M.A.

Überzeugungsstrategien in der dramatischen Musik – sie scheinen gerade dort, wo es vor allem um die Darstellung von Emotionen und Leidenschaften ebenso wie des Wunderbaren geht, keine Rolle zu spielen, denkt man doch bei Überzeugung zuerst an die wortreiche und rational gelenkte Argumentation. Diese steht jedoch in der musikdramatischen Gestaltung oft gar nicht im Vordergrund; es sind vielmehr die Emotionen, die Komponisten von Anfang an zu den ergreifendsten Überzeugungs-szenen inspiriert haben.

Im Rahmen des Projektes wird die musikalische Gestaltung von solchen Gerichts- und Entscheidungsszenen in Oper und Oratorium untersucht, in denen es um das weitere Glück oder Unglück des Protagonisten, ja um Leben oder Tod geht. Dies geschieht zunächst exemplarisch anhand von Orpheus vor der Unterwelt sowie vom Urteil des Salomon.

Der Mythos von Orpheus und Eurydike gehört zu den bedeutendsten Sujets der Operngeschichte und insbesondere die zentrale Szene – Orpheus, der vor den Göttern der Unterwelt mit Hilfe seiner Sangeskunst um die Rückgabe seiner Geliebten anhält – hat Komponisten durch die Jahrhunderte hindurch zu den vielseitigsten Vertonungen angeregt, angefangen bei Jacopo Peris Euridice (1600), über Claudio Monteverdis L'Orfeo (1607) und Christoph Willibald Glucks Orfeo ed Euridice (1762) bis hin zu Harrison Birtwistles The Mask of Orpheus (1986). Obwohl zahlreiche musikwissenschaftliche Studien zu einzelnen Orpheus-Opern vorliegen, fehlt eine Darstellung, die die musikalischen Strategien von Orpheus’ Überzeugungsversuchen vergleichend erarbeitet.

Bisher kaum wissenschaftliche Beachtung gefunden hat das Salomonische Urteil, obwohl es eine der bekanntesten Gerichtsszenen der Musikgeschichte ist. Die Untersuchung beginnt mit den Oratorien von Giacomo Carissimi (Judicium Salomonis, ca. 1660), Marc-Antoine Charpentier (Judicium Salomonis, 1702) und Georg Friedrich Händel (Solomon, 1749) und lässt sich auch hier bis ins 20. Jahrhundert fortführen, denn dort greift u.a. Alexander Zemlinsky mit der Oper Der Kreidekreis von 1933 den Stoff in seiner ostasiatischen Variante noch einmal auf. Im Mittelpunkt steht zunächst die Frage, wie die beiden Frauen musikalisch charakterisiert werden, die den König Salomon, noch vor seinem Befehl, das Kind zu teilen und jeder eine Hälfte zu überlassen, jeweils davon zu überzeugen versuchen, dass sie selbst die wahre Mutter seien.

In der Möglichkeit, die sprachliche Ebene durch die musikalische zu bereichern und mit der Musik den nonverbalen Anteil von Kommunikation aufzunehmen, erschließt sich die Komplexität von Überzeugungsstrategien in Oper und Oratorium.

Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 06.11.2012
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