Bild des Monats

Interessantes, spannendes und kurioses aus der Fotothek.
Wechselnde Einblicke in das umfangreiche Bild- und technische Material der institutseigenen Fotothek biete die neue Rubrik „Bild des Monats“. Einmal monatlich wird die Geschichte hinter einem Objekt aus der fotografischen Studien- und Lehrsammlung beleuchtet. Die Texte entstanden u.a. in Lehrveranstaltungen zum Fototheksbestand.

Dezember 2018

Unbekannter Fotograf, Schloss Bruchsal, Aufnahme ca. 1890Unbekannter Fotograf, Schloss Bruchsal, Aufnahme ca. 1890Unbekannter Fotograf, Schloss Bruchsal, Aufnahme ca. 1890
Unbekannter Fotograf, Schloss Bruchsal, Aufnahme ca. 1890, 28 x 21,3 cm und 27,6 x 22,4 cm (Karton: 34,7 x 26,8 cm),
Albuminpapier glänzend, auf Karton aufgezogen, Fotothek, Institut für Europäische Kunstgeschichte

Text: Liane Wilhelmus
Rund 50 Fotografien aus dem Besitz des Heidelberger Hof-Juweliers Nikolaus Trübner (1849-1910) finden sich in der topographischen Abteilung der Fotothek. Sie sind dort unter Bruchsal und Heidelberg eingeordnet. Nikolaus Trübner entstammte einer bekannten Heidelberger Handwerker-Familie, deren Wohn- und Geschäftshaus sich in der Hauptstraße 139 befand. Nach einer Ausbildung zum Goldschmied besuchte Trübner die Großherzoglich badische Kunstgewerbeschule in Karlsruhe. Im Jahr 1882 trat er in den elterlichen Betrieb ein und übernahm drei Jahre später die Geschäftsleitung. Er nahm an internationalen Ausstellungen, wie der Weltausstellung in Chicago, teil und seine Arbeiten wurden mit Preisen ausgezeichnet.
Die Fotografien, allesamt Albuminabzüge, lassen sich auf um 1890 datieren und tragen rückseitig den Stempel Nikolaus Trübners. Eventuell kam dieser Bestand mit Auflösung der Firma im Jahr 1972 in die kunsthistorische Fotothek, zumindest scheint darauf der rückseitige Institutsstempel auf einigen Kartons zu verweisen. Der Bestand lässt sich in Fotografien des Schlosses Bruchsal sowie des Heidelberger Schlosses unterteilen. Sie zeigen jeweils Baudetails, vielfach Dekore der Bauten und Innenräume. Entsprechend passen sie von daher gut in den Bestand einer kunsthistorischen Studien- und Lehrsammlung und geben zudem Auskunft über das Aussehen dieser Details vor Zerstörung der Bauten, vor allem des Schlosses Bruchsal. Von Trübner ist bekannt, dass er bei den Entwürfen seiner Goldschmiedearbeiten auf Vorlagenwerke und Musterbücher zurückgriff. Vermutlich dienten ihm auch die Fotografien der Stuckdekore aus dem Schloss Bruchsal diesem Zweck. Das historistische Formenvokabular seiner Arbeiten zeigt vielfach Rückgriff auf Rokoko-Elemente, wie diese in Bruchsal Verwendung fanden. Eine der Fotografien, die eine Spiegelkartusche zeigt, verweist zudem auf das eigene, damals noch junge Medium: die Kamera samt Fotograf ist im Spiegel mit abgelichtet worden.

November 2018

Giorgio Sommer: Panorama (Napoli), ca. 1867-1873
Giorgio Sommer: Panorama (Napoli), ca. 1867-1873, 19,6 x 24,7, cm, Albuminpapier auf Karton,
Fotothek, Institut für Europäische Kunstgeschichte

„Il Pino di Posillipo“ – Ausblick auf den Golf von Neapel

Text: Marie-Kathrin Blanck
Das Panorama von Neapel, von der Via Tasso aus gesehen, mit der Pinie im Vordergrund und dem Vesuv im Hintergrund, gehört zu den klassischen Ansichten des Golfs von Neapel. Die Fotografie übernimmt hierbei die gewohnte Sichtweise aus der Vogelperspektive, welche schon auf Stichen, Zeichnungen und Gemälden derselben Art vorzufinden ist. Dabei gliedert die Pinie im Bildvordergrund die Abbildung in zwei Teile: Zum einen erkennt man auf der linken Seite das Castel S. Elmo mit der darunterliegenden Stadt, zum anderen erstreckt sich auf der rechten Seite der rauchende Vesuv und der Golf von Neapel sowie Chiatamone und das davor gelagerte Castel dell’ Ovo. Häufig wurde bei derartigen Abbildungen der Rauch des Vulkans nachträglich hineinretuschiert oder im Negativ verstärkt, indem etwa mehrere Negative verwendet wurden. Die dargestellte Pinie, besser bekannt unter dem Namen „Il Pino di Posillipo“ oder „Il Pino di Napoli“, befindet sich an der Spitze des Hügels Posillipo, der sich von Neapel bis ins Meer erstreckt und Namensgeber des gleichnamigen Stadtteils ist. Abgebildet in zahlreichen Gemälden und Fotografien wurde der Baum zum Symbol für Neapel und prägender Teil der Darstellung des charakteristischen Panoramas Neapels. Entweder klassisch im Bildmittelpunkt befindlich oder an den Bildrand gerückt, ziert die berühmte Pinie ganze Serien gemalter Landschaftsdarstellungen und fotografischer Aufnahmen. So lichtete Giorgio Sommer diese gleich mehrmals ab, auch Giacomo Brogi und andere griffen dieselbe Ansicht mehrfach auf. Ebenso finden sich in der Malerei und Grafik einige Interpretationen des „Pino di Napoli“, etwa von Carl Blechen oder Iwan Aiwasowski, der die Pinie in stimmungsvolle Rottöne taucht. Mit der Einführung der Postkarte erlangte dieses charakteristische Motiv bei den Touristen höchste Beliebtheit und wurde zum meistgekauften Bild der Ansicht Neapels. Sogar Fotomontagen des beliebten Panoramas wurden bewusst angefertigt, in dem Personen einer anderen Fotografie entnommen und derartig eingepasst wurden, dass sie direkt neben der Pinie zu stehen scheinen. Nach einem mehr als einhundertjährigen Bestehen musste „Il Pino di Posillipo“ auf Grund einer Krankheit 1984 gefällt werden. Jedoch wurde im Jahre 1995 eine neue Pinie als Erinnerung an die alte „Pino di Napoli“ eingepflanzt, welche sich heute in der Via Felice Minucio, in der Nähe der Kirche Sant‘Antonio befindet, und deren Geburtstag jedes Jahr gefeiert wird.

Oktober 2018

Carlo Naya: Venedig, Blick auf L‘isola di S. Giorgio Carlo Naya: Venedig, Blick auf L‘isola di S. Giorgio
Carlo Naya: Venedig, Blick auf L‘isola di S. Giorgio, ca. 1870, Albuminabzug, 34 x 26 cm, auf Karton aufgezogen,
rückseitig beschriftet, Fotothek, Institut für Europäische Kunstgeschichte

Text: Liane Wilhelmus
Die Fotografie von Carlo Naya (1816-82) zeigt den Blick auf die Isola di San Giorgio in der Lagune von Venedig.  Mit den Bildern von pittoresken Stadtveduten und bekannten Bauwerken bedienten die Fotografen im 19. Jahrhundert vor dem Hintergrund des aufkommenden Tourismus das Bedürfnis der Reisenden nach Souvenirs. Die fotografischen Aufnahmen ersetzten schnell die grafischen und lithografischen  Stadtansichten, konnten sie doch schneller hergestellt werden und lieferten ein vermeintlich authentisches Bild. Die aus Malerei und Grafik bekannten Bildkompositionen und Formgestaltungen dienten der Fotografieals aber als Ausgangspunkt für eigene Formulierungen. Die Fotografie ist auf Karton aufgezogen, die entsprechenden mehrsprachigen Hinweise auf der Rückseite machen deutlich, dass die Aufnahme offenbar von vorneherein für den internationalen Vertrieb vorgesehen war.
1857 ließ sich Naya in Venedig nieder und eröffnete zusammen mit dem Verleger Carlo Ponti,  der die Fotografien vertrieb, ein Atelier. Ab 1868 betrieb Naya sein eigenes Studio in Venedig. Neben Ansichten der Stadt, die vor allem für die Architekturgeschichte von großem Quellenwert sind, ist Naya zudem für seine Reproduktionen von Kunstwerken aus verschiedenen Museen bekannt.

September 2018

Chorgestühl Bremen, Sammlung Hartlaub Chorgestühl Bremen, Sammlung Hartlaub Chorgestühl Bremen, Sammlung HartlaubChorgestühl Bremen, Sammlung HartlaubChorgestühl Bremen, Sammlung HartlaubChorgestühl Bremen, Sammlung HartlaubChorgestühl Bremen, Sammlung HartlaubChorgestühl Bremen, Sammlung HartlaubChorgestühl Bremen, Sammlung Hartlaub​ ​
Bremen, Chorgestühl, Wangen, Aufnahme um 1900, Silbergelatinepapier, matt, auf Karton aufgezogen,
Fotograf unbekannt, Fotothek, Sammlung Hartlaub, Institut für Europäische Kunstgeschichte

Text: Liane Wilhelmus
Im Bestand „Topographie“ sind bislang rund 60 Fotografien bekannt, die aus dem Besitz des Kunsthistorikers und ehemaligen Direktors der Mannheimer Kunsthalle Gustav Hartlaub (1884-1963) stammen. Hartlaub erhielt 1946 einen Lehrauftrag an der Heidelberger Universität, wo er drei Jahre später zum Honorarprofessor für Kunstgeschichte ernannt wurde. Vermutlich in dieser Zeit brachte er eine Sammlung an fotografischem Material in die Sammlung der kunsthistorischen Fotothek ein. Fotografien begriff Hartlaub als Arbeitsmaterial. Sie wurden von ihm fein säuberlich ausgeschnitten, im Bild markiert oder rückseitig auf dem Karton beschriftet, verschiedene Fotografien auf einem Karton vergleichend zusammengebracht. Dementsprechend zeigen sie zahlreiche Spuren der Verwendung und Bearbeitung, die sich bis in seine Publikationen und Vorlesungen nachverfolgen lassen. Die gezeigten Fotografien weisen Elemente des Chorgestühls im Bremer Dom (datiert auf 1360/80) auf. Seine reich verzierten Wangen zeigten Szenen aus der Heilsgeschichte, wobei sich Ereignisse aus dem Alten und dem Neuen Testament gegenüberstanden. Die Seitenwände (Wangen) wurden 1823 zur Restaurierung im Chor abgebrochen. Es sind nur noch 9 von 38 Wangen erhalten, die heute in der Südkapelle angebracht sind. Die Fotografien wurden von Hartlaub sauber ausgeschnitten und je einzeln auf hochschmale Kartons aufgezogen und nummeriert. Vermutlich wollte Hartlaub, der sich mit der Bremer Skulptur dezidiert auseinandergesetzt hatte, die Zusammensetzung des Bremer Chorgestühls (datiert auf 1360/80), von dem keine Gesamtansicht bekannt ist, mit den Einzelfotografien rekonstruieren. Der Verdacht erhärtet sich, da bei einigen Fotografien rückseitig der Name „Habicht“ mit Bleistift geschrieben ist. Der Kunsthistoriker Viktor Curt Habicht (1883-1945) studierte u.a. an der Universität Heidelberg in der neuen Abteilung des Archäologischen Institutes bei Henry Thode, bei dem er sich 1911 promovierte. Im Anschluss war er ebenda Assistent, bis er sich 1914 an der Technischen Hochschule Hannover habilitierte und dort als a.o. Professor lehrte. Habicht war ab 1933 Mitglied der NSDAP. Hartlaub bezieht sich eben auf Habichts Rekonstruktionsversuch des Bremer Chorgestühls, den dieser 1913 im Repertorium für Kunstwissenschaft (Bd. 36) publizierte. Eine Veröffentlichung oder Lehrveranstaltung Hartlaubs zu diesem Thema ist jedoch bislang nicht bekannt.

Seitenbearbeiter: Webadministrator
Letzte Änderung: 04.12.2018
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