„Alleinstehende Frauen“, „Freundinnen“, „Frauenliebende Frauen“ – Lesbische* Lebenswelten im deutschen Südwesten (ca. 1920er-1970er Jahre)

Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Lesben und Schwulen in München
Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Lesben und Schwulen in München. Foto von Henning Schlottmann.

 

Die Geschichte weiblicher Homosexualität führt in der akademischen Forschung immer noch ein Schattendasein. Das gilt, obwohl in den letzten Jahrzehnten einschlägige Forschungsarbeiten entstanden sind – vielfach jenseits der Universitäten und Akademien. Vor allem im Vergleich zur Geschichte männlicher Homosexualität fällt die Randständigkeit auf.

Initiative Autonome Feministische Frauen und Lesben aus Deutschland und Österreich
Gedenkkugel für lesbische Frauen im ehemaligen Frauen-KZ Ravensbrück. Das Denkmal war und ist zwischen lesbischen und schwulen Aktivist*innen umkämpft. Copyright: Initiative „Autonome Feministische Frauen und Lesben aus Deutschland und Österreich“.

Aber auch in der Frauen-, Geschlechter- und Sexualitätsgeschichte werden frauenliebende Frauen* und lesbisches* Begehren oft ausgeblendet. So steht die historische Forschung bis heute vor großen Herausforderungen. Waren es zunächst Ressentiments und Repressionen gegenüber weiblicher Homosexualität, die die geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema hemmten, so führten das Verschweigen und Verdrängen lesbischen* Lebens aus der Öffentlichkeit zu dem heute oft beklagten Quellenmangel. Aufgrund dessen ist über die Lebenssituation, die Diskriminierungen und Emanzipationsbestrebungen frauenliebender Frauen* bisher sehr wenig bekannt.

Ziel des gemeinschaftlichen Forschungsprojekts „Alleinstehende Frauen“, „Freundinnen“, „Frauenliebende Frauen“ – Lesbische* Lebenswelten im deutschen Südwesten (ca. 1920er-1970er Jahre) ist es, Lebenswelten von frauenliebenden Frauen* außerhalb der großen Metropolen wie Berlin oder Hamburg zu erschließen. Es wird vom MWK Baden-Württemberg finanziert und ist an den Universitäten Heidelberg und Freiburg angesiedelt. Fünf Leitfragen strukturieren die Untersuchung:

Wie haben lesbische* Frauen im deutschen Südwesten gelebt? Auf welche Hindernisse, Diskriminierungen und Verfolgungen stießen sie, insbesondere in der NS-Zeit, in der die lebendige und vielfältige homosexuelle und lesbische* Kultur der Weimarer Republik weitgehend zerschlagen wurde? Welche Nachwirkungen hatten diese Verfolgungen und Ausgrenzungen durch den Nationalsozialismus in der Zeit nach 1945? Wie gestaltete sich lesbisches* Leben in den 1950er und 1960er Jahren, welchen Handlungsspielraum hatten frauenliebende Frauen*? Wie interagierten lesbische* Frauen mit den durch Politik, Recht, Gesellschaft und Wissenschaft gesetzten Normen?

 

Diese Fragen werden in drei Teilprojekten diskutiert:


1.    Akteurinnen – Vernetzungen – Kommunikationsräume
Das Teilprojekt untersucht anhand biographischer Beispiele Lebenswege „lesbischer* Akteurinnen“ zwischen den 1920er und 1970er Jahren, wobei ein Schwerpunkt auf den Erfahrungen und den Handlungsräumen in der Zeit des Nationalsozialismus liegt. Im Fokus des Projekts stehen frauenliebende Frauen*, die – öffentlich oder in Teilöffentlichkeiten – in Politik, Gesellschaft und Kultur hervortraten oder in politischen, sozialen oder kulturellen Bewegungen, insbesondere der Frauen- und Homosexuellenbewegung, aktiv waren. Es wird versucht, über die „realen“ wie „virtuellen“ Kommunikationsräume, die potentiell im deutschen Südwesten zur Verfügung standen – also Organisationen, Vereine, Clubs, Zeitschriften, Publizistik –Akteurinnen lesbischer* Existenz in ihren Vernetzungen zu erfassen.

Leitung: Prof. Dr. Sylvia Paletschek (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Historisches Seminar)
Mitarbeiter*in: Muriel Lorenz, M.A.
 

2.   Die Grenzen des Privaten. Rechtliche und private Rahmenbedingungen
Das Teilprojekt untersucht die Schnittstellen von privaten Lebensentwürfen und gesetzlichen Vorgaben zwischen den 1930er und den späten 1960er Jahren. Dabei stehen Normen und die Art, wie sie durchgesetzt wurden, im Zentrum der Betrachtungen. Konkret fragt das Teilprojekt einerseits danach, wo Frauen* mit ihrer Lebensweise in rechtlichen, polizeilichen oder fürsorgerischen Kontexten sichtbar (gemacht) wurden. Analysiert wird, wie sie sich infolge dessen mit normativen Vorgaben auseinandersetzen und ihre Lebensentwürfe in diesen Kontexten kommunizieren mussten. Zum anderen fragt es nach den juristischen, polizeilichen und fürsorgerischen Diskursen, die die Normsetzungen hervorbrachten, begründeten und legitimierten. Dabei interessiert besonders, welche Möglichkeiten der Kommunikation, aber auch Lebensgestaltung im Spiegel der Überlieferung sichtbar werden.

Leitung: Prof. Dr. Katja Patzel-Mattern (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Historisches Seminar)
Mitarbeiter*in: Mirijam Schmidt, M.A.
 

3.   Medizin- und wissenschaftsgeschichtliche Perspektive
Das Teilprojekt rekonstruiert, wie im Südwesten die Medizin, besonders die Psychiatrie, mit weiblicher Homosexualität im Untersuchungszeitraum umging, indem aus Publikationen und publizierten Kasuistiken herausgearbeitet wird, wie Wissenschaftler*innen der Psychiatrie und den benachbarten Disziplinen sich bezüglich dieses Themas positioniert haben. Welche Wissenschaftler*innen haben sich besonders hervorgetan? Im zweiten Schritt sollen mit dem patientenhistorischen Ansatz Fallvignetten von frauenliebenden Frauen* und Cross-Dresser*innen rekonstruiert werden, indem die in den psychiatrischen Patientenakten aufzufindenden Spuren in andere Quellen weiterverfolgt werden (Fürsorgeakten, Polizeiakten und Gerichtsakten). Auf diese Weise können aus dieser Perspektive Lebenswege frauenliebender Frauen* sichtbar gemacht werden.

Leitung: Prof. Dr. Karen Nolte (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Medizingeschichte)
Mitarbeiter*in: Steff Kunz, M.A.
 

Die Ergebnisse der drei Teilprojekte werden in Fallvignetten zusammengeführt. Dazu werden biografische Fragmente und Spuren, die frauenliebende Frauen* in den Bereichen von Politik, Gesellschaft, Kultur, Justiz und Medizin hinterlassen haben, rekonstruiert. Der Vergleich dieser einzelnen Biografien und Fallvignetten ermöglicht es, Handlungsräume von Frauen, deren Empfinden und Verhalten von heteronormativen Vorstellungen abwich, aufzuzeigen und Veränderungen sowie Kontinuitäten über die politischen Systeme hinweg sichtbar zu machen.
 


Pressespiegel

Pressemitteilung des Staatsministeriums Baden Württemberg vom 13.04.2021: Land unterstützt Forschungsprojekt zum Leben lesbischer Frauen, MWK Baden-Württemberg

Pressespiegel der Universität Heidelberg vom 14.04.2021: Land fördert Forschungsprojekt über lesbische Frauen im Südwesten

Presseinformation der Universität Heidelberg vom 16.04.21: Lesbische Lebensweltenzwischen 1920 und 1970 - Interdisziplinäres Forschungsprojekt von Heidelberger und Freiburger Wissenschaftlerinnen, oder auf der Webseite des IDW

Press Release of the University of Heidelberg on 16/04/21: Lesbian Life Worlds Between 1920 and 1970 - Interdisciplinary research project by Heidelberg and Freiburg scholars (English), or on the website of IDW (Scientific Information Service)

 

Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 30.04.2021
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