Leitbild der Neuphilologischen Fakultät

Die Neuphilologische Fakultät sieht innerhalb der Universität Heidelberg die Hauptaufgaben ihrer Forschung und Lehre auf den Feldern von Sprache, Literatur und Kultur. Im Zentrum stehen neuere europäische Sprachen und Literaturen, die inklusive ihrer kulturellen Kontexte vom Mittelalter bis zur Gegenwart und in ihrer transkulturellen, durch Migration und Kolonialismus bedingten Verbreitung erforscht und gelehrt werden – insbesondere Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch, Russisch, Polnisch, Tschechisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch und Bulgarisch. In allen genannten Sprachen bietet die Fakultät eine vertiefte Sprachausbildung an.
An der Neuphilologischen Fakultät werden sowohl theoriebasierte Grundlagenforschung als auch unmittelbar anwendungsbezogene und experimentelle Forschung betrieben. Die fachlichen Schwerpunkte liegen in folgenden Bereichen:

  1. Die Literaturwissenschaft widmet sich der Erschließung und Bewahrung von Texten, der kulturwissenschaftlich eingebetteten und interkulturell vergleichenden Textinterpretation sowie der Literaturtheorie.
  2. Die Sprachwissenschaft/Linguistik analysiert sprachliche Strukturen auf Basis theoretischer Modelle sowie mittels korpusbasierter und computationeller Methoden und entwickelt und erforscht die maschinelle Verarbeitung natürlicher Sprache. Sie konzentriert sich außerdem auf die zunehmende kulturelle und sprachliche Diversität in der Gesellschaft.

In den skizzierten Schwerpunkten sieht die Neuphilologische Fakultät eine Aufforderung, sich mit einer Reihe gesellschaftlicher Entwicklungen auseinanderzusetzen, darunter:

  • neue, vorwiegend digitale Formen der sprachlichen Kommunikation, welche neue kommunikative Praktiken und stetig wachsende Mengen digitalisierter sprachlicher Information im Internet erzeugen;
  • zunehmende Ersetzung der erfahrungs- und wissensbasierten individuellen Urteilsbildung, Argumentation und Reflexion durch Meinung und Parolen;
  • sprachliche Manipulation in Werbung, Medien und politischer Propaganda;
  • Veränderungen des allgemeinen Bildungsniveaus und des Konsenses darüber, worin ‚Bildung‘ besteht;
  • Rückgang historischer Kenntnisse und schwindende Vertrautheit mit dem traditionellen literarischen Kanon;
  • Veränderungen des Status und der lebensweltlichen Bedeutung von Literatur in Kultur und Gesellschaft;
  • neue regionale, ethnisch-nationale und europäische Identitätsbildungsprozesse und deren Indienstnahme von Sprachen und Literaturen;
  • Zunahme der Vielfalt an individuellen Sprachbiographien aufgrund von Migrationsbewegungen und damit einhergehend die Notwendigkeit, zu einem sprachsensiblen Lernumfeld in Schulen beizutragen.

Unser Ziel ist es, diesen Problemstellungen mit sprach-, literatur- und kulturwissenschaftlichen Methoden offen und konstruktiv zu begegnen, den gesellschaftlichen Wandel im Bereich Sprache und Literatur auf historisch informierter Basis reflektiert und kritisch zu begleiten, die produktiven Möglichkeiten des sozialen, technischen und medialen Wandels zu erkennen, zu erforschen und für eine aufgeklärte und freie Gesellschaft zu verstärken.

Aus den genannten aktuellen und zukünftigen Entwicklungen und aus der seit vielen Jahrzehnten gewachsenen Struktur und Gestalt der beteiligten Fächer ergeben sich das Selbstverständnis der Neuphilologischen Fakultät und ihr Auftrag in Forschung und Lehre wie auch hinsichtlich des Transfers in die Gesellschaft:

  1.  Wir verfügen über umfassende wissenschaftliche Kompetenzen für adäquate und konstruktive Untersuchungen sprachlicher, literarischer und kultureller Phänomene der Vergangenheit und Gegenwart und setzen sie zum Wohle der Gesellschaft ein.
  2. Die Sprachfähigkeit des Menschen ist eine einzigartige Auszeichnung, birgt aber in der Ambivalenz von Sprache zugleich Gefahren. Unsere Forschung und unsere Lehre zielen daher nicht auf Simplifizierungen, sondern auf ein präzises Verstehen der Vielfalt, der Komplexität und der Paradoxa sprachlicher, literarischer und gesellschaftlicher Phänomene. Daher beziehen wir stets unterschiedliche Perspektiven in unsere Fragestellungen ein und unterstützen unsere Studierenden in der Heranbildung eines kritisch-analytischen Denkens, um die Komplexität und Mehrdimensionalität soziokultureller Entwicklungen und Verflechtungen, die in Sprache und Literatur zum Aus-druck kommen, adäquat zu erfassen.
  3. Wir reflektieren auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Methoden die Bedeutung von Sprache und Literatur in der Gesellschaft. Wir betreiben sowohl philologisch-hermeneutische und philosophisch wie soziologisch fundierte als auch empiri-sche und anwendungsorientierte Forschung, welche sich in der Lehre widerspiegelt. Wir suchen auf Grundlage unserer disziplinären Stärken die interdisziplinäre Vernetzung in Forschung und Lehre und scheuen uns auch nicht vor Fragestellungen, die sich jenseits herkömmlicher Fächerzuständigkeit auftun.
  4. Wir wollen unsere Studierenden und die außeruniversitäre Öffentlichkeit für eine intensive kritische Beschäftigung mit Sprache und Literatur begeistern und nicht nur sie, sondern auch uns selbst lehren, dass diese Beschäftigung, die auch ferne Vergangenheiten und entlegene Regionen einschließt, essentiell für ein umfassendes Verständnis der aktuellen und zukünftigen Vorgänge in Gesellschaft und Kultur ist. Unsere Forschung hat daher immer auch eine didaktische und pädagogische Komponente.
  5. Uns ist bewusst, dass unsere Fakultät aus der eurozentrischen Perspektive der ‚Nationalphilologien‘ heraus entstanden ist und wir tragen der Kritik an diesem Paradigma Rechnung. So reflektieren und erforschen wir diese Geschichte unserer Fächer und stellen zunehmend – insbesondere im Verbund mit den anderen Geistes-, Human- und Sozialwissenschaften der Universität Heidelberg – unsere Untersuchungs- und Lehrgegenstände dezidiert in eine transkulturelle Vergleichsperspektive. Ebenso bringen wir unsere sprach- und literaturwissenschaftlichen Kompetenzen in die bestehenden und sich entwickelnden ‚Area Studies‘ der Universität ein.
  6. Wir bewahren durch Editionen, Übersetzungen, Kommentare und Handbücher die sprachliche und literarische Vergangenheit und erhalten sie lebendig. Wir erforschen die historischen und kulturellen Kontexte von Sprache und Literatur und begreifen Sprachen, Sprachdenkmäler und literarische Erzeugnisse aller Art als globales kultu-relles Erbe. Der Transfer in die Lehre und die außeruniversitäre Öffentlichkeit ist uns dabei ein wichtiges Anliegen. Ferner ist es unser Ziel, aus der Untersuchung der sprachlichen und literarischen Vergangenheit Einsichten über die Sprache(n) der Gegenwart zu gewinnen und diese Erkenntnisse für die Auseinandersetzung mit aktuellen und zukünftigen Entwicklungen zu nutzen.
  7. Wir nehmen unseren Auftrag wahr, zu einem gerechteren Bildungssystem beizutragen, indem zukünftige Generationen von Lehrerinnen und Lehrern auf Grundlage ausgeprägter fachwissenschaftlicher Kenntnisse und dem Wissen über die Beein-flussbarkeit von Lern- und Entwicklungsprozessen auf die zunehmende kulturelle und sprachliche Heterogenität von Schülerinnen und Schüler vorbereitet werden.
  8. Die Neuphilologische Fakultät versteht sich als eine Gemeinschaft von Lehrenden und Studierenden, von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in den verschiedenen Phasen ihrer Bildungsentwicklung und ihrer wissenschaftlichen Laufbahn. Viele von ihren Mitgliedern sind nur für kürzere Zeit an der Fakultät. Alle sollen diese Fakultät als einen Ort erleben, an dem jedes Mitglied ernst genommen wird und an dem wis-senschaftliches Lehren und Lernen, Denken und Argumentieren, Lesen und Schreiben oberste Priorität haben. Die Fakultät ist ein Raum, der die individuelle Forschung und das wissenschaftliche Gespräch ermöglicht. Sie möchte gute Bedingungen materieller (Zeit, Raum, Infrastruktur) wie ideeller Art (kollegialer Austausch und umsichtiges Miteinander) schaffen, damit alle Fakultätsmitglieder ihrem äußeren wie inneren Auftrag gemäß forschen, lehren und lernen können.

Heidelberg, November 2019

English version

 

Seitenbearbeiterin Iris Hoffman: E-Mail
Letzte Änderung: 06.05.2020
zum Seitenanfang/up