Diskurspartikeln und Kognition
DPKog

 

 

Theoretische Grundlagen und Arbeitshypothesen

Sprachliche Äußerungen werden mittels inferentieller Prozesse verarbeitet. Ihre Dekodierung ist weder ein automatischer noch ein unfehlbarer heuristischer Prozess. Daher gibt es in jeder Sprache bestimmte Mechanismen, die diese mentalen Prozesse begrenzen und den Hörer zu dem vom Sprecher kommunizierten Inhalt führen. Dazu gehören die Diskurspartikeln, die in Übereinstimmung mit ihren semantischen, morphosyntaktischen und pragmatischen Eigenschaften verschiedene Informationen kodieren. Neben den Modalpartikeln (z.B. wirklich, anscheinend), die den Sprecher im Diskurs verorten, sowie den konversationellen Partikeln (z.B. na ja, ach so), gibt es Partikeln, die auf der Ebene des Textes wirken und die Formulierung, die strukturelle Organisation des Textes, die informative Ebene und die Argumentation betreffen (z.B. das heißt, zuletzt, sogar, daher).
Dabei werden der Untersuchung die folgenden Arbeitshypothesen zugrunde gelegt:

  • Die Diskurspartikeln bedingen den Verarbeitungsaufwand von Äußerungen (kognitiver Ansatz).
  • Dieser Verarbeitungsaufwand ist durch die einzelsprachlichen semantischen, morphosyntaktischen und pragmatischen Eigenschaften der Diskurspartikeln determiniert (idiomatischer und kontrastiver Ansatz).
  • Der Verarbeitungsaufwand einer Äußerung hängt von spezifischen Eigenschaften der verschiedenen Diskurspartikeltypen ab und verändert sich gemäß der Funktionsweise der Partikeln im Diskurs (Diskursvariablen).
  • Diskurspartikeln, als intentionale Zeichen und Anweisungen zur Informationsverarbeitung, werden von Muttersprachlern und Nichtmuttersprachlern in Verständnisaufgaben mit unterschiedlichen Strategien verarbeitet (Subjektvariable).

 

Methodologie

In dem Projekt wird ein hypothetisch-deduktiver Ansatz verfolgt, da von beobachtbaren Verhaltensweisen ausgegangen wird und Hypothesen der theoretisch-deskriptiven Sprachwissenschaft überprüft werden. Hierfür werden Experimente konzipiert, um in verschiedenen Sprachen den Einfluss der Diskurspartikeln auf die Informationsverarbeitung zu untersuchen. Die Experimente werden mit zwei komplementären Methoden durchgeführt:

  • Blickbewegungsaufzeichnung (eye-tracking)
    Um den Verarbeitungsaufwand von Äußerungen mit und ohne Diskurspartikeln zu messen, werden in diesem Teil des Experiments die Blickbewegungen der Pupille beim stillen Lesen gemessen.
  • Reaktionszeitmessung und Verständnisprüfung durch selbstgesteuertes Lesen
    In diesem zweiten Teil wird das selbstgesteuerte Lesen eingesetzt, um zu überprüfen, ob die Probanden aus den Äußerungen die erwartbaren Inferenzen auch tatsächlich verarbeitet haben und ob es signifikante Unterschiede bei der Verarbeitung der Äußerungen mit und ohne Diskurspartikeln gibt.

Eye-tracking Lab II
Das aktuelle Labor ist ausgestattet mit einem Eyetracker-System RED 500 von SMI (Sensomotoric Instruments). Dieses System kann die Augenbewegungen mit einer Frequenz von 500 Hz, 250 Hz, 120 Hz oder 60 Hz und mit einer Messabweichung von 0.4° aufnehmen. Für die Experimentaufnahmen und Datenauswertung steht folgende Software zur Verfügung:

  • SMI Experiment Suite 360°
  • SMI BeGaze
  • SMI Video Analysis Package
  • SMI Reading Package

Mehr Information unter: http://www.hulclab.eu/index.php/resources

 

Ziele

Ziel des Forschungsprojektes ist, die deskriptiven Studien zur Diskursmarkierung um eine experimentelle Analyse zu erweitern, und zu überprüfen, inwiefern Diskurspartikeln in verschiedenen Sprachen den Verarbeitungsaufwand von Äußerungen bedingen. Zum einen sollen die Ergebnisse der deskriptiven und kontrastiven Studien über Diskurspartikeln experimentell überprüft werden. Zum anderen soll durch die sprachvergleichende Untersuchung der Verarbeitungsprozesse und des Verarbeitungsaufwands Aufschluss über die Funktion und Eigenschaften von verschiedenen Diskurspartikeltypen in mehreren Sprachen gegeben werden.
Eine empirische Untersuchung zur Informationsverarbeitung mittels Diskurspartikeln in unterschiedlichen Sprachen wird Erkenntnisse für die allgemeine und deskriptive Sprachwissenschaft, sowie für die angewandte Sprachwissenschaft liefern. Der kontrastive Ansatz ermöglicht die Feststellung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den verschiedenen Sprachsystemen, die unabdingbar für eine anschließende übersetzungswissenschaftliche Untersuchung sind. Durch den Vergleich kann beobachtet werden, wie die universellen kognitiven Inhalte in den untersuchten Sprachen kodiert sind.

Verantwortlich: Webmaster
Letzte Änderung: 02.11.2017
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