Margot Becke-Goehring„Die Universität Heidelberg war und ist meine große Liebe“

Margot Becke-Goehring war die erste und bisher einzige Rektorin der Ruperto Carola

Margot Becke-Goehring (> Historische Porträts)

„Ziemlich genau 23 Jahre bin ich an der Universität Heidelberg geblieben. Als ich ging, war der Traum von der Universität, in der Lehrer und Schüler eine Gemeinschaft bilden, ausgeträumt.“ Diese Worte stammen von Margot Becke-Goehring, die von 1966 bis 1968 nicht nur die erste – und bisher einzige – Frau an der Spitze der Universität Heidelberg war, sondern auch generell die erste Rektorin einer westdeutschen Universität. Dass die Chemikerin 1969 Heidelberg verließ und Direktorin des Gmelin-Instituts für Anorganische Chemie der Max-Planck-Gesellschaft wurde, lag an der Umbruchphase der deutschen Universitäten in der unruhigen Zeit um 1968 und den damit zusammenhängenden Erlebnissen und Ergebnissen, die sie enttäuschten. Dennoch zog die 2009 verstorbene Wissenschaftlerin Jahre nach ihrem Weggang ein versöhnliches Resümee: „Die Universität Heidelberg war und ist meine große Liebe.“

Begonnen hatte diese Liebe in den Wirren der Nachkriegszeit. Die 1914 in Ostpreußen geborene Margot Goehring hatte sich schon als junges Mädchen für Naturwissenschaften interessiert und nach ihrem Abitur in München und Halle Chemie studiert. Im Jahr des Kriegsbeginns 1939 promoviert, erlebte sie das Kriegsende als frisch habilitierte Privatdozentin am Chemischen Institut der Universität Halle, an dem sie aber nicht bleiben konnte: Von der amerikanischen Militärregierung wurde ihr und ihren Kollegen 1945 „höflich, aber bestimmt mitgeteilt, dass sich die Besatzungszonen änderten und die US-Armee Befehl hätte, uns nach Westen zu transportieren, wo sie uns bräuchten“.

Margot Becke-Goehring

So landete Margot Goehring zunächst im völlig zerstörten Darmstadt, von wo es weiter ging in das südhessische Dorf Gundernhausen. Dort machte sie ihr früherer Kollege Günther Schenck ausfindig, den es nach Heidelberg verschlagen hatte. Er machte sie bekannt mit Karl Freudenberg, dem langjährigen Dekan der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät und Direktor des Chemischen Instituts der Ruperto Carola, die bald – als erste deutsche Universität nach dem Krieg – wieder den Betrieb aufnehmen sollte. Freudenberg bot Goehring eine Stelle als Dozentin für den anorganisch-chemischen Unterricht an, die sie anders als ein gleichzeitig eintreffendes Angebot aus Hamburg annahm: „Mein Herz schlug damals schon für Heidelberg.“

Am 2. Januar 1946 nahm Margot Goehring ihre Arbeit in der Akademiestraße, dem damaligen Sitz des Chemischen Instituts, auf. „Es war eine großartige Zeit voller Anstrengung, voller Leben. Die Studenten waren lernbegierig, bereit, alles für die Wissenschaft zu tun, und ich selbst arbeitete mit einer Lust, die kaum nachzuempfinden ist. Es war eine große Last, aber auch ein großes Vergnügen, Hochschullehrer zu sein.“ Schon bald machte Margot Becke-Goehring, wie sie ab 1957 nach ihrer Hochzeit mit dem Industriechemiker Friedrich Becke  hieß, Karriere: Als sie im August 1947 einen Ruf auf einen Lehrstuhl für anorganische Chemie an ihrer alten Universität Halle erhielt, wurde sie im Dezember 1947 in Heidelberg zur planmäßigen außerordentlichen Professorin für analytische Chemie ernannt – schließlich lag „ihr Hierbleiben im entscheidenden Interesse der Fakultät“, da sie in „hohem Maße über die – üblicherweise nur männliche – Qualität selbstständig-kritischer Wissenschaftlichkeit“ verfüge, wie Dekan Freudenberg schrieb.

1959 wurden Becke-Goehring die Rechte eines persönlichen Ordinariats verliehen, da sie nicht nur „im In- und Ausland ein außergewöhnlich großes Ansehen als Gelehrte“ genieße, sondern sich auch „dank ihrer tatkräftigen, klaren und warmherzigen Art in gleicher Weise die Verehrung der Studenten wie der Kollegen der Fakultät und Universität erworben“ habe. 1961 wurde sie Dekanin, 1963 folgte die Ernennung zur Ordentlichen Professorin. Im Februar 1966 schließlich wählte der Senat Becke-Goehring für das Amtsjahr 1966/67 zur Rektorin. Die Wahl, der eine zweite Amtszeit 1967/68 folgte, sorgte für nationales und auch internationales Aufsehen, da bis dahin nur die Technische Hochschule Dresden von einer Rektorin geleitet worden war. Kurzzeitig wurde diskutiert, ob die Anrede nun „Magnifica“ heißen müsse, es blieb aber bei „Magnifizenz“.

Margot Becke-Goehring Vereidigung

Doch die beiden Jahre als Rektorin wurden für Margot Becke-Goehring alles andere als leicht. „Die Bürde Ihres Amtes ist in der Geschichte der Ruperto Carola wohl selten so schwer und verantwortungsvoll gewesen wie zu Ihrer Amtszeit, in der die Universität vor einem neuen Abschnitt ihrer Geschichte steht“, heißt es in einem Geburtstagschreiben eines Regierungsdirektors im Juni 1968. Ihre Amtszeit begann bereits mit heftigen Auseinandersetzungen mit dem baden-württembergischen Finanzministerium, da das neue Zeitalter der Massenuniversitäten zu Raum- und Personalmangel führte. Becke-Goehring strebte Reformen an und wurde mit ihren Bemühungen unter anderem auch zu einer Wegbereiterin des BAföG. Doch dies kollidierte mit den Studentenunruhen, die in Heidelberg besonders vehement abliefen und ihren Höhepunkt in der Besetzung der Neuen Universität Ende Mai/Anfang Juni 1968 fanden.

„Universitäten müssen Unruhe ausstrahlen, das erfordert schon die kritische Funktion der Wissenschaft“, schrieb Becke-Goehring in ihren Erinnerungen. Doch während ihrer Zeit als Rektorin habe diese Unruhe „falsche, nämlich politische Akzente“ erhalten, es habe sich ein „Klassenkampfdenken“ entwickelt, „das bewirkte, dass sich die einzelnen Gruppen der Universität feindlich gegenübertraten“. Als schließlich nach dem Landeshochschulgesetz eine neue Grundordnung für die Universität verabschiedet wurde, die ihrer Auffassung von freier Lehre und Forschung widersprach, verließ sie zunächst die dafür zuständige Versammlung, später dann auch die Universität: „Mit dem Anspruch der Universität, eine Stätte zu sein, an der die Wahrheit gesucht wird, hängt der Anspruch der Autonomie zusammen. (...) Die Autonomie der Universität starb. Die Universität geriet unter die Herrschaft des staatlichen Beamtenapparates.“

Literaturhinweis

Margot Becke-Goehring / Dorothee Mussgnug: Erinnerungen – fast vom Winde verweht. Universität Heidelberg zwischen 1933 und 1968. Schriften der Margot-und-Friedrich-Becke-Stiftung zu Heidelberg, Band 4 (2005)

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