Rudi Sonnenbichler Die Vergänglichkeit des Siegens

Rudi Sonnenbichler lehrt am Sportinstitut und trainiert die Herren-Nationalmannschaft im Sitzvolleyball

Rudi Sonnenbichler

Halbe Sachen machen? Das ist nichts für Rudi Sonnenbichler. Entsprechend brüsk lehnte er zunächst das Angebot ab, Trainer der HerrenNationalmannschaft im Sitzvolleyball zu werden: »Auf eine Freizeittruppe habe ich keine Lust.« Die sportliche Qualität und Leistung aber, die er dann bei einem internationalen Turnier in dieser paralympischen Sportart zu sehen bekam, überzeugte den Lehrbeauftragten am Heidelberger Institut für Sport und Sportwissenschaft. Seit vier Jahren arbeitet er nun bereits als Bundestrainer der Sitzvolleyballer – ein Engagement, das sich nicht nur in großen Turniererfolgen auszahlt.

In der Volleyballszene ist Rudi Sonnenbichler kein Unbekannter: Drei Medaillen bei Europameisterschaften, Top-Platzierungen bei Weltmeisterschaften und eine Goldmedaille bei der Nachwuchs-Olympiade gehen auf sein Konto, zudem der Aufstieg von drei Volleyballvereinen in die Erste Bundesliga und – im Zuge der Wiedervereinigung – der Aufbau des damals einzigen Spielsportinternats in Deutschland. Diese Bilanz jedoch, die er sich in über zwanzig Jahren als Bundestrainer im Damen- und Juniorenbereich erarbeitet hat, bedeutet dem 67-Jährigen wenig. »Das ist doch alles unwichtig«, erklärt der gebürtige Mittenwalder in rustikalem oberbayrischen Dialekt. »Wen interessiert das heute noch? Kei’ Sau!« Erfolge, Ruhm und Medaillen – diese Motivation, die ihn zu Beginn seiner Karriere antrieb, hat sich schon lange überholt.

 

Rudi Sonnenbichler hat in seinem Leben mehrere Kehrtwendungen hingelegt und dabei »immer mal wieder nicht ganz obrigkeitshörig« gehandelt, wie er mit einem Augenzwinkern zugibt – sei es, dass er in der Oberstufe 100 Tage schwänzte, weil »alles andere wichtig war, nur nicht die Schule«, sei es, dass er sich nach seinem Lehramtsstudium zunächst dem Kultusministerium verweigerte, das ihn für das Referendariat »irgendwohin in die Provinz verschicken« wollte. Als »Strafe« landete er schließlich im »badisch-sibirischen« Creglingen, einem knapp 4.000-SeelenÖrtchen in Tauberfranken. Wenn Rudi Sonnenbichler sich aber für eine Sache entschieden hat, verfolgt er sie mit vollem Einsatz. So gründete er in Creglingen eine Volleyball-Mannschaft, die er als Trainer über zehn Klassen bis in die erste Liga führte. Und so hat er sich mit der Nationalmannschaft im Sitzvolleyball vor zwei Jahren zu olympischem Bronze und aktuell auf den vierten Platz der Weltrangliste gekämpft.

 

Rudi Sonnenbichler

Was der Heidelberger Volleyballdozent in den letzten vier Jahren als Bundestrainer im Behindertensport erlebt hat, geht jedoch sehr viel tiefer als der offensichtliche sportliche Erfolg. Da sind zum einen die athletische Höchstleistung und die Einsatzbereitschaft seiner Spieler, die Rudi Sonnenbichler, wie er offen eingesteht, in dieser Randsportart und angesichts der körperlichen Beeinträchtigungen so nicht erwartet hätte – viele der Sitzvolleyballer sind ein- oder sogar beidseitig beinamputiert, oft infolge schwerster Unfälle oder Erkrankungen. »Ich bin fasziniert, was diese Sportler trotz großer Widerstände und trotz zum Teil schrecklicher Schicksale leisten, wie belastbar sie sind«, zeigt er sich beeindruckt. Und da sind das Miteinander, die Solidarität und der große Enthusiasmus, die den Behindertensport prägen und die für den 67-Jährigen letztlich viel tragfähiger sind als Medaillen und mediale Aufmerksamkeit.

Vergangene Erfolge, Ruhm und Medaillen – wen interessiert das heute noch? Kei’ Sau!

Rudi Sonnenbichler

Rudi Sonnenbichlers Vision ist es, den Sport als Mittel zur Inklusion zu nutzen und das »Pflänzchen« Sitzvolleyball – bundesweit existieren gerade einmal sechs Mannschaften – »zum Wachsen zu bringen«. Mit dem Walldorfer Verein »Anpfiff ins Leben« versucht er derzeit, eine neue Mannschaft im Rhein-Neckar-Raum aufzubauen und dabei insbesondere auch Nicht-Behinderte für den Sport zu gewinnen. »Mit den vielen jungen und aufgeschlossenen Menschen hier in Heidelberg sollte es doch möglich sein, die Krusten ein wenig aufzubrechen.« Der 67-Jährige weiß: Von der Integration Behinderter in unsere Gesellschaft sind wir noch weit entfernt. Und er ist der Überzeugung: Sitzvolleyball eignet sich bestens zu diesem Zweck, denn Menschen mit und ohne Handicap begegnen sich hier im wahrsten Sinne des Wortes auf Augenhöhe und spielen gleichberechtigt zusammen. Das leistungssportliche Ziel des Bundestrainers sind die Paralympics 2016 in Brasilien. Noch einmal wünscht er sich dieses »Gänsehaut-Feeling«, die absolute Begeisterung und Anteilnahme, die er vor zwei Jahren bei den Paralympischen Spielen in London erleben durfte. Ob er danach aufhören wird? »Das weiß ich noch nicht«, hält sich Rudi Sonnenbichler bedeckt. Nach der Bronzemedaille in London sei eigentlich der beste Zeitpunkt dafür gewesen. »Aber die vielen Facetten des Sitzvolleyballs faszinieren mich nach wie vor zu sehr, um einen Schlussstrich zu ziehen.«

Dieser Artikel ist in der UNISPIEGEL 3/2014 (Seite 8) erschienen.