InterviewZusammen alleine?

22. Januar 2020

Wissenschaftlerin der Universität Heidelberg untersucht „Mingle-Beziehungen“

Wie zufrieden sind Menschen in sogenannten Mingle-Beziehungen? Dieser Frage ist die Psychologin Dr. Alica Mertens von der Universität Heidelberg nachgegangen. Die Forschungsergebnisse wurden im „Journal of Happiness Studies“ veröffentlicht. Im Interview gibt Alica Mertens Auskunft zu dieser Beziehungsform sowie ihrer Studie.

Dr. Alica Mertens

Wofür steht der Begriff „Mingle“?
Mertens: Der Begriff „Mingle“ kommt aus dem Englischen und setzt sich aus den Worten „mixed“ und „single“ zusammen. Er bezeichnet eine Beziehungsform zwischen fester Partnerschaft und Single-Dasein. Das bedeutet: Man führt eine intime Beziehung mit einer anderen Person und verhält sich im Privaten wie ein Paar, umgeht aber den finalen Schritt, dies öffentlich und damit verbindlich zu machen. Man lässt sich sozusagen ein Hintertürchen offen, um nicht einen vielleicht noch „besseren“ Partner zu verpassen. Dieses Phänomen ist auch als „Fear of Missing Out“ bekannt.

Wie verbreitet ist diese Beziehungsform und handelt es sich dabei um ein „Junge-Leute-Phänomen“?
Das können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht klar beantworten. Um eine solche Aussage treffen zu können, müsste die Kategorie „Alter“ systematisch und in einer größeren Stichprobe erfasst werden. In unserer Studie mit 764 Personen haben wir viele, aber nicht ausschließlich Studierende befragt. Der Anteil der Mingles unter den Teilnehmern betrug 15 Prozent. Daraus können wir nicht schließen, dass auch 15 Prozent der Bevölkerung insgesamt Mingles sind. Aber es scheint doch ein substanzieller Anteil zu sein.

Welcher Frage sind Sie in Ihrer Studie nachgegangen?
Für uns war wichtig herauszufinden, ob es sich um eine Beziehungsform handelt, mit der alle Beteiligten zufrieden sind. Daher haben wir erst einmal erfasst: Wo lassen sich Mingles einordnen verglichen mit Personen, die keine Beziehung haben, und Personen in einer klassischen festen Partnerschaft. Hierfür haben wir die zugrundeliegende Lebenszufriedenheit und die emotionale Einsamkeit erfasst. Darüber hinaus haben wir untersucht, ob die Unterschiede zwischen fester Partnerschaft und Mingle-Beziehung durch psychologische Grundbedürfnisse erklärt werden können.

Welche Bedürfnisse sind das?
Es gibt drei psychologische Grundbedürfnisse: Nach sozialer Eingebundenheit, nach Kompetenzerleben und nach Autonomie. Das Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit in einer Beziehung meint das Empfinden von Zuneigung und Intimität; Kompetenzerleben bedeutet, sich fähig zu fühlen, wenn man mit dem Partner zusammen ist. Autonomie ist in diesem Kontext nicht als Unabhängigkeit, sondern eher als Freiwilligkeit zu verstehen, mit der man eine Beziehung eingeht.

Wie sind Sie bei der Datenerhebung vorgegangen?
Wir haben einen Online-Fragebogen erstellt, der als zentrale Variable den Beziehungsstatus sowie darüber hinaus die Lebenszufriedenheit, die emotionale Einsamkeit und die psychologischen Grundbedürfnisse im Beziehungskontext abgefragt hat. Wichtig war uns auch, die Teilnehmer insgesamt zwei Mal mit einem Zeitabstand von einem Jahr zu befragen, um zu schauen, ob ein Wechsel in einen Beziehungsstatus mit mehr Verbindlichkeit zu einem höheren Wohlbefinden führt.

Was ist das zentrale Ergebnis Ihrer Studie?
Die Mittelwerte der Skalen, die wir erfasst haben, zeigen die Tendenz, dass Personen in einer festen Partnerschaft zufriedener sind und sich weniger einsam fühlen als Mingles. Diese wiederum waren zwar zufriedener als Alleinstehende, aber im Vergleich zur klassischen Beziehung gab es noch einen bedeutsamen Unterschied. Das heißt natürlich nicht, dass Menschen in festen Partnerschaften automatisch und immer glücklicher sind als Mingles oder Singles, denn die Lebenszufriedenheit wird nicht ausschließlich durch den Beziehungsstatus beeinflusst. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass ein Wechsel in eine Beziehungsform mit mehr Verbindlichkeit zu einem höheren Wohlbefinden führt. Außerdem haben wir festgestellt, dass Mingles, verglichen mit Personen in festen Partnerschaften, die drei Grundbedürfnisse als weniger erfüllt durch ihren Partner wahrnehmen. Hier haben wir interessante Gender-Unterschiede gefunden, die wir so nicht erwartet hatten.

Wie sehen diese Unterschiede aus?
Für Frauen war vor allem das Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit ausschlaggebend, um zu sagen: In einer Mingle-Beziehung bin ich weniger zufrieden und fühle mich einsamer. Bei Männern hat diese Erklärung nicht gegriffen. Sie sind zwar ebenfalls weniger zufrieden in einer Mingle-Beziehung und fühlen sich einsamer; im Vergleich zu Frauen erleben sie ihre Grundbedürfnisse aber als stärker erfüllt. Doch warum sind sie dann nicht auch glücklicher? Unser Erklärungsversuch: Es gibt Studien, die zeigen, dass Männer eine höhere sexuelle Eifersucht und Frauen eine höhere emotionale Eifersucht empfinden. In einer Mingle-Beziehung kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Partner noch mit einer anderen Person intim wird. Möglicherweise wiegt für Männer diese sexuelle Eifersucht schwerer.

Wie werden Sie dieses Thema in Ihrer Forschung weiterverfolgen?
In einem empirischen Projektseminar unter meiner Leitung haben Studierende untersucht, wie Personen, die eine Mingle-Beziehung bevorzugen, in einem Dating-Profil wahrgenommen werden. Darüber hinaus sind wir der Frage nachgegangen, ob die Wahrnehmung davon abhängig ist, welchen Liebesstil die Beteiligten präferieren, etwa den spielerischen, genannt Ludus, oder den aufopferungsvollen Agape-Typ. Diese Daten bereiten wir gerade für eine Veröffentlichung vor. Ebenso wäre es spannend, in qualitativen Interviews mit Betroffenen zu erfragen, an welcher Stelle sie sich in der Mingle-Beziehung unsicher fühlen. Es gibt bereits Forschung zu Beziehungsformen geringeren „commitments“, also geringerer Verbindlichkeit, doch ist der Begriff noch nicht eindeutig psychologisch definiert. Deswegen ist es wichtig, ihn aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Mit unserer Studie haben wir auch versucht, die Definition des Mingle-Begriffs weiter abzustecken. Dies wollen wir in zukünftigen Untersuchungen noch mehr vertiefen.

Zur Person

Alica Mertens studierte Psychologie an den Universitäten Heidelberg und Frankfurt (Main). Im Jahr 2019 wurde sie mit einer Arbeit zum Thema „Einflüsse auf die Emotionserkennung mittels Blickbewegungsmessung“ an der Ruperto Carola promoviert. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin ist sie in der Arbeitseinheit Methodenlehre sowie Allgemeine und Theoretische Psychologie am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg tätig. Alica Mertens forscht unter anderem zu neuen Beziehungsformen, Emotionserkennung, Ernährungsverhalten und Wohlbefinden in Beziehungen.

Originalveröffentlichung

Bucher, Alica; Neubauer, Andreas B.; Voss, Andreas; Oetzbach, Carolin: Together is Better: Higher Committed Relationships Increase Life Satisfaction and Reduce Loneliness. In: Journal of Happiness Studies (2018)

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