Forschung Wenn Künstliche Intelligenz eine stärkere emotionale Nähe erzeugt als der Mensch
28. Januar 2026
Heidelberger und Freiburger Wissenschaftler untersuchen Interaktion mit KI-Chatbots
Menschen können zu Künstlicher Intelligenz (KI) emotionale Nähe aufbauen, unter bestimmten Bedingungen sogar stärker als zu einem menschlichen Gegenüber. Das zeigen Untersuchungen, die Prof. Dr. Bastian Schiller vom Psychologischen Institut der Universität Heidelberg gemeinsam mit Kollegen der Universität Freiburg durchgeführt hat. Ein Gefühl von Nähe empfanden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von zwei Online-Studien vor allem dann, wenn ihnen nicht bewusst war, dass sie mit einem KI-Chatbot kommunizierten. Als „sozialer Akteur“ besitzt KI damit großes Potential, aber es bedarf nach den Worten der Wissenschaftler klarer Leitlinien, um den missbräuchlichen Einsatz solcher Systeme zu verhindern.
Um zu untersuchen, ob die Interaktion mit KI-basierten Sprachmodellen den Eindruck emotionaler Nähe erzeugen kann, führte das Forschungsteam zwei Studien mit insgesamt 492 Teilnehmerinnen und Teilnehmern durch. In Chat-Unterhaltungen beantworteten sie persönliche und auf Gefühle bezogene Fragen, etwa zu wichtigen Lebenserfahrungen oder Freundschaften. Auf die Antworten reagierte entweder ein Mensch oder ein Chatbot. In diesem Zusammenhang sind die Wissenschaftler auch der Frage nachgegangen, welchen Einfluss die Information über den jeweiligen Gesprächspartner – menschliches Gegenüber oder KI-Chatbot – auf die Studienteilnehmer hatte.
Die von einem KI-basierten Sprachmodell generierten Antworten erzeugten insgesamt ein vergleichbares Gefühl von Nähe wie die Antworten eines Menschen – sofern die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht wussten, dass sie in ihren Unterhaltungen mit einem KI-Chatbot kommunizierten. Bei emotionalen Gesprächen verspürten sie der Künstlichen Intelligenz gegenüber sogar eine größere Nähe als in einer Interaktion mit einem anderen Menschen, so ein für Prof. Schiller und seine Kollegen überraschendes Ergebnis ihrer Untersuchungen.
Dass Künstliche Intelligenz mehr emotionale Nähe erzeugen kann als ein menschliches Gegenüber, liegt an einer größeren „Selbstoffenbarung“, so der Freiburger Wissenschaftler Dr. Tobias Kleinert. Die KI-Chatbots gaben in ihren Antworten mehr vermeintlich persönliche Informationen preis. Waren die Studienteilnehmer hingegen im Vorhinein darüber informiert worden, dass sie sich mit Künstlicher Intelligenz austauschten, sank die empfundene Nähe deutlich; sie investierten weniger Mühe in ihre Antworten als bei einem menschlichen Gegenüber.
Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen zeigen nach Angaben des Forschungsteams, dass Künstliche Intelligenz etwa in der psychologischen Unterstützung oder der Pflege, auf dem Gebiet der Bildung oder im Bereich der Beratung großes Potential hat. Gerade für Menschen mit wenigen sozialen Kontakten könnten KI-Chatbots positive, beziehungsähnliche Erfahrungen ermöglichen, so Prof. Dr. Markus Heinrichs vom Institut für Psychologie der Universität Freiburg. Gleichzeitig bergen sie die Gefahr, dass Menschen emotionale Bindungen zu KI aufbauen, ohne dies bewusst wahrzunehmen.
„Künstliche Intelligenz wird zunehmend zu einem ,sozialen Akteur‘. Wie wir sie gestalten und regulieren, wird darüber entscheiden, ob sie soziale Beziehungen sinnvoll ergänzt – oder ob emotionale Nähe gezielt manipuliert wird“, betont Prof. Schiller. Um Transparenz sicherzustellen und Missbrauch zu verhindern, braucht es klare ethische und regulatorische Leitlinien, so die Schlussfolgerung der Wissenschaftler aus Freiburg und Heidelberg.
Die Forschungsarbeiten wurden im Rahmen des vom Europäischen Forschungsrat (ERC) an Bastian Schiller vergebenen Starting Grants „From face-to-face to face-to-screen: Social animals interacting in a digital world“ durchgeführt. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „Communications Psychology“ erschienen.
Originalpublikation
T. Kleinert, M. Waldschütz, J. Blau, M. Heinrichs, and B. Schiller: AI outperforms humans in establishing interpersonal closeness in emotionally engaging interactions, but only when labelled as human. Communications Psychology (14 January 2026).