Forschung Veranstaltung mit Zeitzeuginnen: Die Lebensrealität homosexueller Frauen in Baden-Württemberg

23. April 2026

Vorstellung der Forschungsergebnisse aus dem Projekt „Frauenliebende* Frauen im deutschen Südwesten 1945 bis 1980er Jahre“

Der Alltag homosexueller Frauen in den ersten Nachkriegsjahrzehnten ist Thema einer Veranstaltung, zu der ein Forschungsteam der Universitäten Heidelberg und Freiburg einlädt. Vorgestellt werden die Arbeiten aus dem interdisziplinären Forschungsprojekt „Zwischen Unsichtbarkeit, Repression und lesbischer Emanzipation – Frauenliebende* Frauen im deutschen Südwesten 1945 bis 1980er Jahre“. Diese bisher kaum erforschten Lebensrealitäten wurden in dem Verbundvorhaben unter der Leitung von Prof. Dr. Katja Patzel-Mattern und Prof. Dr. Karen Nolte (Heidelberg) sowie Prof. Dr. Sylvia Paletschek (Freiburg) untersucht. Die Abschlussveranstaltung mit dem Titel „Die Erste, die ich kannte…“ findet am 29. April 2026 in Stuttgart statt. Neben der Präsentation von Ergebnissen werden Zeitzeuginnen von ihren Erlebnissen berichten.

„Unsere Studie zeigt, dass Beziehungen zwischen Frauen häufiger existierten, als sie damals benannt wurden. In einer Gesellschaft, in der Liebe und Partnerschaft meist als Verbindung zwischen Männern und Frauen gedacht wurden, blieben sie lange unsichtbar“, erläutert Katja Patzel-Mattern. Der Begriff „Lesbe“ tauchte erst ab den 1970er Jahren häufiger im öffentlichen Diskurs auf – meist als abwertende Bezeichnung, in feministischen Kontexten jedoch auch als selbstbewusst angeeignete Eigenbezeichnung. Die Forschungsarbeiten zeigen zudem die Rolle der Psychiatrie als Ort der Repression. „Frauen, die von gesellschaftlichen Normen abwichen – etwa, weil sie nicht heiraten wollten –, wurden oft stigmatisiert und ihr Verhalten pathologisiert“, ergänzt Karen Nolte. „Wenn frauenliebende Frauen tatsächlich von ihrem Begehren berichteten, wurde dies entweder ignoriert, unterbunden oder es wurde versucht, durch psychotherapeutische Gespräche darauf Einfluss zu nehmen.“

Im Zentrum des Forschungsprojekts stehen die Perspektiven von Zeitzeuginnen. Das Team führte dazu 29 Interviews und dokumentierte bislang wenig beachtete Erfahrungen. Ergänzt wurden die Gespräche durch umfangreiche Archivarbeit. Neben politischen und kulturellen Kontexten hat das Forschungsteam auch rechtliche, soziale und medizinische Rahmenbedingungen in den Blick genommen. An dem vom baden-württembergischen Wissenschaftsministerium geförderten Verbundvorhaben haben neben den Leiterinnen auch Muriel Lorenz, Elena Marie Mayeres und Steff Kunz mitgewirkt. Unterstützt wurden sie von der freien Historikerin Claudia Weinschenk. Ein Vorläuferprojekt hat sich mit der Zeit von den 1920er bis zu den 1950er Jahren befasst.

Die Erlebnisse von Zeitzeuginnen sind auch zentrales Thema der Veranstaltung am 29. April. In einem von Katharina Thoms (Deutschlandradio) moderierten Gespräch berichten drei Frauen von ihren Erfahrungen. Ein Hörspiel der Klangkünstlerin Ute Reisner verbindet die Stimmen aus dem Aktivismus mit Zitaten aus den Interviews des Forschungsprojekts, begleitet von einem eigens komponierten Soundtrack. Die Veranstaltung findet im „Lern- und Gedenkort Hotel Silber“ in Stuttgart statt, einer Erinnerungsstätte des historisch-politischen Lernens und der Begegnung. Beginn ist um 18 Uhr. Eine Anmeldung ist erforderlich per E-Mail an veranstaltungen-hs@hdgbw.de.