Codex ManesseMit Polizeischutz von Heidelberg nach Mainz

7. September 2020

„Große Heidelberger Liederhandschrift“ wird in der Kaiser-Ausstellung gezeigt

Polizeischutz für ein „Buch“: Unter hohem Sicherheitsaufwand ist die „Große Heidelberger Liederhandschrift“ –  eines der berühmtesten und wertvollsten Bücher der Welt – in einem Spezialtransport auf den Weg nach Mainz gebracht worden, wo sie vom 9. September 2020 an als Prunkstück der rheinland-pfälzischen Landesausstellung „Die Kaiser und ihre Säulen der Macht“ zu sehen sein wird. Die prachtvoll gestaltete Sammlung mittelhochdeutscher Lied- und Spruchdichtung darf aus konservatorischen Gründen die klimatisierten Tresore der Universitätsbibliothek Heidelberg nur noch selten verlassen. Jetzt ist sie erstmals seit 14 Jahren wieder verliehen worden. Zuletzt war der Codex Manesse 2010/2011 anlässlich des 625-jährigen Bestehens der Ruperto Carola öffentlich gezeigt worden.

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Das kostbare Werk hat Dr. Karin Zimmermann, Leiterin der Abteilung Historische Sammlungen an der Universitätsbibliothek Heidelberg, mit größter Sorgfalt in einer Klimakiste verstaut – erschütterungssicher durch spezielle Stoßdämpfer, die von dem beauftragten Logistikunternehmen für Kunsttransporte dafür angepasst wurden. Dass zwei Motorräder, drei Mannschaftswagen und Polizeibeamte mit Maschinenpistolen das Verladen und den Transport begleiteten, war nicht allein der kulturhistorischen Bedeutung der Liederhandschrift geschuldet, hat der Codex Manesse doch einen Versicherungswert von 80 Millionen Euro. Während die Kaiser-Ausstellung bis zum April kommenden Jahres läuft, wird der Codex Manesse dort nur sechs Wochen zu sehen sein: Mehr lassen die empfindliche Handschrift und die Versicherung nicht zu.

Wer sich nicht auf den Weg nach Mainz machen wird, kann das wunderbare Werk dennoch aus nächster Nähe bewundern: Nicht nur für die Forschung, sondern für Jedermann ist der Codex Manesse im Internet abrufbar. Virtuell lässt sich dort das machen, was in der Realität nur sehr wenigen Menschen gestattet ist – Seite für Seite durch die Jahrhunderte alte Handschrift mit ihren filigranen Zeichnungen zu blättern, nachdem die Universitätsbibliothek das gesamte Werk digitalisiert hat. Vermutlich wird es dann bis zum Jahr 2036 dauern, bis die Liederhandschrift im Original wieder in Heidelberg zu sehen wird, und zwar zum nächsten Jubiläum der Universität.

Der Codex entstand in seinem Grundstock um 1300 in Zürich – vermutlich auf Betreiben von Rüdiger Manesse und seinem Sohn Johannes, die die mittelhochdeutsche Lieddichtung in ihrer gesamten Gattungs- und Formenvielfalt zusammentragen wollten. Mehrere Nachträge kamen bis etwa 1340 hinzu. Die Handschrift umfasst auf 426 beidseitig beschriebenen Pergamentblättern 140 Dichtersammlungen. Den Texten sind 138 farbige, ganzseitige Miniaturen vorangestellt: Sie zeigen die Dichter in idealisierter Form bei höfischen Aktivitäten. Die ältesten Texte reichen bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts zurück. Viele Dichtungen sind ausschließlich hier überliefert: „Die Handschrift ist damit eines der Schlüsselzeugnisse für die Literatur und Kultur der Stauferzeit“, sagt Dr. Zimmermann.

Seit dem frühen 17. Jahrhundert ist der Codex Manesse im Besitz der Heidelberger Kurfürsten nachweisbar. Vor der Eroberung Heidelbergs durch Truppen der katholischen Liga im Jahr 1622 wurde er vermutlich von der kurfürstlichen Familie auf der Flucht mitgeführt. Wahrscheinlich hat nach dem Tod von Kurfürst Friedrich V. im Jahr 1632 dessen Witwe die Handschrift in finanzieller Notlage verkauft. Von 1657 an befand sich die Liederhandschrift im Besitz der Königlichen Bibliothek in Paris, der heutigen Bibliothèque Nationale de France. 1888 kehrte sie in einem komplizierten französisch-englisch-deutschen Tauschgeschäft nach Heidelberg zurück. Seitdem befindet sie sich – mit wenigen Unterbrechungen – in der Heidelberger Universitätsbibliothek.