Astronomie-Forschung Lichtverschmutzung: Gefahr für die Astronomie in der Atacama-Wüste

27. Mai 2025

Astrophysikerin Dominika Wylezalek berichtet über die Bedrohung der Forschung durch Industrie-Großprojekt

Die Atacama-Wüste in Chile ist bekannt für ihren außergewöhnlich klaren und dunklen Nachthimmel, der sie zu einem der besten Orte weltweit für astronomische Forschung macht. Hier befinden sich bedeutende Observatorien, an denen auch Heidelberger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler forschen. Nur wenige Kilometer davon entfernt soll jedoch ein riesiger Industriekomplex zur Produktion von grünem Wasserstoff und Ammoniak entstehen. Prof. Dr. Dominika Wylezalek, Astrophysikerin an der Universität Heidelberg, berichtet über mögliche Lichtverschmutzung und die Folgen für die Astronomie.

Das Paranal-Observatorium bei Nacht

Die klimatischen und geographischen Bedingungen der Atacama-Wüste, wie die Höhenlage und zahlreiche wolkenlose Nächte, ermöglichen einzigartige Einblicke in das Universum. Zahlreiche internationale Großprojekte profitieren von den besonderen Voraussetzungen, darunter auch die Teleskope der Europäischen Südsternwarte (ESO) wie das bedeutende Paranal-Observatorium. Doch der weltweit einzigartige Forschungsstandort ist bedroht: Ein geplantes Industrieprojekt namens INNA könnte durch eine deutliche Zunahme der Lichtverschmutzung die Beobachtungsbedingungen nachhaltig beeinträchtigen. Auch die Forschung von Prof. Dr. Dominika Wylezalek wäre betroffen. Die Wissenschaftlerin wurde im März 2025 zur neuen Professorin für Extragalaktische Astrophysik am Zentrum für Astronomie der Universität Heidelberg (ZAH) sowie zur Direktorin am Astronomischen Rechen-Institut ernannt.

Frau Prof. Wylezalek, welche Bedeutung hat die Atacama-Wüste als Standort für die astronomische Forschung und inwiefern gefährdet INNA die Forschung?

Wylezalek: Wer schon einmal versucht hat, in einer Großstadt den Nachthimmel zu betrachten, weiß: Selbst an wolkenlosen Nächten ist kaum etwas zu sehen. Der Grund dafür ist die Lichtverschmutzung – verursacht durch Straßenlaternen, Leuchtreklamen und den allgegenwärtigen Autoverkehr. Aus diesem Grund werden moderne Teleskope bewusst an abgelegenen Orten errichtet, wo künstliches Licht die Sicht auf das Universum kaum stört. Einer dieser seltenen Orte ist die Atacama-Wüste in Chile – einer der wichtigsten Standorte für die astronomische Forschung weltweit. Ihre extreme Trockenheit, die stabile Atmosphäre, die Höhenlage und über 300 wolkenlose Nächte im Jahr machen sie zu einem idealen Beobachtungsstandort. Hier kann der Nachthimmel so beobachtet werden, wie es nur noch an wenigen Orten der Erde möglich ist. Ein groß angelegtes Industrieprojekt wie INNA würde jedoch die Lichtverschmutzung in dieser Region erheblich steigern und damit einen der letzten wirklich dunklen Orte der Erde nachhaltig gefährden.

Vogelperspektive auf das Paranal-Observatorium in der Atacama-Wüste

Wie wichtig sind die Daten, die von den Observatorien in der Atacama-Wüste gewonnen werden, für Ihre wissenschaftliche Arbeit?

Wylezalek: Die Teleskope der Europäischen Südsternwarte – darunter das Paranal-Observatorium und das derzeit im Bau befindliche Extremely Large Telescope (ELT) – zählen zu den fortschrittlichsten und leistungsfähigsten Observatorien der modernen Astronomie. Mit einem Spiegeldurchmesser von rund 39 Metern wird das ELT in wenigen Jahren das größte Teleskop der Welt sein und neue Maßstäbe in der Beobachtung des Universums setzen. Gemeinsam mit Chile hat die ESO mit dem Bau und dem Betrieb dieser Observatorien einige der ambitioniertesten wissenschaftlichen Großprojekte unserer Zeit verwirklicht. Die Daten, die hier gewonnen werden, spielen auch in meiner eigenen Forschung eine zentrale Rolle – ebenso wie in der Arbeit vieler Kolleginnen und Kollegen hier in Heidelberg. So untersuchen wir unter anderem, wie supermassereiche schwarze Löcher die Entwicklung ganzer Galaxien beeinflussen und dort die Sternentstehung zum Erliegen bringen können. Ohne die einzigartigen Beobachtungsmöglichkeiten der ESO wären solche Erkenntnisse kaum denkbar.

Anfang März haben Sie als Mitglied einer Delegation gemeinsam mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den gefährdeten Teleskopstandort in Chile besichtigt. Welche Rolle hatten Sie in dieser Delegation?

Wylezalek: Die Einladung kam völlig überraschend – an einem Freitagnachmittag, einfach per E-Mail. Mein erster Gedanke war ehrlich gesagt: Das muss Spam sein. Doch nachdem ich die Absenderadresse und Kontaktdaten überprüft hatte, wurde schnell klar, dass es sich tatsächlich um eine echte Einladung handelte. Wie genau die Gästeliste im Bundespräsidialamt zusammengestellt wird, weiß ich natürlich nicht. Aber offenbar hatte meine Verbindung zur ESO und zur Astrophysik etwas damit zu tun. Bevor ich vor fünf Jahren nach Heidelberg wechselte, war ich insgesamt sechs Jahre lang für die Europäische Südsternwarte tätig – zunächst von 2011 bis 2014 als Doktorandin und später, von 2017 bis 2020, als unabhängige Research Fellow. In dieser Zeit verbrachte ich rund 30 bis 40 Nächte an den Teleskopen in Chile und war dort unter anderem an der Inbetriebnahme neuer Messinstrumente und Beobachtungsmodi beteiligt. 

Gruppenbild einer Besuchsdelegation mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der Forscherin Dominika Wylezalek am Teleskopstandort in Chile

Dank dieser praktischen Erfahrung konnte ich dem Bundespräsidenten und der Delegation nicht nur technische Einblicke in die Funktionsweise der Anlagen und den Arbeitsalltag vor Ort vermitteln, sondern in meiner Rolle als aktive Wissenschaftlerin und neu berufene Professorin auch konkrete wissenschaftliche Projekte und aktuelle Forschungsergebnisse anschaulich erläutern.

Vor dem Hintergrund des INNA-Projektes bekam der Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier aber auch eine politische Dimension. Wir hoffen natürlich auch auf Rückendeckung durch die deutsche Bundesregierung. Herr Steinmeier selbst zeigte sich sehr beeindruckt vom Standort Paranal und nannte ihn einen „magischen Ort“. In seiner Presseansprache unterstrich er die Bedeutung des Observatoriums für die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Chile und Deutschland. Er sagte wörtlich: „Wir sind stolz darauf, dass deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an dieser Spitzenforschung teilhaben.”

Gruppenbild von Besuchern auf der ELT-Baustelle: Frank-Walter Steinmeier, seiner Frau Elke Büdenbender sowie die Heidelberger Astrophysikerin Dominika Wylezalek und der Direktor des Paranal-Observatoriums Thomas Klein

Der chilenische Staat prüft derzeit die Pläne für das Megaprojekt. Sehen Sie noch Chancen, das Projekt zu stoppen?

Wylezalek: Meiner Ansicht nach geht es nicht darum, das Projekt grundsätzlich zu verhindern; der Ausbau von Anlagen zur Produktion grüner Energie ist zweifellos notwendig. Vielmehr sollte das Ziel sein, eine Lösung zu finden, die eine Koexistenz ermöglicht. Wir verfügen über bewährte Modelle zur Berechnung der Lichtverschmutzung, abhängig vom Standort einer solchen Anlage. Diese zeigen deutlich, dass die Belastung mit zunehmender Entfernung rasch abnimmt. Eine Verlagerung des INNA-Projekts um 50 bis 100 Kilometer würde den Einfluss auf den Nachthimmel und damit auf die Arbeit der Observatorien erheblich reduzieren.

Welche Alternativen gäbe es für zukünftige astronomische Projekte, falls die Atacama-Wüste nicht mehr nutzbar ist?

Wylezalek: Es gibt weltweit einige alternative Standorte, die sich ebenfalls sehr gut für astronomische Beobachtungen eignen, etwa der Mauna Kea auf Hawaii oder andere Regionen innerhalb der Atacama-Wüste. Viele bedeutende Observatorien sind bereits an solchen Orten angesiedelt. Allerdings sind Paranal und Cerro Armazones – der künftige Standort des Extremely Large Telescope – in vielerlei Hinsicht einzigartig und machen diese Region zum weltweit besten Standort für bodengebundene Astronomie. Deshalb wäre es keine einfache Aufgabe, bei einer ernsthaften Beeinträchtigung auf gleichwertige Alternativen auszuweichen. Der wissenschaftliche Verlust wäre erheblich. Umso wichtiger ist es, diese Bedingungen langfristig zu schützen.

 

Sehen Sie Möglichkeiten, derartige Konflikte in Zukunft zu vermeiden?

Wylezalek: Ja, solche Konflikte lassen sich durchaus vermeiden – vorausgesetzt, die Kommunikation zwischen den beteiligten Akteuren beginnt frühzeitig und findet auf Augenhöhe statt. Der Schlüssel liegt darin, Planungsprozesse transparenter zu gestalten und relevante wissenschaftliche, ökologische und kulturelle Aspekte von Anfang an mitzudenken. Gerade bei groß angelegten Infrastrukturprojekten in sensiblen Regionen – sei es im Hinblick auf Natur, Forschung oder Kultur – ist es wichtig, frühzeitig alle betroffenen Interessen zu identifizieren und in einen konstruktiven Dialog zu bringen. Das ist meiner Meinung nach der beste Weg, um solche Konflikte künftig zu vermeiden ohne dabei notwendige Fortschritte wie den Ausbau grüner Energie auszubremsen.