TagungEmil Julius Gumbel: Mathematiker – Publizist – Pazifist

Pressemitteilung Nr. 84/2019
16. Juli 2019

Interdisziplinäre Tagung am Universitätsarchiv Heidelberg

Wie wird aus einem angesehenen Statistik-Professor ein gefürchteter Gegner der Nationalsozialisten? Mit dieser Frage befassen sich die Teilnehmer der Tagung „Emil Julius Gumbel. Mathematiker – Publizist – Pazifist“, die am 22. Juli 2019 an der Universität Heidelberg stattfindet. Auf Einladung des Universitätsarchivs werden sieben Forscherinnen und Forscher verschiedener Disziplinen – aus Mathematik, Geschichtswissenschaft, Literaturwissenschaft und Rechtsgeschichte – die Lebensstationen Gumbels in den Blick nehmen und sein Werk und Wirken in den jeweiligen historischen Kontext einbetten. Insbesondere soll an sein politisches Engagement erinnert werden.

Emil Julius Gumbel, Porträt

Der Mathematiker Emil Julius Gumbel (1891 bis 1966), der 1923 einen Lehrauftrag als Privatdozent am Institut für Sozial- und Staatswissenschaften der Ruperto Carola erhielt, gilt als Begründer der Extremwertstatistik. Seine mathematische Exzellenz verband er mit gesellschaftlicher Courage, indem er unter anderem das rechts-konservative Justizsystem der frühen Weimarer Republik entlarvte und dokumentierte, dass ein Großteil aller politischen Morde aus rechter Gesinnung ungesühnt blieben. „Ein gelehrter Pazifist, der unerschrocken und mit wissenschaftlichen Methoden gegen den aufkommenden Nationalis­mus publizierte und sich dabei auf seine faktenbasierte, mathematische Arbeitsweise stützte“, sagt Dr. Ingo Runde, Leiter des Universitätsarchivs Heidelberg. Zunehmend angefeindet und noch vor der nationalsozialistischen Machtergreifung aus der Universität herausgedrängt, wurde Emil Julius Gumbel 1933 formal aus dem „Dritten Reich“ ausgebürgert, emigrierte nach Frankreich und musste nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1940 in die USA fliehen. Von 1953 an wirkte er als Professor an der Columbia University in New York.

Film-Still „Statistik des Verbrechens. Ein Mathematiker kämpft gegen die Nazis“

Gumbels Wirken in Heidelberg, seine Flucht und seine mathematische Forschung in den USA – dort wurde er zu einem weltweit anerkannten Statistiker – sind Themen der interdisziplinären Vorträge, die die Teilnehmer der Tagung halten werden. Unter anderem wird es darin auch um seine Verbindungen zur Literaturszene gehen. Der Wissenschaftler übersetzte Schriften des englischen Pazifisten Bertrand Russell (Nobelpreis für Literatur 1950), engagierte sich mit Albert Einstein in der Deutschen Liga für Menschenrechte und bereitete den mathematischen Nachlass von Karl Marx zur Publikation auf. Mitveranstalter der Tagung ist Prof. Dr. Matthias Scherer. Der Finanzmathematiker an der Technischen Universität München hat zu Emil Julius Gumbel geforscht und zusammen mit Mitgliedern des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin eine Ausstellung initiiert.

Die Tagung wendet sich an ein Fachpublikum und zugleich an die interessierte Öffentlichkeit. Sie findet von 10 bis 18 Uhr im Universitätsarchiv, Akademiestraße 4-8, statt. Im Anschluss wird im Karlstorkino der Film „Statistik des Verbrechens. Ein Mathematiker kämpft gegen die Nazis“ (Beginn: 20 Uhr) gezeigt. Teil der Filmvorführung ist auch ein Gespräch mit dem Filmemacher David Ruf. Die Ausstellung zu Julius Emil Gumbel ist bis zum 19. Oktober im Universitätsmuseum in der Alten Universität, Grabengasse 1, zu sehen. Öffnungszeiten sind dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr.

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