Interview zur Digitalisierung Chancen, Herausforderungen, neue Wege
22. August 2025
Andreas Dreuw und Nicole Najemnik über Digitalisierungsstrategien und die wachsende Bedeutung von KI an der Universität Heidelberg
Neben Nachhaltigkeit und Diversität gehört auch die Digitalisierung zu den zentralen Handlungsfeldern des aktuellen Rektorats. Welche Initiativen bereits auf den Weg gebracht wurden und welche weiteren geplant sind, erläutern Prof. Dr. Andreas Dreuw, Prorektor für Forschung und Digitalisierung, und Dr. Nicole Najemnik, Rektoratsreferentin und neue KI-Beauftragte der Ruperto Carola, im Interview.
Wie gestaltet die Universität Heidelberg Digitalisierung?
Dreuw: Digitalisierung prägt unser Leben zunehmend – und damit selbstverständlich auch alle Bereiche der Universität. Das betrifft nicht nur Lehre und Forschung, sondern ebenso den Transfer, die Forschungsinfrastrukturen und die Verwaltung. Wir haben festgestellt, dass in vielen dieser Bereiche ein Nachholbedarf besteht. Während unser Kanzler Jens Andreas Meinen die Verantwortung für die Digitalisierung der Verwaltung trägt, konzentrieren wir uns auf die anderen Bereiche. Ziel ist es, eine universitätsweite Digitalisierungsstrategie zu entwickeln. Dafür schaffen wir derzeit Strukturen, die fundierte und transparente Entscheidungen ermöglichen, insbesondere bei der Frage der Priorisierung: Welche Projekte haben Vorrang? Wo lassen sich schnell spürbare Effekte erzielen?
Najemnik: Uns ist dabei wichtig, dass diese Prozesse gut geplant und professionell gesteuert werden. Wir überlegen sehr sorgfältig, wie eine universitätsweite Struktur aussehen muss, damit die richtigen Personen zur richtigen Zeit über die richtigen Themen sprechen.

Digitalisierung prägt unser Leben zunehmend – und damit selbstverständlich auch alle Bereiche der Universität.
Andreas Dreuw
Beim Thema Digitalisierung denkt man heute besonders an Künstliche Intelligenz, die viele Chancen und Möglichkeiten bietet, aber auch ethische, rechtliche und gesellschaftliche Herausforderungen mit sich bringt. Wie geht die Universität Heidelberg mit diesen komplexen Fragestellungen um?
Najemnik: Hier spielt vor allem das KI-Board als strategisches Beratungsgremium des Rektorats eine bedeutende Rolle. Es vereint Expertinnen und Experten aus verschiedenen Fakultäten und Fachbereichen, darunter auch Studierende. Wir haben dort mittlerweile einen sehr guten Arbeitsmodus etabliert: Das Rektorat bringt Fragestellungen ein, die im KI-Board umfassend diskutiert werden. Am Ende entstehen daraus Empfehlungen, die dem Rektorat als Entscheidungsgrundlage dienen. Im vergangenen Jahr haben wir uns zum Beispiel mit dem Einsatz von KI in Studium und Lehre befasst. Aktuell ist insbesondere der Umgang mit KI in Doktorarbeiten ein heiß diskutiertes Thema. Daneben werden auch grundsätzliche Fragen behandelt, etwa zur strategischen Abwägung zwischen Open-Source-Lösungen und kommerziellen Produkten. Gerade hier ist die breite fachliche Expertise im Board besonders wertvoll.

Zum KI-Board hinzugekommen ist jetzt auch die Position der KI-Beauftragten. Was hat es damit auf sich?
Dreuw: Unsere Aufgaben im Bereich Künstliche Intelligenz sind teilweise gekoppelt an die Anforderungen der europäischen KI-Verordnung. Zwar ist in diesem Zusammenhang die Einrichtung einer KI-Beauftragten nicht verpflichtend. Wir haben uns jedoch nach intensiven Beratungen, auch im KI-Board, bewusst dafür entschieden. Die EU-Verordnung bringt vielfältige Compliance-Anforderungen mit sich. Da wir als Universität sowohl KI-Anbieter als auch -Betreiber sind und KI-Tools in Lehre und Forschung breit zum Einsatz kommen, betreffen diese Pflichten alle Statusgruppen. Die Verordnung unterscheidet dabei drei zentrale Dimensionen: technisch, ethisch und juristisch. Vor diesem Hintergrund war es naheliegend, mit der KI-Beauftragten eine zentrale Position zu schaffen, um diese Anforderungen gebündelt zu koordinieren.
Najemnik: Es geht dabei unter anderem um datenschutzrechtliche Fragestellungen und darum, in welchen Bereichen KI eingesetzt werden soll und wo nicht. Alle Hochschulen stehen aktuell vor der Aufgabe, Compliance-Prüfungen konkret zu gestalten. Deshalb war es uns wichtig, frühzeitig eine Monitoring-Struktur aufzubauen, um jederzeit transparent und auskunftsfähig beantworten zu können: Was tut die Universität Heidelberg im Bereich KI – und warum? Dafür braucht es zentrale Zuständigkeiten und eine direkte Anbindung an das Rektorat. Bislang sind wir die einzige Universität in Baden-Württemberg und wohl auch deutschlandweit, die die Position einer KI-Beauftragten geschaffen hat.
Eine der Vorgaben der KI-Verordnung lautet, dass alle Universitätsmitglieder über KI-Basiskompetenzen verfügen sollen. Wie wird das an der Universität Heidelberg umgesetzt?
Najemnik: Dazu organisieren wir einen E-Learning-Kurs, der ab Mitte September verfügbar sein wird. Alle Universitätsangehörigen können ihn mit ihrer Uni-ID nutzen. Der Kurs, den wir sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache anbieten, dauert etwa drei Stunden, ist vollständig barrierefrei und auf allen Geräten – auch mobil – nutzbar. Nach Abschluss kann ein Zertifikat erworben werden. Der Kurs wird über einen Zeitraum von zwei Jahren angeboten und dabei regelmäßig aktualisiert. So bleiben Inhalte bei technischen oder rechtlichen Neuerungen stets auf dem neuesten Stand.
Dreuw: Wichtig ist: Es geht wirklich um grundlegende Kenntnisse. Der Kurs ist bewusst niedrigschwellig konzipiert – wir wollen alle abholen. Ziel ist es, ein grundlegendes Verständnis dafür zu schaffen, was beim Einsatz von KI zu beachten ist, etwa beim Hochladen von Texten: Wie steht es da mit Datenschutz oder Urheberrecht? Wie verlässlich sind KI-Antworten? Und wie stelle ich die richtigen Fragen, um gute Ergebnisse zu erhalten? Kurz gesagt: Wir wollen typische Fehler vermeiden helfen und ein Bewusstsein für zentrale Risiken schaffen, damit alle sicher und verantwortungsvoll mit KI umgehen können.
Najemnik: Für weitere Vertiefungen gibt es bereits sehr gute Angebote, etwa in der Universitätsbibliothek oder bei heiSKILLS. Auch in der Universitätsverwaltung gibt es entsprechende Fortbildungsmaßnahmen. Unser Kurs soll diese bestehenden Formate nicht ersetzen, sondern gezielt ergänzen.
Zur Vermittlung von KI-Basiskompetenzen organisieren wir einen E-Learning-Kurs, der ab Mitte September verfügbar sein wird.
Nicole Najemnik
Welchen Einfluss wird KI in Zukunft auf Forschung, Lehre und Arbeitsprozesse an der Universität Heidelberg haben – und steht uns womöglich ein grundlegender Wandel bevor?
Najemnik: Künstliche Intelligenz eröffnet zahlreiche Möglichkeiten. Ich bin überzeugt, dass wir das volle Spektrum an Tools zur Optimierung unserer alltäglichen Arbeit noch gar nicht kennen. KI kann und wird uns zukünftig vor allem bei Routineaufgaben entlasten. Das wird unsere Arbeitsweise spürbar verändern, und zwar zum Positiven. Wir wollen das Bewusstsein dafür schärfen, welchen Mehrwert KI an unserem Arbeitsplatz bietet.
Dreuw: Künstliche Intelligenz wird sich weiterhin verbessern, jedoch erwarte ich nach den signifikanten Fortschritten in der jüngsten Vergangenheit eine Phase der Konsolidierung, da die weitere Entwicklung nicht zuletzt durch begrenzte Rechenleistung gebremst wird. Mir ist es wichtig, dazu zu ermutigen, neuen digitalen Entwicklungen offen und ohne Angst zu begegnen. Solche Neuerungen können uns dabei helfen, uns wieder verstärkt auf die Kernaufgaben zu konzentrieren, denn die meisten von uns sind ohnehin stark ausgelastet. Ich sehe da durchaus eine Parallele zur großflächigen Einführung des Personal Computer vor langer Zeit, ohne den man sich das Arbeitsleben heute gar nicht mehr vorstellen kann.
ZUR PERSON
Nach Stationen als IT- und Managementberaterin in der Privatwirtschaft unterstützt die promovierte Politikwissenschaftlerin Nicole Najemnik seit Juni 2024 das Rektorat bei der digitalen Transformation – als Referentin für Digitalisierung sowie als KI-Beauftragte der Ruperto Carola. Andreas Dreuw ist seit 2011 Professor für Theoretische und Computergestützte Chemie an der Universität Heidelberg und leitet eine gleichnamige Forschungsgruppe am Interdisziplinären Zentrum für Wissenschaftliches Rechnen. Seit 2023 ist er Prorektor für Forschung und Digitalisierung.
KI-BOARD
Das KI-Board wurde 2024 als strategisches Gremium der Universität Heidelberg gegründet. Seine Hauptaufgabe besteht in der Beratung des Rektorats sowie in der Entwicklung und Diskussion von Leitlinien für alle strategischen Handlungsfelder im Bereich Künstliche Intelligenz. Dem interdisziplinär besetzten Gremium gehören Vertreterinnen und Vertreter, darunter auch Studierende, aus den Geistes-, Ingenieur-, Lebens-, Natur- und Sozialwissenschaften an. Zudem sind das Interdisziplinäre Zentrum für Wissenschaftliches Rechnen, das Heidelberg Center for Digital Humanities und heiSKILLS beteiligt sowie das CZS Heidelberg Center for Model-Based AI, der Exzellenzcluster STRUCTURES und das AI Health Innovation Cluster. Ergänzt wird das KI-Board durch Mitglieder aus der Universitätsverwaltung und dem Universitätsrechenzentrum.
Behandelt werden im KI-Board unter anderem Themen wie die Entwicklung hochschulweiter Leitlinien für den Einsatz von KI-Tools in Lehre und Studium, die Bewertung von Open-Source-Lösungen im Vergleich zu kommerziellen Sprachmodellen (LLMs) im Hochschulkontext sowie der verantwortungsvolle Einsatz von KI-Technologien in Promotionsverfahren. Darüber hinaus erarbeitet das Gremium Empfehlungen zur Ausgestaltung einer universitären KI-Governance.