ForschungCambridge und Heidelberg: Großprojekt zur Digitalisierung mittelalterlicher Handschriften

Pressemitteilung Nr. 30/2019
29. März 2019

Griechischsprachige Codices umfassen Werke von Homer, Platon, Aristoteles, Sophokles und Euripides

Hunderte von mittelalterlichen und frühneuzeitlichen griechischsprachigen Handschriften – darunter homerische Texte und einige der wichtigsten Abhandlungen über Religion, Mathematik, Geschichte, Drama und Philosophie – sollen in einem Großprojekt der Universitäten Heidelberg und Cambridge digitalisiert und über das Internet öffentlich zugänglich gemacht werden. Dazu haben sich die Universitätsbibliothek Cambridge, zwölf Colleges in Cambridge und das Fitzwilliam Museum, die Universitätsbibliothek Heidelberg und die Vatikanische Bibliothek in Rom in einem gemeinsamen Vorhaben zusammengeschlossen. Das zweijährige Projekt zur Digitalisierung von mehr als 800 Codices wird von der Polonsky Foundation – einer Stiftung, die den Zugang zu und die Verbreitung des kulturellen Erbes fördert – mit rund 1,6 Millionen britischen Pfund finanziert. Die Universität Heidelberg und die University of Cambridge, zwei der ältesten Universitäten Europas, beherbergen in ihren Bibliotheken bedeutende mittelalterliche Bestände.

Griechischsprachige Handschrift unter anderem mit dem Homer-Epos „Odysee“

Ziel der Zusammenarbeit ist es, alle mittelalterlichen griechischsprachigen Handschriften in Cambridge zu digitalisieren – insgesamt mehr als 400. Gut die Hälfte davon befindet sich in der dortigen Universitätsbibliothek, die übrigen sind über die zwölf Colleges und das Fitzwilliam Museum verteilt. Hinzu kommen die Codices der Bibliotheca Palatina: 29 Handschriften werden in Heidelberg verwahrt, 403 in der Vatikanischen Bibliothek. Die Palatina – die „Mutter aller Bibliotheken“ und eine der wertvollsten Sammlungen von Handschriften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit – wurde 1623 als Kriegsbeute nach Rom gebracht. Über fast 250 Jahre war sie aus drei Quellen erwachsen, den fürstlichen Sammlungen auf dem Heidelberger Schloss, der Stiftsbibliothek der Heiliggeistkirche und den Bibliotheken der 1386 gegründeten Universität Heidelberg. Nur die deutschsprachigen Handschriften kehrten 1816 an die Ruperto Carola zurück. Die griechischsprachigen Handschriften basieren auf den Abschriften antiker Werke unter anderem von Homer, Platon, Aristoteles, Sophokles und Euripides, die über die Jahrhunderte weiter kopiert und so überliefert wurden.

Wie der Direktor der Universitätsbibliothek Heidelberg, Dr. Veit Probst, erläutert, steht die Katalogisierung der Manuskripte in dem Projekt gleichberechtigt neben der Digitalisierung. „So, wie die griechischen Handschriften aus der Bibliotheca Palatina erschlossen sind, entspricht dies in keinerlei Hinsicht den modernen Ansprüchen an wissenschaftliche Beschreibungen.“ Der Katalog zu diesem Bestand wurde 1885 veröffentlicht und stammt von dem Kurator für Griechisch an der Biblioteca Apostolica Vaticana, Enrico Stevenson (1854 bis 1898). Unter anderem fehlen grundlegende Informationen zur Entstehung und zur Geschichte der Codices, die eine Vielzahl von Disziplinen umfassen und aus verschiedenen Jahrhunderten stammen. Diese Handschriften zu erschießen, stellt für die Bearbeiterinnen und Bearbeiter eine besondere Herausforderung dar.

„Mit Blick auf die Überlieferung des antiken Erbes in die Neuzeit erwarten uns zahlreiche Entdeckungen, ebenso unter den Handschriften in Cambridge wie bei den Codices der Palatina“, so Dr. Probst. „Uns fehlt es noch an detailliertem Wissen über die Herstellung und Herkunft, über die Identitäten und Aktivitäten ihrer Schreiber, ihrer Künstler und ihrer Besitzer. Wir haben noch nicht herausgefunden, wie die Handschriften studiert und verwendet wurden, sowohl im Mittelalter als auch in den folgenden Jahrhunderten. Die Bedeutung der Anmerkungen und Marginalien in den Originalmanuskripten muss noch entschlüsselt werden.“

Dass die enge Zusammenarbeit zwischen zwei renommierten europäischen Forschungsbibliotheken hier von großem Wert ist, unterstreicht Dr. Jessica Gardner, Direktorin der Universitätsbibliothek Cambridge. Für Dr. Suzanne Paul, die für die dort beheimateten seltenen Bücher und frühen Handschriften verantwortlich ist, sind die Bestände in Cambridge und Heidelberg ein Zeugnis für das dauerhafte Vermächtnis der griechischen Kultur aus antiker und byzantinischer Zeit und die bis heute fortwirkende Bedeutung der griechischen Wissenschaft. Die Werke von Homer und Platon wurden im Mittelalter wieder und wieder kopiert. Zusammen mit den frühen biblischen und liturgischen Handschriften sind sie, wie Dr. Paul betont, von grundlegender Bedeutung für das Verständnis der christlichen Kultur, die auf dem geschriebenen Wort basiert. Auch Dr. Leonard S. Polonsky, Gründungsvorsitzender der Polonsky Foundation, verweist auf die besondere Bedeutung dieser Kooperation zwischen Heidelberg und Cambridge.

Die Universitätsbibliothek Heidelberg hat im Jahr 2001 damit begonnen, die ersten Bände der Bibliotheca Palatina mit modernen digitalen Techniken im Internet zugänglich zu machen. Die Sammlung der „Heidelberger historischen Bestände – digital“ umfasst inzwischen mehr als 38.000 Bände, darunter auch die lateinischen Codices in der Biblioteca Apostolica Vaticana. Sie kann Zugriffe aus 169 Ländern der Erde verbuchen.

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