Ernst Schering Preis Auszeichnung für Heidelberger Evolutionsgenetiker
27. Mai 2026
Henrik Kaessmann erhält Ernst Schering Preis für grundlegende Beiträge zum Verständnis der Säugetierevolution
Für seine wegweisenden Forschungsarbeiten zu den evolutionären Ursprüngen und der genetischen Steuerung von Organentwicklung und Organfunktion erhält Prof. Dr. Henrik Kaessmann den Ernst Schering Preis 2026. Die mit 50.000 Euro dotierte Auszeichnung wird von der Schering Stiftung vergeben und würdigt herausragende wissenschaftliche Leistungen in der biologischen, medizinischen oder chemischen Grundlagenforschung. Mit seinem Team am Zentrum für Molekulare Biologie der Universität Heidelberg (ZMBH) forscht Prof. Kaessmann zu den molekularen und zellulären Ursprüngen sowie zur Evolution von Wirbeltierorganen. In seinen systematischen, artenübergreifenden Analysen berücksichtigt er kieferlose Wirbeltiere ebenso wie Vögel, Reptilien und Säugetiere – den Menschen eingeschlossen.

Mit seinen Studien zur Evolution der Genexpression sowie zur Entstehung neuer Gene habe Henrik Kaessmann das Verständnis der Entwicklung von Wirbeltierorganen grundlegend erweitert und dabei konzeptionell wie methodisch Grenzen verschoben, so die Begründung zur Vergabe des Preises an den Heidelberger Evolutionsgenetiker. Prof. Kaessmann konnte mit seinem Team anhand von groß angelegten Einzelzellstudien etwa genetische Veränderungen identifizieren, die im Laufe der Evolution zur Entwicklung des ungewöhnlich großen und komplexen menschlichen Gehirns oder zu menschenspezifischen Anpassungen in der Leber beigetragen haben. Außerdem ist es ihm gelungen, jene genetischen Mechanismen zu entschlüsseln, die der Evolution von Geschlechtschromosomen bei Säugetieren, Vögeln und Reptilien zugrunde liegen.
Darüber hinaus, so die Stiftung, verbinde Henrik Kaessmanns Forschung an der Schnittstelle von Evolutionsbiologie, Entwicklungsgenomik und molekularer Biologie grundlagenwissenschaftliche Fragestellungen mit unmittelbarer medizinischer Relevanz: Indem er entschlüsselt, wie Gene in unterschiedlichen Zellen und Organen aktiviert und kontrolliert werden, schaffe er wichtige Referenzrahmen für die biomedizinische Forschung. Seine vergleichenden Datensätze und Analysen liefern dabei grundlegende Vergleichsmaßstäbe und neue Ansatzpunkte für die Erforschung vielfältiger Erkrankungen insbesondere von Gehirn, Leber und Geschlechtsorganen. So hat Prof. Kaessmann mit seinem Team vielversprechende Kandidatengene aufgedeckt, die mit Krankheitsrisiken oder Fruchtbarkeit in Verbindung stehen können.
Henrik Kaessmann studierte Biologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie an der Universität Uppsala (Schweden). 2001 wurde er mit einer am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie entstandenen Dissertation an der Universität Leipzig promoviert. Nach einem Forschungsaufenthalt an der University of Chicago (USA) wechselte er 2003 an das Zentrum für Integrative Genomik der Universität Lausanne (Schweiz), an dem er zuletzt als Full Professor tätig war. 2015 folgte er dem Ruf an die Fakultät für Biowissenschaften der Universität Heidelberg. Für seine Forschungsarbeiten wurde Henrik Kaessmann vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit drei hochdotierten Förderungen des Europäischen Forschungsrates (ERC) sowie mit dem Friedrich-Miescher-Preis und dem Max-Cloëtta-Preis. Er ist Mitglied der European Molecular Biology Organization sowie der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.
Mit ihrem Wissenschaftspreis zeichnet die Schering Stiftung jedes Jahr weltweit Forscherinnen und Forscher aus, die mit ihren grundlagenwissenschaftlichen Arbeiten in den Bereichen Biologie, Chemie oder Medizin Pionierarbeit leisten. Die Festveranstaltung zur Vergabe des Ernst Schering Preises 2026 an Henrik Kaessmann findet am 17. November in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Berlin statt.