Kultur 1 von 2
Seit den Sommermonaten 1945 blühte unter schrittweiser Zulassung durch die Militärregierung wieder ein öffentliches Leben mit Kultur- und Unterhaltungsangeboten auf. Als erste öffneten im Juli die Kinos ihre Säle und zeigten vor allem amerikanische Spiel- und Dokumentarfilme wie die auf der Litfaßsäule beworbene Komödie „Sprechstunde für Liebe“ von 1941. Private Vergnügungsstätten wie das 1975 abgerissene Schlosspark-Casino luden auf großen Plakaten wieder zu Musik und Tanz ein. In nächster Nähe warben die seit September zugelassenen politischen Parteien für die im Mai 1946 anstehenden ersten Kommunalwahlen. Die Heidelberger Kommunisten erinnerten an ihre Warnungen vor den Nationalsozialisten am Ende der Weimarer Republik. Gleichzeitig propagierten sie angesichts der in der sowjetischen Besatzungszone forcierten Zwangsvereinigung von KPD und SPD auch in Heidelberg die „Einheit“ der „Arbeiterklasse“ – allerdings ohne Erfolg.
Volle Zuschauerränge zeugen vom großen Interesse der Heidelberger Bevölkerung an Ablenkung vom entbehrungsreichen Alltag. Die Serenadenkonzerte des Heidelberger Orchesters im Schlosshof vermochten einen Hauch von Normalität zu vermitteln, sofern man sich die Eintrittspreise leisten konnte. Um der Kritik aus der notleidenden Bevölkerung und dem Wunsch der Arbeiter nach Teilhabe am kulturellen Leben gerecht zu werden, beschloss die Stadtverwaltung im August 1945, Arbeitern über die Gewerkschaften eine gewisse Zahl ermäßigter Eintrittskarten zur Verfügung zu stellen. Sonntagvormittags fanden darüber hinaus – stark frequentierte – Konzerte zu reduzierten Preisen statt. Angesichts von Nahrungsmittel- und Wohnraumknappheit sowie leerer Kassen hatten kulturelle Veranstaltungen, trotz des großen Interesses der Bevölkerung, einen schweren Stand. Die Stadtverwaltung wollte Theater und Orchester zwar weiter betreiben, erachtete aber starke Kürzungen bei Personal und Finanzierung für notwendig. Die US-amerikanischen Besatzer drängten auf eine baldige Wiederaufnahme des regulären Theater- und Orchesterbetriebs. Das Stadtorchester wurde bereits im Juni 1945 bei Konzerten des amerikanischen Roten Kreuzes eingesetzt.
Anfang August 1945 erhielt Gustav Hartung die Lizenz zur Leitung des Theaters, der diese den genossenschaftlich organisierten Heidelberger Kammerspielen zur Verfügung stellte. Die ersten Proben fanden, ebenso wie die Premiere am 11. September 1945, im Bandhaussaal (Königssaal) des Schlosses statt, da Theater und Stadthalle weiterhin vom US-Militär beschlagnahmt blieben.
