Entnazifizierung 1 von 3
Die Bevölkerung versteht nicht, dass die Amerikanischen Offiziere Versuche, Ihnen die den Unterschied zwischen ehemals Verfolgten und Ex-Nazis zu erklären, mit einem lakonischen „German nix gut, all Nazis“ übergehen.“
US-Amerikanischer Stimmungsbericht (31. Juli)


Als die US-Soldaten in Heidelberg einmarschierten, trafen sie auf zwei Männer, die die Stadt seit 20 Jahren geleitet hatten: Carl Neinhaus und Josef Amberger. Beide hatten in Heidelberg Jura studiert. Nach dem Offiziersdienst im Ersten Weltkrieg führte sie der berufliche Weg zurück in die Neckarstadt, wo sie sich als Parteilose in kommunale Führungspositionen wählen ließen. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war Amberger seit 1925 Zweiter Bürgermeister, Neinhaus seit 1929 Oberbürgermeister. Neinhaus passte sich schneller und sichtbarer an, trat 1933 in die NSDAP ein und konnte seine Karriere bis 1945 nahtlos fortsetzen. Amberger hingegen wurde zugunsten nationalsozialistischer Neubesetzungen im Amt des Bürgermeisters aus der zweiten in die dritte Reihe zurückgedrängt, konnte dort aber als Beigeordneter und Oberrechtsrat bis 1945 eine wichtige Position behaupten. Ohne überzeugte Nationalsozialisten zu sein, stellten beide ihre Verwaltungsexpertise in den Dienst der Diktatur und gestalteten so die NS-Herrschaft vor Ort mit. Die Besatzungsmacht differenzierte pragmatisch. Wegen seiner exponierteren Stellung und seines größeren Opportunismus‘ setzte sie Neinhaus ab und internierte ihn zunächst im Bezirksgefängnis im Faulen Pelz unweit seiner früheren Wirkungsstätte. Hatte Neinhaus 1933 noch als unverzichtbar für die Aufrechterhaltung einer funktionierenden Verwaltung gegolten, war dies nun – auch mangels unbelasteter Alternativen – Josef Amberger.

Die Zeremonie fand zwei Tage nach der Einnahme der Stadt am Ostersonntag, dem 1. April 1945, statt. Haskell richtete im Rathaus das amerikanische „Military Government“ ein. Dessen Mitglieder sind auf dem Foto an der Fensterseite des Tisches zu sehen. Die deutschen Beamten, die ihnen gegenübersaßen, mussten für sie fünf Zimmer räumen und zusammenrücken. Jeder direkte mündliche oder schriftliche Kontakt mit den US-amerikanischen Offizieren war ihnen untersagt, alle Eingaben mussten zunächst Amberger vorgelegt werden. Dieser hatte vor allem zwei gegensätzliche Mammutaufgaben zu bewältigen: zum einen die politische Säuberung der Stadtverwaltung durch die Entlassung nationalsozialistischer Beamter, Angestellter und Arbeiter und zum anderen die Aufrechterhaltung der Arbeit im Rathaus und in den Stadtwerken, um die Besatzer und die Bevölkerung mit Wasser, Strom und Gas zu versorgen, Wohnraum zu schaffen und Lebensmittel zu verteilen. Bei der Bewältigung dieser Aufgaben stützte Amberger sich auf Freunde und Empfehlungen aus der Wirtschaft. Den Unternehmensjuristen Albert Stappert ernannte er aufgrund seiner Englischkenntnisse unbürokratisch zu seinem Stellvertreter.

