Priority Area 3 Mensch und Mensch
Die Gegenwart wird nicht zuletzt vor dem Hintergrund populistischer Strömungen insgesamt als krisenhaft erfahren. Überstaatliche und innerstaatliche Ordnungen scheinen erschüttert, als sicher geltende Institutionen wie die Familie werden in ihrem Selbstverständnis durch neue Lebensformen herausgefordert. Diese gesellschaftsinternen Umwälzungen und die Repräsentation des Eigenen und Bekannten werden in der Priority Area 3 in ihrer historischen, kulturellen und geographischen Vielschichtigkeit interdisziplinär untersucht. Wesentliches Element dieser Untersuchung sind antagonistische Logiken, die intern zwischen altem und neuem Entwurf, aber auch zwischen unterschiedlichen Gesellschaften und Kulturen zum Tragen kommen. Dabei wirken solche Antagonismen nach innen oft stabilisierend. Der Verlust und die Wiedergewinnung von Vertrauen ist als de-/stabilisierende Kraft ein weiterer möglicher Untersuchungsgegenstand für beteiligte Maßnahmen.
Die Priority Area baut auf den FoF 3-Forschungsschwerpunkten „Transformationsprozesse“, „Kulturelles Erbe“, „Freundschaft und Feindschaft“ und „Wissensgeltung“ sowie auf den Forschungen am TRN „FAMILY“ und dem TRN „ENACTING TRUST“ auf. Wichtige Partner sind die Forschungsstelle Antiziganismus und die Politikwissenschaft mit einer laufenden Initiative zu Formen des „(De-)Othering“, der SFB „Heimat(en)“, die beiden Graduiertenkollegs „Authority and Trust“ und „Ambivalent Enmity“ sowie das Projekt „Der Aggressor“.
Folgende Maßnahmen werden in der Priority Area 3 gefördert:

TRN Gender und Queer Studies
Aufbauend auf der erfolgreichen Einrichtung des Certificate of Advanced Studies (CAS) strebt das TRN Gender & Queer Studies an, die interdisziplinäre Forschung in diesem Feld auszubauen und die Sichtbarkeit dieser Forschung an der Universität Heidelberg zu verstärken. Das TRN soll die Forschungsperspektive der Gender und Queer Studies innerhalb der Universität besser verankern und mit bestehender Forschung vernetzen. Thematische Anknüpfungspunkte bestehen zum TRN FAMILY sowie dem Sonderforschungsbereich Heimat(en). Die Gender & Queer Studies bieten viele neue Anstöße für die Untersuchung gesellschaftlicher Transformationsprozesse und zwischenmenschlicher Beziehungen abseits (hetero)normativer Ordnungsmuster. Mit einem gender- und queertheoretischen Ansatz wird das TRN bestehende Forschungsthemen an der Universität flankierend diversifizieren und kritisch reflektieren, aber auch eigene neue Forschungsfelder erarbeiten.
Projektleitung: JunProf.in Dr. Yaatsil Guevara González (HCIAS, yaatsil.guevara@uni-heidelberg.de), Prof.in Dr. Karen Nolte (Institut für Geschichte und Ethik der Medizin), Dr. Corinna Assmann (Anglistisches Seminar, corinna.assmann@as.uni-heidelberg.de), Dominik Eckel (Institut für Europäische Kunstgeschichte, d.eckel@zegk.uni-heidelberg.de)
TRN Authentizität in Kultur, Gemeinschaft und Wissenschaft
In Zeiten künstlicher Intelligenz, kultureller Appropriation und medizinisch-technisch unterstützter Selbstoptimierung stellt sich die Frage: Was ist eigentlich noch „echt“? Nicht erst seit der Moderne sind menschliche Deutungen, Handlungen und Darstellungen von der Suche nach Glaubwürdigkeit, Echtheit und Aufrichtigkeit geprägt. Dabei steht das Authentische nicht selten im Zentrum eines mitunter umkämpften Aushandlungsprozesses, der kulturelle, soziale und wissenschaftliche Ordnungen bestimmt. Im kulturellen Bereich fokussieren sich die Debatten häufig auf den Zusammenhang von „Authentizität und Kreativität“, im gemeinschaftlichen auf „Authentizität und Identität“ und im wissenschaftlichen auf „Authentizität und Faktizität“. Das TRN begreift das Thema Authentizität als interdisziplinär bedeutsam in global vergleichender, historischer sowie moderner Dimension.
Projektleitung: Prof. Dr. Christiane Wiesenfeldt (Musikwissenschaftliches Seminar, christiane.wiesenfeldt@zegk.uni-heidelberg.de), Prof. Dr. Kathia Serrano-Velarde (Institut für Soziologie, kathia.serrano@soziologie.uni-heidelberg.de)
TRN „Wissenschaftsfreiheit unter Druck. Diskursive Aushandlungen in polarisierten Gesellschaften“
Wissenschaftsfreiheit ist eine zentrale Voraussetzung für Forschung und Lehre – sowohl in der kritischen Hinterfragung bestehender Erkenntnisse als auch in der unabhängigen Veröffentlichung von Ergebnissen. Aktuelle Krisen wie die Klimakrise und COVID-19 zeigen jedoch, dass diese Freiheit zunehmend unter Druck gerät. Das Forschungsvorhaben untersucht die diskursive Konstruktion von Wissenschaftsfreiheit in polarisierten Gesellschaften und vergleicht Deutschland und die USA. Ziel ist es, soziale, normative und sprachliche Mechanismen zu analysieren, die Aushandlungen und Bedrohungen wissenschaftlicher Autonomie auf gesellschaftlicher Ebene prägen. Über die Initiative soll die bereits aktive Reflexion zum Thema an der Universität Heidelberg systematisiert und vernetzt werden.
Projektleitung: Prof. Dr. Vahram Atayan (Übersetzungswissenschaften), Prof. Dr. Thorsten Moos (Theologie/Ethik), Prof. Dr. Kathia Serrano-Velarde (Soziologie)
TRN „Rationalität im Kontext“
Das TRN untersucht die Spannung zwischen universellen und kontextabhängigen Konzepten von Rationalität. Während Rationalität traditionell als zeitlos und universell betrachtet wird, werden universalistische Ansätze in verschiedenen Disziplinen hinterfragt. Es werden zwei zentrale Fragen gestellt: Gilt in unterschiedlichen Kontexten des menschlichen Lebens jeweils ein anderer Rationalitätsstandard? Welche Kontexte fördern oder hemmen rationales Verhalten? Diese Fragen werden interdisziplinär betrachtet, mit dem Ziel, einen kontextsensitiven und pluralistischen Rationalitätsbegriff zu entwickeln.
Projektleitung: Prof. Dr. Julia Peters (Philosophie), Prof. Dr. Jochen Briesen (Philosophie), Prof. Dr. Zeno Enders (Wirtschaftspolitik), Prof. Dr. Martin Krämer (Japanologie), Prof. Dr. Jan Rummel (Psychologie)