Professionsethiken Jellinek-Dialoge

Die Jellinek-Dialoge laden dazu ein, Fragen zur Ethik in der wissenschaftlichen Praxis und Professionalität interdisziplinär zu diskutieren. Kurzimpulse eröffnen den Dialog über Methoden, Forschungspraxis und professionelle Verantwortung. 

Wie viel Ethik steckt in den Wissenschaften?

Die Jellinek-Dialoge erkunden die Vielfalt ethischer Frage in den Wissenschaften. Der Fokus liegt dabei auf der ethischen Reflexion der wissenschaftlichen Berufe, allen voran der Forschung. In den meisten Disziplinen werden normativ relevante Fragen durch den Forschungsgegenstand aufgeworfen, aber auch durch die Methoden und die Forschenden selbst; etwa die internationale Zusammenarbeit, militärisch nutzbare Forschung, Machtverhältnisse, Karrierewege, partizipative Methoden oder Nachhaltigkeit – mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Leerstellen.

Zu jedem Termin geben zwei Vertreter:innen unterschiedlicher Fachrichtungen kurze Impulse zu einem gemeinsamen Thema und kommen miteinander und dem Publikum ins Gespräch. Dabei werden Aspekte der Forschung und die professionellen Rollen kritisch beleuchtet. Ziel ist ein offener Dialog über Herausforderungen und Chancen ethischer Reflexion. Eingeladen sind Studierende und Forschende aller Karrierestufen.

Mehrere Tür-Zargen hintereinander in einer Flucht

Die nächsten Jellinek-Dialoge

Machtkonflikte in der Forschung

mit Belina von Krosgik (Teilchenphysik) und Kathia Serrano Velarde (Soziologie)

19. Mai, 18:00 Uhr, c.t.
Goldbox“ (Im Neuenheimer Feld 226)
Die Veranstaltung wird in englischer Sprache stattfinden.

Moralregulation als professionsethische Aufgabe

mit Ekkehard Felder (Germanistik) und Thorsten Moos (Systematische Theologie)

Save the Date: 11. Juni, 18:00 Uhr

Berichte

Ko-Produktive Forschung mit vulnerablen Gruppen

am 19. Januar, 16:00 Uhr mit Tabea Bork-Hüffer (Humangeographie) und Eva Winkler (Onkologie) im Hörsaal, Historisches Seminar, Grabengasse 3

Ko-produktive Forschung bezeichnet einen Forschungsansatz, bei dem verschiedene Beteiligte, wie Wissenschaftler:innen, Praktiker:innen, oder Betroffene, gemeinsam an der Entwicklung von Wissen und Lösungen arbeiten. Ziel ist es, durch die Kombination von unterschiedlichen Perspektiven und Expertisen neue Erkenntnisse und leicht umsetzbare Ansätze zu generieren. Gerade im Umgang mit vulnerablen Personen, wie Menschen mit Behinderungen oder schwer Erkrankten, stellen sich dabei besondere ethische Fragen: Wie können Forschungsformate so angepasst werden, dass sie unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche berücksichtigen, um echten Raum für Ko-Produktion zu schaffen? Wie gehen Forschende dabei mit Belastbarkeit, Schutzbedürftigkeit und asymmetrischen Abhängigkeitsverhältnissen um? Und welche Verantwortung besteht, wenn man im Forschungsprozess auf strukturelle Probleme und Grenzen der Verantwortbarkeit stößt? Aus ihren jeweiligen Perspektiven präsentieren die Humangeographin Tabea-Bork Hüffer und die Onkologin Eva Winkler ihren Umgang mit diesen Fragen und diskutieren deren Bedeutung für die wissenschaftliche Professionalität.

Bericht

Am 19. Januar eröffneten Tabea Bork-Hüffer (Humangeographie) und Eva Winkler (Onkologie) die Veranstaltungsreihe „Jellinek-Dialoge“. Thorsten Moos, der den Nachmittag moderierte, gab einen kurzen Einblick in das Anliegen der Reihe. Fragen der Professionsethik, die in akademischen Berufen, auf die hin in der Universität studiert wird, aber auch in Forschung und Lehre an der Uni selbst auftreten, werden jeweils von zwei Disziplinen unter einem Thema zusammengespannt. Vor dem thematischen Einstieg gab es einen kurzen Austausch zur grundsätzlichen Rolle, die ethische Reflexion in den beiden vertretenen Disziplinen spielt. Die Spannbreite ist nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der Disziplinen groß, etwa zwischen Human- und physischer Geographie oder zwischen den Themen, die in der klinischen Praxis oder in der Forschung am Menschen relevant sind, sowie etwa zwischen interventioneller oder nichtinterventioneller Forschung. 

Tabea Bork-Hüffer stellte zwei ko-produktive Forschungsprojekte vor. Das Anliegen ist dabei, nicht über, sondern mit Forschungspartner:innen zu forschen. In einem Projekt mit jungen Menschen in vulnerablen Lebenssituationen während der Covid-Pandemie konnten junge Menschen in den verschiedenen Forschungsphasen, von der Initiierung des Projekts bis zur Veröffentlichung der Ergebnisse, die Forschung mitgestalten. Das zweite vorgestellte Projekt zum Zugang zu öffentlichen Räumen für junge Menschen mit Behinderungen verdeutlichte besonders das Potenzial, die Forschung durch die Partizipation an den Bedürfnissen der Zielgruppe ausrichten zu können und zugleich die Herausforderungen, die sich durch solche zeitaufwändigen und hochkomplexen Forschungsprozesse ergeben. Je nach Projekt sind nicht in allen Stadien ko-produktive Prozesse in gleicher Weise umsetzbar. Verschiedene Grade der Partizipation zwischen beobachtender bis patient:innengeleiteter Forschung benannte auch Eva Winkler für medizinische Forschung. Sie stellte heraus, dass die Sensibilität des Forschungsfeldes (etwa bei Forschung am Lebensende oder bei datenintensiver Gesundheitsforschung) dazu führt, dass die Frage der Zumutbarkeit der Forschung für Patient:innen jeweils eigens zu reflektieren ist. Das zeigte sie anhand eines Forschungsprojekts zu Entscheidungshilfen am Lebensende. Als weitere Herausforderung stellte sie heraus, dass Macht- und Wissensgefälle häufig bestehen bleiben und Erwartungen an den Impact der Forschung möglicherweise enttäuscht werden könnten. Auch die Schwierigkeit, dass die Rekrutierung von Forschungspartner:innen oft besonders bei organisierten und geübten Mitgliedern von Patientenorganisationen erfolgt, und entsprechend manche Menschen nicht oder weniger beteiligt sind, wurde reflektiert. Als Aufgaben ergeben sich daraus etwa Beratungs- und Unterstützungsangebote für Forschende in sensiblen Kontexten, Begleitforschung zu Beteiligungsformaten und eine professionsethische Weiterentwicklung des Methodenspektrums. 

Nach einer Murmelphase wurden sich aus den beiden Vorträgen ergebende Fragen diskutiert: Was motiviert ko-produktive Forschende, ko-produktiv forschen zu wollen? Wie ist das Verhältnis von Involviertheit und Distanz bei der Ko-Produktion? Auf welche Weise können Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen in ko-produktive Forschungsprozesse gut mit eigebunden werden? Als professionsethische Aufgabe für die Forschungscommunities wurde die Notwendigkeit festgehalten, weiterhin Situationen in qualitativer Forschung zu detektieren, die ethisch problematisch sind und weiterer Reflexionen bedürfen.