Fabienne Amrhein Dieses Jahr will ich angreifen!

Erfolgreich in Sport und Studium: Crossläuferin und Masterstudentin Fabienne Amrhein

Fabienne Amrhein

Schp, schp, schp – mit einem dumpfen, leicht schmatzenden Geräusch trommeln die Turnschuhe über die blaue Tartanbahn. Mehrere dutzend Sportler trainieren an diesem winterlichen Abend in der Leichtathletikhalle des Olympiastützpunktes Rhein-Neckar im Mannheimer Stadtteil Wohlgelegen. Die einen üben sich in Sprints, andere absolvieren 200-, 400- und 800-Meter-Läufe, wieder andere perfektionieren in der Hallenmitte ihre Technik im Stabhochsprung und im Hürdenlauf. Unter den Athleten, die auf der Außenbahn ihre Runden drehen, befindet sich auch Fabienne Amrhein. Die 24-Jährige zählt zur erweiterten deutschen Spitze auf den Mittel- und Langstrecken sowie im Crosslauf. Bei nationalen Meisterschaften konnte sie bereits mehrere Medaillen gewinnen, zudem ist sie vierfache deutsche Hochschulmeisterin in den disziplinen Crosslauf (2014 und 2015), 3.000 Meter (2015) und zehn Kilometer (2016). Arbeitet sie nicht an Kondition und Schnelligkeit, studiert Fabienne im englischsprachigen Masterstudiengang „Molecular Biosciences“ an der Universität Heidelberg.

„2:59! Passt genau, sehr gut“, ruft Trainer Christian Stang. Fabienne hat soeben ihren letzten Lauf für den heutigen Abend absol­viert, schnaufend kommt sie zum Stehen, stützt sich mit den Händen auf den Oberschenkeln ab, um Luft zu holen. Schnell hat sich ihr Atemrhythmus beruhigt, nur ein paar kleine Schweißtropfen auf der Stirn zeugen von der Anstrengung. „Sie ist die Sportlerin mit dem größten Potential in meinem Team“, erzählt Stang, der Fabienne seit über zehn Jahren trainiert. „Sie hat ihre Ziele immer klar vor Augen, ist sehr motiviert und zieht Sport und Studium gleichermaßen perfekt durch.“ Und trotz dieser Doppelbelastung bleibe sie locker und sei nicht verbohrt, lobt der Coach.

15 bis 18 Stunden trainiert Fabienne Amrhein jede Woche, gesplittet in sieben bis zehn Einheiten. Wenn morgens der Wecker klingelt, schlüpft sie in ihre Lauf schuhe und rennt los, zehn Kilometer – „eine kleine Trainingseinheit“, wie sie sagt. Oder sie wirft ein schnelles Frühstück zur Stärkung ein und fährt hoch zur Thingstätte auf den Heidelberger Heiligenberg, um mit Treppenläufen ihre Fitness und Kraft zu verbessern – auch bei Minusgraden, auch wenn es regnet oder schneit. Allabendlich steht zudem das Training in der Halle oder im Kraftraum auf dem Programm. Eine gehörige Portion Disziplin gehört zu einem solchen Pensum – zumal, wenn ein Studium dazukommt, das ebenfalls großen Einsatz erfordert. 2016 hat Fabienne ihren Biochemie­Bachelor abgeschlossen – mit Top­Noten. Jetzt studiert sie „Molecular Biosciences“ mit dem Schwerpunkt „Cancer Biology“.

Talent, einen robusten Körper und eine gute Psyche, diese drei Qualitäten brauche es, um im Sport an die Spitze zu kommen. Insbesondere im Kopf müsse es stimmen, betont Fabienne Amrhein, und zwar nicht nur, um sich für das hohe Trainingspensum zu motivieren. „Irgendwann im Laufe eines Rennens – meist so nach der Hälfte – wer­den die Beine schwer, die Gedanken kreisen um die Strecke, die noch vor mir liegt, die Zeit verrinnt immer langsamer.“ Jetzt muss der Wille wettmachen, was der Körper versagt. Die mentale Kraft hierfür zieht die zierliche Läuferin insbesondere aus dem Zuspruch ihrer Eltern, ihres Bruders und der Großeltern, die sie zu fast allen Wettkämp­fen begleiten und zudem finanziell unterstützen, sodass sie neben Studium und Sport nicht arbeiten muss. Außerdem ist da noch ihr Freund, der am Wochenende als Trainingspartner herhält und rückhaltlos hinter ihr steht – auch dann, wenn die gemeinsame Zeit durch Wettkämpfe und Training wie so oft stark eingeschränkt ist.

Fabienne Amrhein

Ich bin Realistin. Ich setze mir Ziele, die ich erreichen kann.

Fabienne Amrhein

Mit viereinhalb Jahren gewann Fabienne den ersten Bambini­Lauf in ihrer Heimat­stadt Wiesloch, angesteckt von ihrem drei Jahre älteren Bruder. „Ich war neidisch auf die Preistüten mit Brezeln und Capri­Sonne, mit denen er regelmäßig von Wettkämpfen nach Hause kam“, erzählt sie lachend. Als Schülerin holte sie – mittlerweile zur MTG Mannheim gewechselt – die Deutsche Vizemeisterschaft im Blockmehrkampf-­Lauf mit der Mannschaft. Kurze Zeit später wechselte sie zum Mittel­ und Langstrecken­lauf und gewann als A­-Jugendliche und in der U23 dreimal eine Bronzemedaille bei Deutschen Meisterschaften. Ihre Lieblings­disziplin ist der Crosslauf – ein koordinativ anspruchsvolles Rennen über sechs bis acht Kilometer, das auf unebenem, oft matschi­gem Untergrund gelaufen wird und bei dem die Athleten Hindernisse wie Strohballen oder Bachläufe überwinden müssen. 2015 wurde sie hier Dritte der deutschen Konkurrenz, und im Dezember 2016 belegte sie einen beachtlichen 20. Platz bei den Europäischen Meisterschaften.

Fabienne Amrhein weiß inzwischen, was sie ihrem Körper zumuten kann und wann sie besser einen Gang zurückschaltet. „Im Moment fühle ich mich topfit“, freut sich die Sportlerin. „Dieses Jahr will ich angreifen!“ Ihr Trainer bestätigt: „Fabienne hat im vergangenen Jahr einen riesigen Sprung nach vorne gemacht.“ Im März wird sich die Läuferin einem vierwöchigen Höhentraining der Deutschen Leichtathletik-­Nationalmannschaft in Flagstaff, Arizona anschließen. „Mal gucken, was das mit mir machen wird. Es gibt Läufer, die sehr davon profitieren, bei anderen bewirkt das Höhentraining gar nichts und manche brauchen sogar lange, um sich davon wieder zu erholen.“ Fabienne hofft natürlich auf Ersteres. Ihre Ziele für 2017 sind hochge­steckt – dennoch aber realistisch, wie sie betont: Bei den Deutschen Meisterschaften Anfang Juli in Erfurt will sie ihre persönliche Bestzeit auf der 5.000­-Meter­-Strecke verbessern und unter 16 Minuten laufen. Im Herbst dann steht die „Universiade“ im taiwanesischen Taipeh an – die olympischen Hochschulspiele. „Mein Traum ist es, mich hierfür zu qualifizieren.“

Noch immer brummt die Leichtathletik­halle vor sportlicher Aktivität. Die Schritte allerdings trommeln nicht mehr ganz so schnell und mühelos. Inzwischen haben vor allem Hobbysportler die Bahn übernommen. Fabienne schultert ihre Sporttasche. Es wird Zeit, nach Hause zu fahren. Morgen früh wartet ein Protokoll über ihr letztes Praktikum „Biomedical Imaging and Radi­ation Oncology“ auf sie, das geschrieben werden will – und natürlich die Laufschuhe.

Serie: Uni Privat

Mitglieder der Universität, die sich in ihrem privaten Umfeld in besonderer Weise engagieren oder einem ungewöhnlichen Hobby nachgehen, stehen im Mittelpunkt der Serie „Uni privat“. Fühlen Sie sich angesprochen oder kennen Sie jemanden? Die Redaktion des Unispiegels freut sich über jeden Hinweis.