NACHRUF Die Universität Heidelberg trauert um einen Visionär der „Globalen Medizin“
Mit großer Trauer nimmt die Universität Heidelberg Abschied von Professor Dr. Hans Jochen Diesfeld, der am 19. März 2025 im Alter von 92 Jahren verstorben ist. Als Pionier der Tropenmedizin hat er die Entwicklung und Etablierung dieses Fachgebiets an der Ruperto Carola nachhaltig geprägt – insbesondere durch seine visionäre Erweiterung hin zu einer „Globalen Medizin“.

Mehr als zwei Jahrzehnte lang leitete Prof. Diesfeld als Ärztlicher Direktor die Abteilung Tropenhygiene und Öffentliches Gesundheitswesen. In dieser Zeit setzte er wegweisende Impulse in Forschung, Lehre und internationaler Zusammenarbeit. „Wir hatten in Heidelberg, im bereits damals interdisziplinär angelegten Konzept des Südasien-Instituts, ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass Gesundheit und Krankheit eine breite gesellschaftliche, kulturelle und politische Basis haben – ein Verständnis, das für Entwicklungshelfer ebenso wie für Studierende aus Ländern des globalen Südens von unschätzbarem Wert war“, beschrieb er einmal rückblickend die Anfänge der „Globalen Medizin“.
Hans Jochen Diesfeld verstand Tropenmedizin nicht nur als medizinische Disziplin, sondern als Teil einer globalen Verantwortung. Sein Anliegen war eine Medizin, die sich nicht auf postkoloniale Gesundheitskonzepte beschränkt, sondern die sozialen, politischen und kulturellen Kontexte ernst nimmt – insbesondere in Ländern des globalen Südens. Ein zentrales Anliegen seines Wirkens war es, gesundheitliche Ungleichheiten weltweit sichtbar zu machen und humanitäre Perspektiven in die Medizin einzubringen.
„Einst wie jetzt wird aus dem Auge verloren, dass der Mensch nicht nur ein biochemisches Maschinenmodell ist, sondern psychosoziale Funktionen im weitesten Sinne hat“, so Prof. Diesfeld. Er trat deshalb für eine holistische Theorie der Humanmedizin ein, in der der Mensch als Teil eines komplexen Wechselspiels mit seiner Umwelt verstanden wird. Gerade am Beispiel der sogenannten Entwicklungsländer zeigte sich für ihn, wie notwendig es ist, das naturwissenschaftlich geprägte medizinische Denkmodell kritisch zu hinterfragen und konzeptionell weiterzuentwickeln.
Mit seinem unermüdlichen Engagement hinterlässt Hans Jochen Diesfeld nicht nur wissenschaftliche Spuren, sondern auch ein tiefes humanitäres Vermächtnis.
Literaturhinweis
Hans Jochen Diesfeld: Gesundheitsproblematik der Dritten Welt, WB-Forum 48, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1989

