Leonard McCombe – Nach dem Krieg Deutschland
Im Hochsommer 1945 kommt Leonard McCombe in die schwer zerstörte deutsche Hauptstadt, die von den vier Siegermächten besetzt ist. Berlin ist überfüllt mit Flüchtlingen und Kriegsheimkehrern, und täglich kommen zehntausende dazu, die kein Obdach finden. Viele von ihnen benötigen dringend medizinische Versorgung, die Ernährungslage ist kritisch. In Berlin entstehen eindringliche Porträts verwaister Kinder, amputierter Soldaten und verhungernder Heimatloser. Sie erscheinen in LIFE unter dem Titel „displaced persons“. Eine andere Fotoreportage berichtet von der Festnahme eines ehemaligen SS-Offiziers. McCombes Bilder von Fritz Riemer erzählen die Geschichte eines ehemaligen Polizisten, der von den amerikanischen Militärbehörden nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft die Erlaubnis erhält, nach seiner Familie zu suchen. Wieder andere Aufnahmen zeigen Eltern, die von ihren Kindern Abschied nehmen. Sie werden im Rahmen der „Operation Storch“ in die britische Zone evakuiert, wo sie wieder zu Kräften kommen sollen.
Vertriebene Deutsche
„Von Polen und Tschechien aus ihrer Heimat vertrieben, strömen sie nach Berlin, wo sie unerwünscht sind. Deutsche aus Osteuropa drängen sich auf einem Zug im Berliner Anhalter Bahnhof. Viele sind schon die ganze Nacht hier. Im Vordergrund: entlassene Gefangene . … Aber die Millionen Europäer, die von den Nazis noch schlimmer behandelt und erniedrigt wurden, empfinden weder Mitleid noch Sympathie für die Menschen, die Hitler unterstützt oder seine Herrschaft zugelassen haben.“
LIFE MAGAZINE, 15. OKTOBER 1945

Displaced
„Mutter und Kind drohten zu verhungern, weshalb die Berliner Behörden sie in einem zerbombten Berliner Krankenhaus aufnahmen. Sie war 180 Meilen von Schlesien nach Berlin gelaufen.“
LIFE MAGAZINE, 21. MAI 1945
„Mutter und Kind waren in einem so furcht baren Zustand, dass sie im Krankenhaus aufgenommen wurden und eine Weile blei ben durften. Beide waren mit Ungeziefer übersät und völlig ausgehungert.“
ILLUSTRATED, 22. SEPTEMBER 1945

Berliner Bahnhöfe, wo Flüchtlinge ankommen, abreisen, leben, sterben
„Das Ende, das für viele unausweichlich ist, naht. Dieser „hoffnungslose Fall“, noch vor kurzem ein wohlhabender Bauer, wurde in den „Todeswaggon“ verfrachtet, einen verlassenen Wagen auf dem Bahnsteig Nr. 2 des Stettiner Bahnhofs. Er ist zu schwach, um um Hilfe zu bitten, und da er weiß, dass es keine Hilfe gibt, sitzt er da, starrt vor sich hin und wartet auf den Tod. Viele der Tausenden von Deportierten, die jeden Tag in Berlin ankommen, sind dem Tod geweiht, ohne Aussicht auf Aufschub, auch wenn sie nicht auf der Stelle sterben. Der Todeswaggon ist ihre tragische Bestimmung.“
ILLUSTRATED, 22. SEPTEMBER 1945

Vertriebene Deutsche
„Nach einem hundert Meilen langen Fußmarsch sind die geschwollenen Füße dieser deutschen Frau aufgeplatzt und geben eine eitrige Mischung aus Blut und Wasser ab. In der Nähe von Berlin hat sie einen Zug zum Stettiner Bahnhof genommen und wartet hier auf die Aufnahme in eines der zerstörten und unterbesetzten Krankenhäuser Berlins. Sie leidet an Hunger und allgemeiner Erschöpfung.“
LIFE MAGAZINE, 15. OKTOBER 1945
„Mit nackten, geschwollenen und gebrochenen Füßen nach dem hundert Meilen langen Marsch nach Berlin ist diese völlig erschöpfte Frau eine der 23.000 Flüchtlinge, die dort täglich ankommen.“
ILLUSTRATED, 22. SEPTEMBER 1945

Berlin
„Ein ehemaliger SS-Offizier, ein Jahr zuvor noch die Verkörperung der Arroganz, der vor keiner Gewalttat zurückschreckt, heute ein jammervoller alter Mann voller Ausreden und Erklärungen, aber ohne Reue.“
ATLANTIS, 1946

Displaced
„Eine erschöpfte Gruppe kauert trübselig im Berliner Rathaus - ein alter Mann mit zwei weinenden Frauen, ein erschöpfter Soldat. Fünfundzwanzig Prozent der Flüchtlinge können zu Verwandten in der amerikanischen und britischen Zone gehen, weitere 25 Prozent sind in der russischen Zone beheimatet. Die restlichen 50 Prozent irren umher und versuchen, in Auffanglagern unterzukommen.“
LIFE MAGAZINE, 15. OKTOBER 1945
Fritz Riemer
„Vor dem Krieg hatte Fritz Riemer ... im Bezirk Wilhelmstraße als Schupo seines Amtes gewaltet. ...Eben damit er wieder seines alten Amtes walte, haben ihn die Amerikaner als einen der ersten deutschen Kriegsgefangenen freigelassen. ... Der [amerikanische Lager]kommandant [hat] dem früheren deutschen Polizisten die Erlaubnis gegeben, eine inoffizielle Rundfahrt durch seine frühere Vaterstadt zu machen.“
BILL RICHARDSON UND LEONARD MCCOMBE, MENSCHEN ERLEIDEN GESCHICHTE

Operation Storch
Galerie des Elends: Blinde, verstümmelte Soldaten, obdachlose Jungen, Ganoven, hungernde, verlauste Mütter, Säuglinge
„Dieser blinde Fiedler sitzt im Getümmel seiner Stadt und spielt ein paar Melodien, um die Berliner zu unterhalten, die ihren letzten Sabbatspaziergang genießen. In der deutschen Hauptstadt ist wenig Geld übrig, aber viele finden eine kleine Spende.“
ILLUSTRATED, 22. SEPTEMBER 1945


