Kultur 2 von 2
Seit das Kontaktverbot zwischen Soldaten und deutschen Kindern aufgehoben wurde, haben sich diese Kontakte am besten entwickelt. Überall kann man mit Kindern spielende GIs sehen, an jeder Straßenecke. Für viele Erwachsene war dies eine positive Überraschung, da sie davon ausgingen, es mit „Chicago Gangstern“ zu tun zu haben.
US-Amerikanischer Stimmungsbericht (31. Juli)
Nach der Besetzung fiel der Unterricht in den Schulen wegen Beschlagnahme der Räume fast ein Jahr lang völlig aus. (…) Nur unermüdliche Geduld und tiefe menschliche Hilfsbereitschaft der Lehrerschaft wird dieser Generation, die wahrhaft Opfer ihrer Zeit ist, dazu verhelfen, sich wieder im Leben zurechtzufinden.
Marie Baum, Sozialpolitikerin und Frauenrechtlerin
Während sich das öffentliche Leben im Sommer 1945 in manchen Bereichen wieder normalisierte, blieben die Lehranstalten – Elementar- und höhere Schulen ebenso wie die Universität – teilweise noch für mehrere Monate geschlossen. Hierfür gab es zum einen materielle Gründe wie die eingeschränkte Verfügbarkeit und Nutzbarkeit der Unterrichtsgebäude, zum anderen und vor allem fehlte es an geeignetem Lehrpersonal. Von den in großem Maßstab von der Militärregierung durchgeführten Entlassungen im öffentlichen Dienst waren zahlreiche Lehrer betroffen, da ihr Berufsstand (NSDAP-Parteimitgliedschaften waren dort weit verbreitet gewesen) eine hohe politische Formalbelastung aufwies. Dies galt auch für den Lehrkörper der Universität: Mehr als 40 Prozent der Professoren, Privatdozenten und Assistenten wurden 1945 aus politischen Gründen entlassen – die meisten von ihnen konnten erst nach mehreren Monaten und teilweise einigen Jahren in den öffentlichen Dienst zurückkehren. Die Befürchtung, dass nationalsozialistisch belastete Lehrkräfte eine demokratische Erziehung der Jugend untergraben könnten, wurde schließlich von der Notwendigkeit überdeckt, das Bildungssystem irgendwie wieder in Gang zu setzen: In Heidelberg nahmen erste Volksschulen (in Rohrbach und Kirchheim) Ende August 1945 den Unterricht wieder auf, und weitere Elementarschulen für die jüngsten vier Klassen folgten in den nächsten Wochen. Der Lehrbetrieb in den höheren Schulen kam erst seit dem Herbst wieder in Gang.
Mit der schrittweisen Lockerung der Einschränkungen des öffentlichen Lebens seit Mai 1945 veränderten sich auch die Beziehungen zwischen der Heidelberger Bevölkerung und den US-Soldaten. Zwar spielten negative Wahrnehmungen, in denen die Besatzer eher als Feinde denn als Befreier erschienen, und der Unmut über Restriktionen und materielle Belastungen in Zusammenhang mit der fremden Massenpräsenz in der Stadt weiterhin eine Rolle; für einige Bevölkerungsgruppen, insbesondere die jüngeren Men- schen, übte der mit den Besatzern in Heidelberg eingezogene US-amerikanische Lebenswandel jedoch eine besondere Anziehungskraft aus: Neben Kaugummi, Cola und Jazzmusik wirkten hierbei auch unbekannte Sportarten wie das auf dem Bild festgehaltene Baseball. Ende August 1945 wurde in Neuenheim der Basketball Club Heidelberg gegründet.
Nachdem die ersten Monate der US-amerikanischen Besatzung in Heidelberg noch sehr stark von den Folgelasten der nationalsozialistischen Herrschaft geprägt waren, überlagerten die Gegenwartsnöte bald die Auseinandersetzung mit der jüngsten politischen Vergangenheit. Mit der allmählichen Leerung der DP-Camps verschwanden die NS-Opfer aus dem Blick der Öffentlichkeit, dem die NS-Täter ohnehin entzogen waren: Die führenden und mittleren lokalen NSDAP-Funktionäre, SS- und SA-Offiziere sowie die Mitarbeiter der Heidelberger Gestapo waren nach dem Kriegsende in alliierte Internierungshaft genommen worden und kehrten nach teilweise mehrjährigem Lageraufenthalt zu ihren Familien zurück. Die große Gruppe der kleineren Rädchen im nationalsozialistischen Herrschaftsapparat, die Opportunisten, Helfershelfer und Mitläufer, wurde von den seit dem Frühjahr 1946 eingerichteten Spruchkammern zur Rechenschaft gezogen oder – wie manche Zeitgenossen frustriert bemerkten – im Schnelldurchgang weißgewaschen. Ihre Verfahren fanden kaum noch öffentliche Aufmerksamkeit, es sei denn, es ging um prominente Figuren wie den ehemaligen Oberbürgermeister Carl Neinhaus. Er wurde 1947 und 1949 in zwei Spruchkammerverfahren zunächst als „Mitläufer“ und dann als „Entlasteter“ eingestuft, was ihm eine Wiederaufnahme seiner politischen Karriere ermöglichte: zunächst als Landtagsabgeordneter und seit 1952 wieder an der Heidelberger Stadtspitze.

