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„Im Sommer haben wir am Neckar nachts Kirschen geklaut“

Die ehemalige Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer erlebte als Theologiestudentin Heidelberg in der Zeit vor den Studentenunruhen

Antje Vollmer

Foto: Rudi Knoke

Antje Vollmer

Antje Vollmer (*1943) studierte Mitte der 1960er Jahre insgesamt vier Semester Theologie in Heidelberg. Nach einem Zweitstudium der Erwachsenenpädagogik und ihrer Promotion arbeitete sie ab Mitte der 1970er Jahre als Dozentin an der Evangelischen Heimvolkshochschule in Bethel, wo sie in Kontakt mit der Agraropposition kam. Als 1983 die Grünen erstmals in den Bundestag einzogen, wurde Antje Vollmer über eine offene Landesliste Bundestagsmitglied für die Partei, in die sie aber erst 1985 eintrat. Mit Unterbrechungen war sie bis 2005 Bundestagsabgeordnete der Grünen. Sie übernahm wechselnde Funktionen in der Fraktion und wurde 1994 die erste grüne Bundestagsvizepräsidentin. 2009/2010 war sie Vorsitzende des von der Bundesregierung eingerichteten Runden Tischs  Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren. Seit ihrem Abschied aus dem Bundestag betätigt sich Antje Vollmer verstärkt als Publizistin.

Das Interview wurde im September 2015 geführt.

 

Frau Vollmer, warum haben Sie sich für Ihr Theologiestudium Heidelberg ausgesucht?

Ich habe ja in mehreren Städten studiert: Angefangen habe ich in Berlin, dann bin ich zum Wintersemester 1963/64 für drei Semester nach Heidelberg gegangen, von dort dann nach  Tübingen und Paris und dann nochmal ein Semester nach Heidelberg. Examen habe ich in Berlin gemacht. Ausschlaggebend waren immer die Professoren, denn damals gab es noch berühmte Theologen, denen man auch nachreiste. In Heidelberg waren das vor allem Gerhard von Rad, Günther Bornkamm und Dieter Georgi, in Tübingen Ernst Bloch und Ernst Käsemann.

 

Studentenausweis Vollmer
Bild: Universitätsarchiv
Foto aus Antje Vollmers Studentenakte

Gab es in Heidelberg Personen und Ereignisse, die Sie geprägt haben?

Von den genannten Professoren hat mich von Rad mit seinem Interesse für das Alte Testament sehr stark geprägt, dann aber ganz besonders Dieter Georgi, der damals Privatdozent war. Um ihn herum gab es immer intensive Diskussionen, auch schon mit politischem Interesse. Er ging dann später nach Berkeley und war dort voll in die Bürgerrechtsbewegung involviert. Mindestens genauso gut erinnere ich mich aber an das Theaterspielen im Studententheater und die Sommer am Neckar. Ich hatte schon in Berlin im Ionesco-Stück "Die kahle Sängerin" mitgespielt,  in Heidelberg war es dann ein Stück von Aischylos. Vor allem in den Sommern habe ich einen großen Teil der Zeit mit Theaterproben verbracht, und hinterher sind wir dann an den Neckar gefahren und haben nachts Kirschen in irgendwelchen Gärten geklaut. Wir waren damals alle mehr oder weniger Existenzialisten, wir lasen viel französische Literatur, saßen Nächte lang bei einer großen Korbflasche mit billigem italienischem Rotwein und haben uns die Köpfe heiß diskutiert und dabei ununterbrochen geraucht. Da war schon eine politische Wachheit, aber sie drängte überhaupt noch nicht zu politischen Diskussionen, sie fand eher in einer Art Clubatmosphäre statt – von einer wirklichen politischen Strömung konnte man damals in Heidelberg sehr wenig spüren. Das war dann schlagartig anders, als ich 1967/68 nach Berlin kam – mein Examen habe ich während der berühmten Osterunruhen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke gemacht. Da kam ich in eine extrem politisierte Studentenszene. Demgegenüber waren Heidelberg und Tübingen eine völlig andere Welt.

 

Sie haben also in Heidelberg noch nichts von der Studentenbewegung mitbekommen?

Nein, zu meiner Zeit war davon noch nichts zu spüren. Als ich mich viel später politisch um eine Deeskalation des Konflikts mit der RAF und um einen Dialog bemüht habe, habe ich festgestellt, dass viele der Protagonisten aus Heidelberg oder Baden-Württemberg kamen, aus einem stark moralisch motivierten, auch protestantischen Milieu. Da habe ich mich gefragt, warum ich diese Leute damals in Heidelberg nicht gesehen habe? Rein intellektuell war es für mich wohl ein Glück, dass ich mit einem ausgesprochen humanistischen, umfassenden Bildungsstudium schon fertig war, als das alles losging. Ich habe noch in vollen Zügen eine Universität genossen, von der ich später immer hörte, sie verströme den Muff von tausend Jahren. Ich habe die Universität – generell und in Heidelberg – dagegen als eine sehr ambitionierte, intellektuell manchmal brillante liberale Einrichtung erlebt, mit großen Professorenpersönlichkeiten, die viel forderten, aber hoch interessant waren. Wenn man aus einer Vorlesung von Bloch, Käsemann oder von Rad kam, dann diskutierte man noch stundenlang darüber.

 

Wieso haben Sie sich denn für ein Theologiestudium entschieden?

Nicht aus Frömmigkeit, denn ich kam nicht aus einem frommen Elternhaus. Vielleicht war Dietrich Bonhoeffer der eigentliche Grund, weil er und die Bekennende Kirche mich als Schülerin sehr interessiert haben. Wir hatten sehr gute Lehrer an der Schule, die sich mit uns auch über den Nationalsozialismus auseinandersetzten, außerdem war die Bekennende Kirche in unserer Gegend sehr präsent, da dort einige ihrer führenden Theologen lebten, etwa der Bruder von Martin Niemöller, Wilhelm Niemöller. Und Ernst Wilm, der spätere Präses

 

Sie hatten also nicht das Berufsziel Pfarrerin?

Ehrlich gesagt habe ich daran überhaupt nicht gedacht. Als ich mich entscheiden musste, was ich studieren wollte, waren für mich die Alternativen Archäologie oder Theologie. Ich habe mich für Theologie entschieden, weil dieses Fach vielfältige Interessen vereinte, ob das nun Interesse an Politik war oder an Literatur, Kunstgeschichte, Psychologie, Psychoanalyse, Philosophie oder Archäologie. Ich dachte mir, dass dieses Studium nah an den Menschen ist, also keine reine Buchwissenschaft oder „Wissenschaft von Steinen und Ruinen“. Ich habe aber relativ wenig an die spätere Gemeindepraxis gedacht, was dann zu einem ganz schönen Praxisschock führte, als ich als Hilfspredigerin in einem sozialen Brennpunkt in Berlin-Wedding arbeitete.

 

Warum haben Sie noch ein Zweitstudium Erwachsenenpädagogik angeschlossen?

Genau aus diesem Grund, dem Praxisschock. Ich arbeitete in einem Abrissgebiet direkt an der Mauer, in dem die Menschen wegsaniert wurden. Unter den Jugendlichen gab es viele mit Drogenproblemen, so dass ich einige meiner Konfirmanden am Bahnhof Zoo vorfand. Weil so viele Menschen wegsaniert wurden, war es zudem eine überalterte Gemeinde, so dass ich an manchen Tagen nicht mehr vom Friedhof runterkam, weil ich vier, fünf Beerdigungen nacheinander zu betreuen hatte. Das war ziemlich hart und für einen Menschen mit Anfang 20 eine ganz schöne Überforderung. Weil ich nicht wusste, ob ich mein Leben lang so arbeiten wollte, habe ich dann zusätzlich Erwachsenenbildung studiert und darüber auch promoviert. Ich habe das als eine sehr sozial geprägte Bildungsarbeit gesehen, als Arbeiter- und Volksbildung im Gegensatz zur Elitenbildung.

 

Und wie verlief dann Ihr Weg in die Politik?

Ich wollte nie Politikerin werden, war aber von Kindheit an ein politisch sensibilisierter Mensch – und zufälligerweise war ich immer gerade an den Orten, an denen politisch etwas Neues begann. Zunächst in Berlin mit der Studentenbewegung, dann mit der Erwachsenenbildung in einer ländlichen Heimvolkshochschule in Bethel bei Bielefeld, wo ich quasi die 68er-Bewegung auf dem Land erlebt habe, die das Rückgrat der Anti-Atom-Bewegung und der späteren Ökologiebewegung bildete. Viele der jungen Bauern, mit denen ich dort arbeitete, diskutierten über einen Ausstieg aus der konventionellen Landwirtschaft hin zum Ökolandbau. Diese Bauern waren der entscheidende Faktor dafür, dass der Widerstand gegen die Atomkraft eine andere Qualität bekam als die sehr intellektuelle städtische Studentenbewegung und dass es auch gelang, ganz andere Bevölkerungsgruppen dafür zu motivieren. Die Gründung der Grünen habe ich überhaupt nicht mitbekommen, weil ich voll und ganz in diesen oppositionellen Bauernkreisen aufging. Als aber dann die Grünen 1983 für den Bundestag kandierten, wollten sie auch jemanden von dieser Bauernopposition als Experten für Agrarpolitik dabei haben. Und da die Grünen den Bauern zu suspekt, manchmal auch zu verrückt und zu radikal waren, haben wir gesagt, ich könnte es ja versuchen – und sechs Wochen später saß ich dann im Bundestag. Das war sturzgeburtartig, aber ich sehe es als biographischen Glücksfall!

Antje Vollmer

Foto: Deutscher Bundestag/ Presse-Service Steponaitis

Antje Vollmer 1995 in ihrer Anfangszeit als erste Bundestagsvizepräsidentin der Grünen

Welche Ereignisse Ihrer politischen Laufbahn waren besonders prägend?

Der Anfang war natürlich hochdramatisch. Zum einen war die grüne Fraktion mit Petra Kelly, Gert Bastian oder Otto Schily eine Ansammlung von Charismatikern mit extrem unterschiedlichen Biografien, zum anderen löste der Einzug der Grünen in den Bundestag Schock und Entsetzen im etablierten Parteienspektrum aus. Da wegen der Rotation jährlich die Fraktionsführung wechselte, war ich schon in meinem zweiten Jahr im Bundestag Mitglied im berühmten Frauenvorstand, dem „Feminat“. Auf einmal war ich als Nicht-Grünen-Mitglied Sprecherin, also Fraktionsvorsitzende, und musste sehr schnell in diese Rolle reinwachsen. Eines der großen Themen damals war der RAF-Terrorismus. Da ich der Überzeugung war, dass eine gewaltfreie Partei wie die Grünen zur Lösung eines solchen Konflikts beitragen müsse, habe ich einen Dialog angeboten. Das hat eine unglaubliche Kampagne gegen mich ausgelöst, bei der lange nicht klar war, ob ich das überstehe, und die mich bis heute prägt. Ich habe dann Unterstützung von Leuten wie Helmut Gollwitzer, Hans Magnus Enzensberger, Kurt Scharf und Martin Walser bekommen und dadurch gelernt, dass es gerade an bestimmten politischen Weichenstellungen engagierte und unerschrockene Stellungnahmen aus der Gesellschaft geben muss, um der Politik zu zeigen, dass sie sich in etwas verrannt hat.

Die nächste große Herausforderung war die Diskussion darüber, wie wir die Erfahrungen der DDR-Bürgerrechtsbewegung in unsere Partei integrieren, und die Frage, wie es nach dem Mauerfall politisch weitergehen sollte. Ich war ja für ein Konföderationsmodell und bin auch heute noch der Meinung, dass das wirtschaftlich sehr viel schonender gewesen wäre und auch geklappt hätte. Dann später natürlich die erste rot-grüne Bundesregierung und die Debatten um die Beteiligung Deutschlands am Kosovokrieg. Mit diesen Diskussionen hatte ich große Schwierigkeiten, denn ich war, bin und bleibe Pazifistin. Dass sich die Debatten aber gelohnt haben, hat sich dann bei dem Nein Deutschlands zum Irakkrieg gezeigt.

 

Die Grünen haben sich in den mehr als 30 Jahren ihres Bestehens sehr verändert. Wie beurteilen Sie diese Veränderung?

Ich bin nicht zufrieden mit der Entwicklung der Grünen. Aber ich sehe das differenziert, denn zur Hälfte ist die Entwicklung gut, zur Hälfte eher Besorgnis erregend. Die Grünen gründen ja auf vier Säulen: Ökologie, Basisdemokratie, Pazifismus und Soziales. Die ökologische Säule würde ich als Erfolgsgeschichte bezeichnen, denn das Bewusstsein der Bürger dieses Landes und die Politik der anderen Parteien haben sich in diesem Punkt erheblich verändert, woran die Grünen einen sehr großen Anteil haben. Auch die Entwicklung in Sachen Basisdemokratie sehe ich überwiegend positiv: Da hat sich die Politik weg von einer sehr hierarchischen Vorstellung deutlich liberalisiert, wobei die Grünen als Ausdruck einer ganzen Kultur von Bürgerinitiativen und -bewegungen sowie als früher Partner der Menschen- und Bürgerrechter aus Ostdeutschland eine wichtige Rolle spielten. Ganz kritisch sehe ich, dass die Grünen keine pazifistische Partei mehr sind, sondern gerade in der Frage der Menschenrechte inzwischen zu Sanktionen und bellizistischen Lösungen von Konflikten neigen. Das finde ich für die grüne Identität sehr problematisch und bin da auch mit meiner Partei in einer offenen Auseinandersetzung. Beim Thema Soziales habe ich die Befürchtung, dass die Grünen inzwischen zu sehr die Partei einer aufgeklärten Elite sind und deren Bewusstsein widerspiegeln, während sie die Sensibilität für die sozialen Verwerfungen vermissen lassen, die die Globalisierung und die dramatischen Umwälzungen in den osteuropäischen Ländern mit sich gebracht haben. Obwohl ich ja selbst aus der Frauenbewegung komme, finde ich beispielsweise, dass die Grünen sich etwas zu wenig für alleinerziehende Mütter und etwas zu viel für Karrierefrauen engagieren.

 

Sie sind 2005 aus der Politik ausgestiegen – warum zu diesem Zeitpunkt?

Erstens wollte ich immer meinen Ausstieg selbst bestimmen, also nicht abgewählt werden. Zweitens fand ich, dass 22 Jahre in der Politik reichen – und bei den Grünen zählen sie  eigentlich doppelt, was den persönlichen Verschleiß angeht. Drittens hatte ich zu viele Konflikte mit Joschka Fischer, insbesondere in der Pazifismusfrage. Vor allem bei der  Afghanistanfrage war für mich der Punkt erreicht, an dem ich gesagt habe, ich kann mehr bewegen und ich bin freier im Reden, wenn ich aus der Politik raus bin. Seit der Zeit melde ich mich ab und an mit Artikeln zu Wort und finde, dass das tatsächlich Freiheit ermöglicht. Aber man hat natürlich auch weniger Chancen, mit anderen intensiv zu diskutieren. Ich muss jetzt beim Lesen der Tageszeitung mit mir selbst ausmachen, was ich über all das denke – denn das hört nie auf, dass Sie blitzschnell politisch begreifen, was los ist, wie man eingreifen sollte oder in welche Richtung man jetzt die Debatte steuern müsste. Da habe ich jetzt natürlich nicht mehr die früheren Möglichkeiten – außer ich schreibe einen Artikel und finde eine Zeitung, die ihn veröffentlicht.

 

Eine abschließende Fragen: Sind in der Politik auch echte Freundschaften möglich oder schließt sich das eher aus?

Eigentlich schließt es sich eher aus, weil man in unterschiedlichen Fragen mit unterschiedlichen Leuten zusammenarbeiten und immer wieder neue Verbindungen knüpfen muss. Ich habe ganz wenige Freunde aus dieser Zeit, aber die sind dann auch bis heute geblieben. Mit Christa Nickels, mit der ich schon 1984 im Feminat war und den Brief an die RAF geschrieben habe, bin ich noch heute gut befreundet.

 

(Das Interview führte Mirjam Mohr)

E-Mail: Seitenbearbeiter
Letzte Änderung: 12.11.2015
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