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„Heidelberg war eine ungeheuer anregende Zeit für mich – vielleicht sogar die schönste Zeit überhaupt“

Der ARD-Journalist Thomas Roth profitiert bis heute von seinem Studium an der Ruperto Carola

 

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Foto: NDR

Thomas Roth

Thomas Roth studierte ab 1971 Anglistik und Germanistik an der Universität Heidelberg. Nach einem Volontariat beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart startete er 1984 seine Karriere als Fernseh- und Hörfunkjournalist. Als Spezialist für politische Berichterstattung moderierte er unter anderem das Magazin „Weltspiegel“ und berichtete als stellvertretender Korrespondent in Kairo über den Golfkrieg. Zwischen 1988 und 2013 leitete Roth die ARD-Studios in Johannesburg, Moskau und New York sowie das Hauptstadtstudio in Berlin. Von 1995 bis 1998 wirkte er zudem als Hörfunkdirektor beim WDR. Größere Bekanntheit erlangte Roth durch sein „Russisches Tagebuch“, ein filmisches  Porträt der russischen Gesellschaft, Kultur und Politik. Für seine journalistische Berichterstattung wurde er unter anderem mit dem „Friedrich-Joseph-Haas-Preis“ für besondere Verdienste um die deutsch-russische Verständigung ausgezeichnet. Seit August 2013 ist Thomas Roth „Erster Moderator“ der ARD-„Tagesthemen“.

 

Das Interview wurde im Januar 2014 geführt.

 

Herr Roth, Sie haben in Heidelberg Anglistik und Germanistik studiert – hatten Sie denn zu Studienbeginn schon Ihren jetzigen Beruf vor Augen? Oder hatten Sie andere Gründe für die Wahl Ihrer Studienfächer?

Nein, ich hatte den Beruf Journalist zu Beginn des Studiums noch nicht konkret vor Augen, auch wenn er mich interessiert hat. Konkreter wurde das erst im Lauf der Studienjahre. Ich wollte unbedingt Literaturwissenschaft studieren und möglichst viel „aufsaugen“. Das mag heute etwas seltsam klingen, aber über den späteren Beruf habe ich mir zu Beginn des Studiums nur wenig Gedanken gemacht. Ich fürchte, die heutigen Studenten haben dieses Privileg nicht mehr.

 

Warum haben Sie sich für Ihr Studium die Universität Heidelberg ausgesucht?

Ich wollte aus familiären Gründen in Baden-Württemberg studieren. Heidelberg hatte gerade in den Geisteswissenschaften einen glänzenden Ruf und eine sehr lebendige Studentenszene. Das fand ich sehr anziehend. Wie übrigens eine Reihe meiner Mitschüler, die sich auch Heidelberg ausgesucht hatten. Mit einigen aus dieser Zeit bin ich bis heute befreundet.

 

Waren Sie ein fleißiger Student oder haben Sie Ihre Zeit in Heidelberg auch ausgiebig zum „Studium des Lebens“ genutzt?

Ich habe jedenfalls mit ziemlicher Begeisterung studiert und alles aufgesogen, was die Uni und ihr Umfeld geboten haben. Damals wurde das Studium Generale neu eingerichtet, was mit spannenden Veranstaltungen aus vielen anderen Disziplinen einherging. Außerdem konnte ich bald als „Hiwi“, als hilfswissenschaftlicher Angestellter, in der Bibliothek des Anglistischen Seminars arbeiten. Das war eine wunderbare Zeit und fast schon eine eigene kleine akademische Gemeinschaft. Das „Studium des Lebens“ lieferte Heidelberg damals von allein. Ich hoffe, dass auch die heutigen Studenten das trotz allem Druck noch ein bisschen genießen können.

 

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Heidelberg? Haben Sie aus dieser Zeit etwas Wichtiges für Ihr späteres Berufsleben mitgenommen?

Es war eine ungeheuer anregende Zeit für mich, vielleicht sogar die schönste Zeit überhaupt. Akademische Lehrer wie der wunderbare Anglist Prof. Dr. Horst Meller engagierten sich für ihre Studenten, zu denen ich gehörte, wie übrigens Jahre später auch Frank Schirrmacher, der heutige Herausgeber der FAZ. Professor Meller verlangte einem Fantasie, aber auch Fleiß und methodisches Denken ab. Das war anspruchsvoll, aber ich profitiere noch heute davon. Die Freiheit kennenzulernen, in alle möglichen (und unmöglichen) Richtungen zu denken, vielleicht ist es das, was mir später auch den Weg in den Beruf geebnet und den Mut dafür gegeben hat. Neben sehr schönen Erinnerungen an die Stadt Heidelberg einschließlich der langen Spaziergänge auf dem Philosophenweg.

 

Wie verlief Ihr Weg in den Journalismus?

Ich hatte die überraschende Zusage bekommen, als Lektor für eine Tageszeitung zu arbeiten. In der Euphorie dieses Tages fuhr ich beim Heidelberger Regionalstudio des damaligen Süddeutschen Rundfunks vorbei. Das war zu der Zeit noch in einer Villa auf dem Schlossberg untergebracht. Nach einem intensiven Gespräch mit dem damaligen Studioleiter Bernhard Ballhaus, einem fabelhaften und neugierigen Mann, durfte ich dort als freier Reporter für den SDR Hörfunk und sein Programm „Kurpfalzradio“ anfangen. Er traute mir das einfach zu, obwohl er mich praktisch nicht kannte und ich fast keine Erfahrung mit dem Medium Radio hatte. Das war großartig. Später kam ein Hörfunkvolontariat beim SDR dazu. Von da aus entwickelte sich alles und ich habe es keine Sekunde bereut.

 

Sie waren als Korrespondent in Kairo, Johannesburg, Moskau und New York. Wo hat es Ihnen am besten gefallen?

Es war jedes Mal eine vollkommen andere, sehr faszinierende Welt, in die ich da geriet. Ich kann gar nicht sagen, welche mir am besten gefiel. Aber die engsten Bindungen habe ich bis heute vielleicht doch nach Südafrika und Russland. Und dann noch nach New York. Sie sehen, es fällt mir schwer ...

 

Als Korrespondent haben Sie viele wichtige weltpolitische Entwicklungen live vor Ort erlebt und journalistisch begleitet – in Südafrika die Haftentlassung Nelson Mandelas und das Ende der Apartheidpolitik, in Moskau den Putschversuch gegen Michail Gorbatschow und das Ende der Sowjetunion, in den USA die Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten. Was war Ihr beeindruckendstes Erlebnis als Korrespondent?

Am  eindrucksvollsten war schon, als im August ´91 in Moskau plötzlich die schweren Panzer in die Stadt und unter unserem Studio vorbeirollten. Eine surreale, aber zugleich auch sehr gefährliche Szene, mit der das Ende der Sowjetunion begann. Wir spürten alle sofort, dass wir gewissermaßen im Auge eines historischen Taifuns waren. Selbst mein damaliger Chef, der ARD-Studioleiter Gerd Ruge, hielt das nicht für möglich. Er führte mich damals übrigens mit seiner Ruhe und seinem journalistischen Rat durch diese wirklich sehr bewegenden Tage. Sehr geprägt hat mich Nelson Mandela, den ich als Korrespondent in Südafrika näher kennenlernen konnte, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden war. Seine politische Entschlossenheit, zugleich aber gepaart mit seiner Versöhnungsbereitschaft nach all dem Unrecht der Apartheidsgesellschaft – das erlebt zu haben, betrachte ich nach wie vor als großes Geschenk in meinem Leben. In einer Sondersendung der ARD aus Anlass seines Todes konnte ich mich sogar im übertragenen Sinne von ihm verabschieden und von ihm erzählen. Dafür bin ich dankbar.

 

Seit August 2013 sind Sie bei den „Tagesthemen“. War es eine große Umstellung, nun nicht mehr aus den Brennpunkten oder zumindest von vor Ort zu berichten? Was schätzen Sie an Ihrer jetzigen Aufgabe?

Mein Job als Moderator der „Tagesthemen“ ist eine großartige Aufgabe. Es war übrigens von meiner Seite völlig ungeplant und eine der großen Überraschungen in meinem Journalistenleben. Nach so vielen Jahren als Auslandskorrespondent die Zuschauer auf die Beiträge meiner Kollegen und Kolleginnen einzustimmen, ist natürlich eine Herausforderung. Auch manchmal sehr komplizierte Zusammenhänge einfach und verstehbar darzustellen, verlangt eine Menge inhaltlicher, aber auch sprachlicher „Feinarbeit“ – mehr als man als Laie vielleicht vermutet. Mir macht es großen Spaß, obwohl der Zeitdruck einer täglichen aktuellen Sendung nicht gerade gering ist. Der Vorteil: Wenn die Sendung anläuft, muss man fertig und bereit sein. Man kommt also gar nicht erst in die Versuchung der „Aufschieberitis“. Das finde ich prima.

 

Was macht für Sie guten Journalismus aus und welche Eigenschaften sollte ein guter Journalist mitbringen? Sehen Sie Journalisten eher als „Geschichtenerzähler“, als „Dolmetscher“ oder als „Aufklärer“?

Guter Journalismus ist, immer die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, um die es geht. Nicht wir Journalisten sind wichtig, sondern die Menschen, über die wir berichten. Ich glaube, dass dazu auch ein Quantum an Empathie gehört. Eine innere Beteiligung muss spürbar sein, ohne dass man ein direkt Beteiligter ist. Gute Journalisten sind immer alles zusammen: „Geschichtenerzähler, Dolmetscher und Aufklärer“. Journalisten wie Gerd Ruge, der zu meinen Vorbildern gehört, haben das viele Jahre vorgemacht. Daran habe ich mich zu orientieren versucht und tue es noch heute.

 

Die Entwicklung des Journalismus als Berufsfeld ist in den letzten Jahren vor allem durch Zeitungssterben und Entlassungen gekennzeichnet. Dennoch ist der Berufswunsch Journalist bei vielen Studierenden nach wie vor weit verbreitet. Würden Sie heute noch empfehlen, trotz der negativen beruflichen Aussichten diesen Beruf zu ergreifen?

Ich würde jedem immer das empfehlen, was er gerne tut, wofür er oder sie „brennt“. Jungen PraktikantInnen oder StudentInnen sage ich immer: Finde heraus, was du wirklich willst, wo deine „Mitte“ ist und wo deine Leidenschaft. Und dann mach genau das, denn dann bist du auch gut darin. Das herauszufinden ist nicht einfach, aber es ist in meinen Augen viel wichtiger, als zu viel auf Berufsberater zu hören. Auch als ich in dem Beruf vor beinah 35 Jahren begann, ist mir wegen schlechter Aussichten von „vernünftigen“ Menschen abgeraten worden. Weil es aber meine Leidenschaft war, die ich entdeckt hatte, habe ich nicht darauf gehört. Ich habe es nie bereut. Bis heute nicht.

 

(Die Fragen stellte Mirjam Mohr)

E-Mail: Seitenbearbeiter
Letzte Änderung: 24.10.2014
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