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Die Heidelberg-Alumna Juliane Kokott ist Generalanwältin am Europäischen Gerichtshof und Mutter von sechs Kindern

Juliane Kokott

Foto: Ortner

Juliane Kokott

Juliane Kokott (*1957) ist seit Oktober 2003 auf Vorschlag der Bundesregierung Generalanwältin am Gerichtshof der Europäischen Union in Luxemburg. 2009 wurde sie für weitere sechs Jahre in ihrem Amt bestätigt. Nach ihrem Jura-Studium in Bonn, Genf und Washington wurde Kokott 1985 an der Ruperto Carola promoviert. Ihr Referendariat absolvierte sie am Landgericht Heidelberg, danach machte sie einen weiteren Doktortitel an der Universität Harvard in den USA. 1992 habilitierte Kokott sich in Heidelberg und lehrte anschließend an den Universitäten Augsburg, Heidelberg, Mannheim und Düsseldorf, bevor sie 1999 an die Universität St. Gallen ging. Dort war sie Inhaberin des Lehrstuhls für Völkerrecht, Internationales Wirtschaftsrecht und Europarecht sowie Direktorin des Instituts für Europäisches und Internationales Wirtschaftsrecht. Juliane Kokott lebt in Heidelberg, ist verheiratet und hat sechs Kinder.

Das Interview wurde im Oktober 2010 geführt.

 

Europäischer Gerichtshof
Bild: G. Fessy © CJUE
Gerichtshof der Europäischen Union

Frau Kokott, Sie sind Generalanwältin am Europäischen Gerichtshof, davor waren Sie lange als Professorin an verschiedenen Hochschulen tätig. Welche Rolle spielen Lehre und Forschung für Sie, wollen Sie später wieder an eine Hochschule zurück?

Ich habe den Beruf Professorin ja gewählt, weil er mir sehr gut gefällt, und ich versuche auch jetzt im Rahmen meiner schmalen Möglichkeiten, noch ein wenig die Lehre aufrecht zu erhalten: Ich lehre Europarecht in einem Kompaktkurs an der Universität St. Gallen, wo ich zuletzt tätig war. In einem gewissen Rahmen pflege ich also noch die Beziehungen zur Uni. Was die Zukunft bringt, wird man sehen.

 

Was gefällt Ihnen an Ihrer derzeitigen Aufgabe?

Mich fasziniert die Möglichkeit, auf höchstem Niveau juristisch zu arbeiten, und zwar in Gebieten, die mich interessieren. Das Leben präsentiert derart vielfältige Fragen, die man sich in seinem Studierzimmer gar nicht ausdenken könnte. Die Zusammenarbeit mit den Kollegen, die zu den besten Juristen ihres Landes gehören, und das Zusammenfließen der unterschiedlichen Rechtskulturen machen mir außerordentlich viel Freude. Das hat mir immer Spaß gemacht, deswegen habe ich ja auch von Anfang an Internationales Recht angestrebt, weil man in verschiedenen Sprach- und Rechtskulturen arbeiten kann.

 

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Bild: G. Fessy © CJUE
Gerichtshof der Europäischen Union

Warum haben Sie sich für ein Jurastudium entschieden, kam jemals auch etwas anderes für Sie in Frage?

Ich war eigentlich an vielen Dingen interessiert, insofern hätte es theoretisch auch ein anderes Gebiet sein können. Ich habe sehr, sehr gerne gelesen und wollte die Dinge verstehen. Aber Jura lag in der Familie, mein Vater hatte eine gewisse Vorbildfunktion, und meine Mutter hat stillschweigend erwartet, dass ich Jura studiere, so hat sich das dann ergeben. Und als ich es dann erst mal gemacht habe, habe ich Feuer gefangen.

 

Warum haben Sie in Heidelberg promoviert und habilitiert?

Ich wollte im Gebiet des Internationalen Rechts und des Völkerrechts habilitieren. In Heidelberg gab es am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht gleich drei Völkerrechtler. Das fand ich besser, als nur auf einen Habilitationsvater als Gesprächs- und Diskussionspartner angewiesen zu sein. Die Ruperto Carola spielt für mich nach wie vor eine Rolle, weil ich von dort komme und noch Verbindung zu meinem Doktorvater und meinem Habilitationsvater habe. Außerdem ist die Universität Heidelberg in vielen Bereichen international anerkannt, und das freut mich natürlich!

 

Haben Sie sich in Ihrem Studium und Beruf jemals als Frau benachteiligt oder behindert gefühlt?

Bis ich habilitiert war, hatte ich doch mit einigen Widerständen zu kämpfen, das muss ich schon sagen. Ein Kollege hielt meinen Habilitationsantrag für ungültig, weil ich ihn trotz Heirat unter dem Namen Kokott stellte, ein anderer behauptete, dass mein Habilitationsthema „Beweislast“ gar nicht existiere, was im Rückblick fast niedlich ist, da ich jetzt täglich in meiner Arbeit damit zu tun habe. Da muss man dann schon ein gewisses Selbstbewusstsein haben, um sich nicht irritieren zu lassen. Diese Stolpersteine und dieser Widerstand wurden bei mir aber dadurch neutralisiert, dass es auch immer wieder Personen gab, die sich für mich eingesetzt haben – unabhängige große Persönlichkeiten, die mir immer wieder zu verstehen gegeben haben, dass sie vollstes Vertrauen in meine Fähigkeiten haben. Und jetzt am EuGH habe ich dieses Problem überhaupt nicht.

 

Bei der Berichterstattung über Sie steht immer die Doppelbelastung Spitzenposition und sechs Kinder im Vordergrund – nervt Sie das manchmal?

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Bild: Ortner
Juliane Kokott

Kinder sind natürlich immer ein interessantes Thema, aber ich weiß nicht, ob ich zum Thema Kindererziehung verallgemeinerungsfähige Aussagen machen kann, da ich ja keine professionelle Erzieherin bin – und nur dann würde eine solche Fragestellung Sinn machen. Vielleicht kann ich aber einfach als Beweis dafür gelten, dass diese Doppelrolle machbar ist, dass Frauen nicht glauben müssen, sie könnten nur eines machen. Heute ist es zum Glück nicht mehr so, aber zu meiner Zeit gab es viele, die gesagt haben, entweder Kinder oder Karriere.

 

War denn die Frage Kinder und/oder Karriere jemals ein Thema für Sie?

„Karriere oder Kinder“ war für mich kein Thema, weil ich mir ein Leben ohne Kinder oder ohne Beruf nicht vorstellen konnte. Ich wollte beides so gerne, und ich dachte, das muss irgendwie gehen. Und ich wollte auch viele Kinder, weil es bei unseren Nachbarn, die viele Kinder hatten, immer so lustig war.

 

Wünschen Sie sich manchmal mehr Freizeit oder ist alles gut so, wie es ist?

Ich denke, dass es gut so ist, wie es ist. Es ist nur gerecht, dass man bei einem Spitzenjob auch viel arbeitet, sonst hätte ich vielleicht ein schlechtes Gewissen, denn bei einer so privilegierten Position muss man auch Einsatz zeigen. Trotzdem würde ich natürlich hin und wieder lieber etwas im Freien unternehmen, anstatt im abgedunkelten Büro zu sitzen und Akten zu studieren. Aber das geht ja wahrscheinlich jedem so.

 

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Bild: G. Fessy © CJUE
Gerichtshof der Europäischen Union

Kennen Sie trotz all Ihrer Erfolge Selbstzweifel?

Ich glaube, Selbstzweifel oder Rückschläge haben die meisten - es kommt darauf an, wie man damit umgeht. Ich hatte beispielsweise vor dem juristischen Staatsexamen Zweifel, ob ich das schaffe, aber ich habe mich dann trotzdem um ein Stipendium beworben, bevor ich das Staatsexamen und die erforderliche Punktzahl überhaupt hatte. Die Zweifel haben mich nicht vom Handeln abgehalten, und darauf kommt es an.

 

Gibt es noch einen Traumjob, den Sie gerne übernehmen würden?

Ich habe ja jetzt gerade einen Traumjob, und anschließend bin ich offen für alles, was sich eventuell ergibt.

 

(Das Interview führte Mirjam Mohr)

E-Mail: Seitenbearbeiter
Letzte Änderung: 24.10.2014
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