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Literaturhinweise

Marco Birn: Bildung und Gleichberechtigung. Die Anfänge des Frauenstudiums an der Universität Heidelberg (1869 bis 1918). Kurpfälzischer Verlag 2012

Wolfgang U. Eckart: „Zunächst jedoch nur versuchs- und probeweise“ – Vor 100 Jahren: Die ersten Medizinstudentinnen beziehen die Universität Heidelberg. In: Heidelberg. Jahrbuch zur Geschichte der Stadt, Nr. 4/1999

 
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„Vor allem war es die Lust am Lernen, am Wissen“

Vier Studentinnen der Ruperto Carola waren im Jahr 1900 die Vorreiterinnen des Frauenstudiums in Deutschland

Gumbel Zeichner Emil Stumpp - Universitaetsarchiv 460x175

© Universitätsarchiv

Rahel Straus

Am Anfang stand ein Quartett: Vier Frauen trugen sich zum Sommersemester 1900 in das Matrikelbuch der Universität Heidelberg ein und wurden damit zu den ersten ordentlich immatrikulierten Studentinnen der Ruperto Carola. Zwar hatten vor ihnen schon andere Frauen Lehrveranstaltungen besucht und vereinzelt sogar promoviert, erlaubt war ihnen dies aber nur als „Hörerinnen“, nicht als gleichberechtigt eingeschriebene Studentinnen. Georgine Sexauer, Rahel Goitein, Irma Klausner und Else von der Leyen waren damit zusammen mit fünf anderen Studentinnen der Universität Freiburg Vorreiterinnen des Frauenstudiums in Deutschland, das bei diesem Thema anderen Ländern hinterherhinkte.

Am 19. Januar 1900 beschloss der Senat der Universität Heidelberg, nach Vorgabe des Karlsruher Kultusministeriums Frauen zum Studium zuzulassen, „zunächst jedoch nur versuchs- und probeweise“. Am 28. Februar ermöglichte das Großherzogtum Baden offiziell als erstes deutsches Land per Erlass Frauen den vollen Zugang zu Universitätsstudien. Einen wichtigen Beitrag zu dieser Entwicklung hatte das von Baden unterstützte erste deutsche Mädchengymnasium in Karlsruhe geleistet, wie der Heidelberger Historiker Marco Birn in seinem Buch „Bildung und Gleichberechtigung. Die Anfänge des Frauenstudiums an der Universität Heidelberg“ schreibt: Das 1893 eröffnete Gymnasium, an dem 1899 die ersten vier Schülerinnen das Abitur ablegten, war „für Baden auch ein wichtiger Grund, das Frauenstudium überhaupt in Betracht zu ziehen“.

Zwei dieser Karlsruher Abiturientinnen begannen im folgenden Wintersemester 1899/1900 als Hörerinnen ein Studium: Rahel Goitein ging nach Heidelberg und Johanna Kappes nach Freiburg. Johanna Kappes erreichte in Freiburg ihre Zulassung als Hörerin zu Medizin-Vorlesungen – nach dem ministeriellen Erlass vom 28. Februar 1900 wurde ihr und vier anderen Hörerinnen dann sogar die Rückdatierung ihrer nun erfolgenden Immatrikulation zum Wintersemester 1899/1900 gestattet, so dass sie offiziell die ersten ordentlichen Studentinnen an einer deutschen Universität sind. Kappes’ Mitschülerin Rahel Goitein besuchte an der Ruperto Carola im Wintersemester als Hörerin zunächst Vorlesungen in Altfranzösisch und Anglistik. Mit ihrer ordentlichen Immatrikulation zum Sommersemester wechselte sie dann zur Medizin, nachdem ihr Onkel zugesagt hatte, dieses Studium zu finanzieren.

Studienzeugnis Sexauer

© Universitätsarchiv

„Studien- und Sittenzeugnis“ (Ausschnitt) von Georgine Sexauer

Zusammen mit Rahel Goitein immatrikulierten sich am 9. Mai 1900 auch Irma Klausner und Else von der Leyen für ein Medizinstudium in Heidelberg. Die erste Frau, die ihren Namen in das Matrikelbuch der Ruperto Carola eintrug, war aber Georgine Sexauer: Die 38-Jährige schrieb sich am 28. April für ein Studium der Klassischen Philologie und Germanistik ein – allerdings schrieb sie nicht „Georgine“, sondern verschämt „Georg.“ mit Abkürzungspunkt. Die 1862 geborene Tochter eines Großherzoglich Badischen Oberbaurats hatte zuvor in Karlsruhe ihr Abitur bestanden, allerdings nicht am Mädchengymnasium, sondern vermutlich als Freie an einem Jungengymnasium, wie Marco Birn schreibt. Sie studierte insgesamt acht Semester an der Ruperto Carola und wechselte dann nach Freiburg. Ihr weiterer Werdegang liegt weitgehend im Dunkeln

Über die drei ersten Heidelberger Medizinstudentinnen ist dagegen mehr bekannt. Irma Klausner und Else von der Leyen, beide 1874 geboren, hatten vor ihrem Studium in Berlin gemeinsam die Gymnasialkurse für Frauen besucht, die die Pädagogin und Frauenrechtlerin Helene Lange 1893 eingerichtet hatte, und 1896 am Königlichen Luisengymnasium das Abitur abgelegt. Irma Klausner studierte danach zunächst als Hörerin an der Universität Halle Medizin und legte dort 1899 die ärztliche Vorprüfung ab. Zum Sommersemester 1900 schrieb sie sich in Heidelberg ein, blieb allerdings nur ein Semester dort und kehrte dann nach Halle zurück, wo sie 1901 die Staatsprüfung bestand und mit einer Arbeit zum Thema „Ein Beitrag zur Aetiologie der multiplen Sklerose“ magna cum laude promoviert wurde. Klausners Examen an der Universität Halle bezeichnet der Historiker Birn als „Meilenstein in der Geschichte des preußischen Frauenstudiums“. Klausners Vater, ein politischer Redakteur, forcierte mit seinen Kontakten zu Politikern ein Gesetz, das Frauen in Preußen medizinische Examina ermöglichte – im Volksmund wurde dieses Gesetz „Lex Irma“ genannt.

Studienzeugnis Sexauer

© Universitätsarchiv

Anmeldung von Georgine Sexauer zum Sommersemester 1900

Nach einer Anstellung am Physiologischen Institut der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin eröffnete Irma Klausner 1905 eine eigene Praxis in Berlin. Daneben arbeitete sie von 1904 bis 1930 in einer Poliklinik, in der sie Patienten behandelte und Medizinstudenten unterrichtete, und von 1908 bis 1915 in einem Kinderasyl, in dem sie Säuglinge ärztlich betreute und Krankenschwestern mit ausbildete. Nach der Einführung der Arbeitslosenversicherung war sie als Vertrauensärztin tätig und bestätigte die Arbeitsfähigkeit von Bewerberinnen. Sie engagierte sich auch darüberhinaus gesellschaftspolitisch: Zusammen mit Else von der Leyen und einer weiteren Ärztin war sie eines der ersten weiblichen Mitglieder des Berliner „Vereins freigewählter Kassenärzte“ und 1914 auch 2. Vorsitzende des „Vereins Krankenhaus weiblicher Ärzte“, wie der Direktor des Heidelberger Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin, Wolfgang U. Eckart, in einem Beitrag über die ersten Medizinstudentinnen schreibt. 1918 trat Klausner vor dem preußischen Landtag für eine schärfere Bekämpfung des Kurpfuschertums ein, 1927 bewarb sie sich für die Wahlen zur Berliner Ärztekammer. Als Jüdin wurde ihr nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten die Approbation entzogen und sie emigrierte 1938 zunächst nach Schweden und 1940 in die USA. Von 1943 bis zu ihrem Ruhestand 1957 arbeitete sie in einem psychiatrischen Sanatorium, 1959 starb sie.

Else von der Leyen begann nach ihrem Abitur zunächst in Berlin als Hörerin ein Medizinstudium. Ihr Physikum legte sie 1899 wie ihre Freundin Irma Klausner in Halle ab, bevor sie mit ihr zusammen nach Heidelberg ging, wo sie ebenfalls nur das Sommersemester über blieb und dann an die Universität Halle zurückkehrte. Auch sie wurde 1901, am selben Tag wie ihre Freundin, mit einer Arbeit über „Plasmazellen in pathologisch veränderten Geweben“ promoviert. 1902 wurde Else von der Leyen die erste Kassenärztin bei der „Betriebskrankenkasse der Großen Berliner Straßenbahn“. „Die Beliebtheit der einzigen Ärztin war enorm. 1907 betrug ihr Honorar ca. 5000 Mark und war damit achtmal so hoch wie das durchschnittliche Jahreseinkommen ihrer männlichen Kollegen“, schreibt Marco Birn. Außerdem arbeitete sie zeitweise in der „Poliklinik weiblicher Ärzte für Frauen“. 1908 kam Else von der Leyen auf dem Weg zu einer Patientin beim Absturz eines Hochbahnzuges am Berliner Gleisdreieck ums Leben.

Rahel Straus
Rahel Straus

Am meisten ist über Rahel Goitein (nach ihrer Heirat Rahel Straus) bekannt, die 1961 ihre Autobiographie „Wir lebten in Deutschland. Erinnerungen einer deutschen Jüdin 1880 bis 1933“ veröffentlichte. Die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg hat das Rahel-Goitein-Straus-Förderprogramm für Nachwuchswissenschaftlerinnen nach ihr benannt, mit dem Medizinerinnen unterstützt werden, die sich im Qualifizierungsabschnitt zwischen Promotion und Habilitation befinden – da auch mehr als 100 Jahre nach den ersten ordentlichen Medizinstudentinnen immer noch deutlich weniger Frauen als Männer habilitieren.

Die 1880 geborene Tochter eines Karlsruher Rabbiners war eine herausragende Studentin, wie Wolfgang U. Eckart schreibt: Ihr Physikum wies außer einem „gut“ in Botanik in allen Fächern die Note „sehr gut“ auf. Sie engagierte sich auch außerhalb ihres Studiums und war im Wintersemester 1901/02 eine der Mitbegründerinnen der „Vereinigung studierender Frauen in Heidelberg“, der sie mehrere Semester als Vorsitzende angehörte. 1905 legte Rahel Goitein ihre Staatsprüfung ab, 1907 wurde sie in München mit einer Arbeit über einen „Fall von Chorionepitheliom“ promoviert. Ab 1905 arbeitete die Medizinerin, die nach ihrer Hochzeit mit dem Juristen Elias Straus im selben Jahr Rahel Straus hieß, als Assistenzärztin, bevor sie 1908 in München eine gynäkologische Praxis eröffnete, die sie bis 1933 betrieb.

Neben ihrer Tätigkeit als Ärztin engagierte sich die Mutter von fünf Kindern auch politisch und sozial. Zusammen mit ihrem Mann gehörte Rahel Straus in München zur dortigen zionistischen Bewegung und war im "Jüdischen Frauenbund" und der "Women's International Zionist Organization" aktiv. Viele Jahre war sie Schriftleiterin der „Blätter des Jüdischen Frauenbundes für Frauenfragen und Frauenbewegung“. In dieser Funktion kämpfte die Medizinerin auch gegen den Abtreibungsparagraphen 218 und widmete sich sozialen und pädagogischen Fragen. Das Jahr 1933 wurde mit dem Tod ihres Mannes und der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein Wendepunkt im Leben von Rahel Straus: Sie emigrierte nach Palästina, wo sie rasch sowohl an ihre ärztliche Tätigkeit als auch an ihr politisches und soziales Engagement anknüpfen konnte. 1952 war sie an der Gründung der Israelischen Sektion der 1915 gegründeten „Women’s International League for Peace and Freedom“ beteiligt, deren Ehrenpräsidentin sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1963 war.

Die Universität Heidelberg, die diesen vier Pionierinnen des Frauenstudiums ihren Berufsweg ermöglichte, war nicht nur Vorreiter auf dem Weg hin zu gleichberechtigten Bildungschancen für Frauen. Sie war auch lange Zeit bei den Studentinnen die beliebteste Universität Deutschlands und hatte daher einen weit überdurchschnittlichen Frauenanteil, wie Marco Birn erklärt. Die Motivation der Wegbereiterinnen beschrieb Rahel Goitein 1899 in ihrer Abiturrede: „Vor allem war es die Lust am Lernen, am Wissen, das (sic!) uns diesen Weg gewiesen. Wir wollten nicht nur lernen, um von den Dingen eine Ahnung zu haben, um bei allem mitreden zu können, wir wollten lernen, wie man durch das Wissen selbstständig wird und innerlich frei; damit wir uns eigene Ansichten, eigene Gedanken bilden könnten; damit wir befähigt werden, von dieser Grundlage des Gelernten aus, uns selbst weiter vorwärts zu bringen.“

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Letzte Änderung: 02.10.2014
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