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Eine Soziolinguistin der ersten Stunde

Agathe Lasch war die erste Germanistik-Professorin Deutschlands

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Foto: Universität Hamburg, Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte

Agathe Lasch

Mehr als 35.000 Berliner Juden wurden zwischen 1941 und 1945 in so genannten Osttransporten deportiert und anschließend grausam ermordet. Am 15. August 1942 startete vom Güterbahnhof Moabit mit dem Ziel Riga der 18. derartige Deportationszug, dessen Insassen drei Tage später nach ihrer Ankunft in den Wäldern um Riga getötet wurden. Eines der rund 1.000 Opfer dieses Todestransports war Agathe Lasch, die nach ihrer Promotion an der Ruperto Carola als erste Frau in Deutschland an der Universität Hamburg eine Professur in Germanistik übernommen hatte. Die erste Germanistik-Professorin war nicht nur Vorreiterin für Frauen in der Wissenschaft, sondern gilt auch als Soziolinguistin der ersten Stunde.

„Geschichte der Schriftsprache in Berlin bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts“, so lautete das Thema der Dissertation Agathe Laschs. „Das Ganze ist als eine besonders treffliche Leistung zu begrüßen und ragt über die gewöhnlichen Dissertationen um ein merkliches hervor“, schrieb Laschs Heidelberger Doktorvater, der Junggrammatiker Wilhelm Braune, in seinem Gutachten. An die Ruperto Carola war die 1879 geborene Berlinerin gekommen, weil Baden Vorreiter beim Frauenstudium war. Nach dem Abschluss der höheren Mädchenschule, dem Examen am Lehrerinnenseminar und dem neben ihrer Lehrerinnentätigkeit extern nachgeholten Abitur wollte Agathe Lasch eigentlich an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin studieren. Dies war für Frauen zu dieser Zeit allerdings nur mit Genehmigung des Ministeriums und einer Einverständniserklärung des zuständigen Dozenten möglich, der ihr diese aber verwehrte. So besuchte sie zunächst vom Sommersemester 1906 an als Gasthörerin an der Universität Halle Vorlesungen und Seminare in Deutscher und Romanischer Philologie sowie Philosophie. Zum Sommersemester 1907 wechselte Agathe Lasch dann an die Ruperto Carola, die Frauen bereits seit sieben Jahren ganz offiziell zum Studium zuließ und an der sie 1909 auch promoviert werden konnte.

 

Erforscherin des Niederdeutschen und Stadtsprachenforscherin

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Bild: Universitätsbibliothek Heidelberg

Historische Aufnahme des Seminarienhauses (rechts) in der Augustinergasse, das zu Agathe Laschs Studienzeit Sitz des Germanisch-Romanischen Seminars war

„Das Heidelberger Germanistische Seminar und die Philosophische Fakultät haben mit ihrer Entscheidung, Agathe Lasch zu promovieren, ein Zeichen gesetzt, das wesentlich dazu beigetragen hat, das Frauenstudium in Deutschland zu erleichtern“, erklärt Jörg Riecke, Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Ruperto Carola. Mit ihrer viel beachteten Dissertation legte Agathe Lasch den Grundstein für eine wissenschaftliche Laufbahn, in der sie als Erforscherin des Niederdeutschen und Mitherausgeberin des Mittelniederdeutschen Wörterbuchs hervortrat und sich darüber hinaus als Stadtsprachenforscherin einen Namen machte. 1928 erschien ihre Arbeit „Berlinisch. Eine berlinische Sprachgeschichte“, die das Thema ihrer Dissertation in einen größeren Rahmen stellte und einen Bogen von den ersten Sprachzeugnissen im 13. Jahrhundert bis zum damaligen Berlinisch spannte. „Sprachgeschichte wurde zuvor kaum einmal so klar als Sprachvariationsgeschichte gesehen und beschrieben“, betont Prof. Riecke. „Aus diesen Gründen kann Agathe Lasch mit Recht als erste germanistische Soziolinguistin bezeichnet werden.“

Nach ihrer Promotion in Heidelberg lehrte und forschte Agathe Lasch zunächst am Bryn Mawr College, einem berühmten Frauencollege in den USA, an dem sie das Department „Allgemeine Germanische Philologie“ leitete. Wegen der kriegsbedingten Ressentiments der USA gegenüber Deutschland entschloss sie sich 1916, ihren Vertrag nicht zu verlängern, „auch wenn ich persönlich drüben nur Freundschaft empfing“. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland arbeitete sie von Januar 1917 an als Assistentin am Deutschen Seminar des Hamburgischen Kolonialinstituts, das 1919 Bestandteil der neu gegründeten Universität Hamburg wurde. Noch im selben Jahr habilitierte sich Agathe Lasch, 1923 wurde sie zur Professorin ernannt und 1926 auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Niederdeutsch berufen.

 

Ein Hörsaal, ein Preis und ein Coaching-Programm tragen Agathe Laschs Namen

1934 wurde Agathe Lasch als Jüdin aus dem Hochschuldienst entlassen, 1937 kehrte  sie nach Berlin zurück. Ihre Bemühungen, im Ausland eine wissenschaftliche Anstellung zu finden, blieben vergeblich, 1939 verhinderte vermutlich das NS-Regime ihre in Aussicht gestellte Berufung an die Universität Dorpat in Estland. „Als Frau konnte sich Agathe Lasch auf ihrem wissenschaftlichen Weg in Deutschland gegen alle Widrigkeiten behaupten und durchsetzen, als Jüdin in Deutschland wurde sie dagegen Opfer der nationalsozialistischen Barbarei“, schreibt die Publizistin Christine M. Kaiser auf einer Internetseite zu Agathe Lasch. Inzwischen wird jedoch in vielfältiger Weise der ersten Germanistik-Professorin Deutschlands gedacht: In Hamburg und Berlin wurden eine Straße und ein Platz nach ihr benannt, die Hansestadt verleiht seit 1992 den Agathe-Lasch-Preis für Nachwuchswissenschaftler, seit 1999 gibt es an der Universität Hamburg einen Agathe-Lasch-Hörsaal, und Anfang 2013 startete die Hochschule ein nach ihr benanntes Coaching-Programm für Juniorprofessorinnen und Habilitandinnen. Außerdem erinnern in Hamburg zwei „Stolpersteine“ an Agathe Lasch – vor ihrem früheren Wohnhaus und vor dem Hauptgebäude der Universität.

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Letzte Änderung: 02.10.2014
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