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Ein intaktes Zuhause auf Zeit

Daniela Fabian von der Stabsstelle Innenrevision kümmert sich um Pflegekinder

Gemeinsames Abendessen

Foto: Fink

Tägliches Ritual: das gemeinsame Abendessen.

Daniela Fabian und ihr Mann leben ein außergewöhnliches Familienmodell. Drei Söhne haben sie: 8, 13, 15 Jahre alt – zwei sind leiblich, den jüngsten haben sie vor zwei Jahren zunächst für den Übergang, inzwischen dauerhaft als Pflegekind in die Familie aufgenommen. Zusätzlich kümmern sich die Fabians vorübergehend um Kinder, die von ihren eigenen Eltern nicht versorgt werden können – im besten Fall wegen eines Engpasses etwa aus Krankheitsgründen, schlimmstenfalls weil sie stark vernachlässigt oder gar missbraucht wurden.

Vor sechs Jahren haben sich die Fabians beim Jugendamt des Rhein-Neckar-Kreises als »Bereitschaftspflegestelle« registrieren lassen. Seitdem stehen sie auf Abruf in Notsituationen bereit. 14 Kinder haben sie bisher aufgenommen – jeweils für eine Spanne von wenigen Wochen bis zu mehreren Monaten. »Unser Ziel ist es, den Kindern für diese Zeit ein intaktes Zuhause zu geben. Wir integrieren sie in die Familie wie unsere leiblichen Kinder«, erklärt Daniela Fabian. Das sei für sie nichts anderes, als eine eigene fünf- oder auch mal sechsköpfige Familie zu haben.

Unterschiede aber gibt es schon: Denn jederzeit kann das Jugendamt anrufen und um Hilfe bitten. Nur Name und Alter erfahren die Fabians gewöhnlich von dem Kind, das oft nur einen Tag später zu ihnen kommt. »Klar ist das jedes Mal wieder aufregend«, sagt die 44-Jährige, »wir wissen nie genau, was auf uns zukommt.« So nervös wie vor ihrem ersten Pflegekind ist sie aber mittlerweile nicht mehr: »Damals haben uns so banale Fragen beschäftigt wie: Schicke ich das Kind gleich am ersten Abend in die Badewanne oder lasse ich es erst einmal allein?« Inzwischen sei sie viel lockerer. »Ich habe gelernt, dass wir den Kindern am Anfang einen großen Freiraum lassen müssen. Alles andere kommt mit der Zeit.«

Im Hause Fabian obliegt die Kindererziehung größtenteils dem Vater. »Unser Familienmodell funktioniert nur, weil mein Mann den Löwenanteil übernimmt«, erklärt Daniela Fabian, die seit nunmehr zwanzig Jahren an der Universität arbeitet. 17 Jahre war sie in der Abteilung Bau und Liegenschaften tätig, seit Anfang 2010 leitet sie die Stabsstelle Innenrevision – in Vollzeit. Zudem absolviert sie seit einem Jahr ein berufsbegleitendes Masterstudium Wissenschaftsmanagement. Um Pflegekinder aufnehmen zu können, hat ihr Mann seinen Beruf als Koch aufgegeben. Das sei damals eine ganz pragmatische Entscheidung gewesen: »In der Gastronomie sind Bezahlung und Arbeitsbedingungen miserabel. Daher lag diese Aufteilung nahe.«

Wenn Daniela Fabian abends nach Hause kommt, isst die Familie erst einmal gemeinsam zu Abend. »Das ist etwas, das viele der Pflegekinder gar nicht kennen. Zu Hause gab es keine regelmäßigen Mahlzeiten, geschweige denn, dass zusammen gegessen wurde. Oft sind die Kinder völlig vernachlässigt.« Am Anfang stehen deshalb meist ganz banale Dinge im Vordergrund: Beispielsweise fehlen den Kindern Impfungen, sie brauchen neue Kleidung oder einen Haarschnitt. »Wir hatten auch schon einen Jungen, dem ganz dringend die Polypen entfernt werden mussten. Er konnte nachts kaum noch atmen.«

Neben der äußerlichen Verwahrlosung leiden viele Kinder auch unter psychischen Problemen. Dennoch hat Daniela Fabian die Erfahrung gemacht: Egal wie schwierig die Situation ist, aus der die Kinder kommen, sie lieben ihre Eltern. »Wenn Sie die Kinder vor die Wahl stellen würden, wollten sie – zumindest in der Anfangszeit, meist auch die gesamte Zeit – zurück nach Hause. Ganz egal wie schlecht es ihnen dort ergangen ist.« Zum Glück hätten sich alle Kinder bislang aber gut bei ihnen eingelebt. »Sie finden bei uns sehr viel bessere Verhältnisse vor, als sie es gewohnt sind: Hier ist jemand, der ihnen abends eine Geschichte vorliest, der mit ihnen spielt, der Ausflüge mit ihnen macht und sie mit in den Urlaub nimmt.« Oberstes Ziel des Jugendamtes ist jedoch immer die Rückführung der Kinder in ihre Ursprungsfamilien. Hierzu müssen die Eltern nachweisen, dass sich die Notsituation verbessert hat, und bestimmte Auflagen erfüllen. Können sie dies nicht, kommen die Kinder dauerhaft in eine andere Familie oder, wenn es gar keine andere Möglichkeit gibt, in ein Heim. »Wir wissen von Anfang an, dass wir wieder loslassen müssen«, so Daniela Fabian. »Wir versuchen, den Kindern die Liebe, Zuneigung und das Zuhause zu geben, die sie brauchen, aber wir vermitteln ihnen auch, dass der Aufenthalt bei uns nur vorübergehend ist. Denn auch die Kinder müssen wieder loslassen können.« In einigen Fällen hätte sie beim Abschied ein gutes, in anderen ein weniger gutes Gefühl. »Nicht jeder Mensch, zu dem die Kinder zurückkommen, liegt einem. Oft denke ich: Das Kind könnte es besser haben.«

Daniela Fabian sagt, dass sie ihre Erfahrungen als Pflegefamilie offener gemacht haben. »Ich bin viel sensibler für andere Familiensituationen geworden, die ich so am Rande in der Schule oder im Sportverein mitbekomme.« Auf ihr nächstes Pflegekind freut sich die Familie schon: »Morgen könnte wieder ein Anruf kommen. Und dann sind wir bereit.«

Ute von Figura

Dieser Artikel ist im UNISPIEGEL 1/2013 (Seite 8) erschienen.
E-Mail: Seitenbearbeiter
Letzte Änderung: 19.08.2015
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