Hitlers Kampf um die Weltmacht und die Fehlperzeption der USA
Stresemann, dem 1926 der Friedensnobelpreis verliehen wurde, hatte aus
der Niederlage im Ersten Weltkrieg gelernt, dass die USA und Europa
nur ein eingedaemmtes, nicht-hegemoniales und dem Grundsatz des
friedlichen Wandels verpflichtetes Deutschland hinzunehmen bereit waren.
Hitler zog ganz andere Lehren aus der Niederlage. Er war entschlossen,
den Kampf um die Weltmacht noch einmal zu fuehren, allerdings radikaler
und raumgreifender als die Annexionisten des Ersten Weltkrieges. Der
naechste Krieg wuerde ein rassisch begruendeter Ausrottungs- und
Eroberungskrieg werden. Deutschland werde, so verkuendete Hitler in
"Mein Kampf", Weltmacht oder ueberhaupt nicht sein. Obwohl er als Soldat
im Ersten Weltkrieg die Chance hatte, sich - wie der verwandelte
Stresemann - ein realistisches Bild von den USA zu machen, blieb Hitlers
Entwurf einer Herrschaft auf den europaeischen Raum und die Landheere
fixiert. Von den weltweiten Moeglichkeiten der angelsaechsischen
Seemaechte, besonders der USA, hatte er nie eine angemessene Vorstellung.
Ausserdem hasste er das Wasser. Zu Lande, svhrieb er im Jahr 1928, sei
er ein Held, auf dem Meer ein Feigling.
Hitlers Einschaetzung der USA, auch des Praesidenten Franklin D.
Roosevelt, fand eine innere Grenze an seiner dogmatischen Weltanschauung.
Der fanatische Autodidakt, der als Ideologe und Programmatiker fuer sich
in Anspruch nahm, im Krieg und Kampf der Rassen (Voelker) um knappen
Lebensraum zugleich den ewigen Inhalt und herzustellenden Sinn
der Weltgeschichte erkannt zu haben, nahm auch ueber die USA nur
jene Information auf, die mit seinen Vorurteilen uebereinstimmten.
Neben dieser dogmatischen Sperre behinderten andere Umstaende ein
realistisches Verstaendnis der USA - naemlich, dass er nie in einem
angelsaechsischen Land gewesen war, kein Englisch sprach und
demokratische Traditionen eo ipso fuer juedisch, internationalistisch
und ein Verbrechen an der Menschheit hielt. Insgesam fuehrten seine
Vorurteile ueber Amerika zu noch staerkeren Verzerrungen der Realitaet
als bei den anderen beruehmten deutschen "armchair-travellers", etwa
Heinrich Heine, Karl Marx oder Karl May.
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