Der liberale Stresemann und die USA Liberalismus und Nationalismus praegten die Weltanschauung des Nationalliberalen Stresemann. Etwas zugespitzt kann man sagen, dass es dem liberalen, besonders dem wirtschaftsliberalen, Stresemann sehr frueh gelang, die objektive Bedeutung der USA fuer die Weltwirtschaft und Weltpolitik zu erkennen. Die Kriegsleidenschaft des Ersten Weltkriegs dagegen truebte dem Nationalisten, Alldeutschen, ja Chauvinisten und wilden Annexionisten den Blick. Sie fuehrte zu verheerenden Fehlperzeptionen der USA und teilweise zum Verrat an seinen liberalen Grundueberzeugungen. Erst die Erschuetterung ueber die Niederlage des Deutschen Reichs im Jahr 1918 erlaubte es ihm, sich den "neuen Tatsachen" zu stellen, die USA wieder in ihrer wirklichen Bedeutung zu sehen und das Verhaeltnis zu ihr zur Achse seiner Aussenpolitik waehrend der Weimarer Republik zu machen. Stresemann war Nationaloekonom. Zwei Grundueberzeugungen gewann er als Reichstagsabgeordneter, Syndikus des Verbands Saechsischer Industrieller und Praesidialmitglied im Bund der Industriellen sowie Geschaeftsfuehrer im Deutsch-Amerikanischen Wirtschaftsverband und besonders durch eine Reise in die USA im Jahr 1912, die ihn durch zehn Industrie- und Handelszentren der Ostkueste und des Mittleren Westens fuehrte: "Politik und Voelkerpolitik ist heute in erster Linie Weltwirtschaftspolitik". Die USA sind die potentiell staerkste Wirtschaftsmacht, fuer Deutschland Handelspartner und Konkurrent zugleich. Fuer die "kolossale Staerke" der USA auf wirtschaftlichem Gebiet gelte das Goethe-Wort "Amerika, du hast es besser - als unser Kontinent, der Alte." Ueber die Niederlage im Jahr 1918 hinaus blieb diese Erkenntnis ein zentrales Element seines aussenpolitischen Koordinatensystems. Deshalb besass Stresemann bei Amtsantritt als Aussenminister im Jahr 1923 ein Konzept zur aussenpolitischen Revision zum Nutzen Deutschlands, das auf weltwirtschaftliche Verflechtung und die ueberragende Bedeutung der USA setzte. Weil alle kapitalistischen Staaten in einem Boot sassen, so sein Kalkuel, lag die wirtschaftliche Genesung Deutschlands im wohlverstandenen Interesse der Feinde von gestern, besonders der dominierenden Wirtschaftsmacht der zwanziger Jahre, eben der USA, die ihre Aussenpolitik zu der Zeit in erster Linie als Aussenhandelspolitik definierten. Die wirtschaftliche Rationalitaet werde sich aber, so Stresemann, nur durchsetzen, wenn Deutschland sich dem Prinzip des friedlichen Wandels verpflichte, strikt an der multilateralen und kooperativen Methode festhalte und die Interessen der anderen Staaten hinlaenglich beruecksichtige, zum Beispiel die Sicherheitsinteressen Frankreichs; und wenn es innenpolitisch die nationalistische Rechte im Zaume hielt - von der er sich losgesagt hatte -, der jeder Sinn fuer Mass und Moeglichkeit fehlte. Deshalb unterstuetzte er die wirtschaftliche amerikanische Intervention durch den Dawes-Plan (1924), die vermutlich wichtigste aussenpolitische Entscheidung der Weimarer Republik. Denn die wirtschaftliche Sicherung durch den Dawes-Plan machte den politischen Sicherheitsvertrag von Locarno, Deutschlands Eintritt in den Voelkerbund und die Raeumung des Rheinlandes erst moeglich. Der Plan war der Anfang vom Ende der politischen Vorherrschaft Frankreichs in Mitteleuropa nach dem Ersten Weltkrieg, Deutschland wurde mit amerikanischer Hilfe aus der hilflosen Objektrolle des Jahres 1919 befreit. Im Ersten Weltkrieg hatte der verblendete Nationalist und Annexionist Stresemann hingegen seine leidenschaftliche Propaganda fuer den unbeschraenkten U-Boot-Krieg - der nach der richtigen Einsicht von Reichskanzler Bethmann Hollweg den sicheren Kriegseintritt der USA und "Finis Germaniae" bedeutete - mit zwei Aussagen ueber die USA begruendet, die sich als falsch erwiesen. Die amerikanische Regierung bluffe, das amerikanische Volk sei nicht kriegsbereit. Ueberdies wuerden die Amerikaner deutscher Herkunft in Treue zum alten Vaterland stehen, gleichsam als eine Wacht des Deutschtums am Hudson. Die voellig unrealistische Erwartung, dass die erste Loyalitaet der Deutsch-Amerikaner nicht ihrer neuen, sondern der alten Heimat gelte, die im Dritten Reich wieder auflebte, geht auf Fehlurteile zurueck, die Stresemann waehrend seiner USA-Reise erworben hatte. Ausserdem glaubte er an die Aussagen der Marinefachleute und Professoren des Kieler Instituts fuer Weltwirtschaft, die "bewiesen", dass Grossbritannien durch den unbeschraenkten U-Boot-Krieg in die Knie gezwungen werden koenne, bevor die USA aktiv in Europa eingriffen. Die wichtigste Ursache fuer Stresemanns rueckhaltlose Unterstuetzung der Forderung nach dem unbeschraenkten U-Boot-Krieg lag aber in seiner bis zum Sommer 1918 durchgehaltenen Ueberzeugung, dass Deutschland den Krieg nur mit einem Diktat- und Siegfrieden, aber nicht mit einem Verhandlungs- und Verstaendigungsfrieden beenden durfte. Am Ende des Jahres 1916 galten auch fuer ihn die U-Boote als die einzig verbliebene "Wunderwaffe", um ein solches Kriegsende doch noch erzwingen zu koennen. Die Einzelheiten des von ihm gewuenschten Siegfriedens wechselten je nach Kriegslage, aber im Kern lief sein "unangreifbares, groesseres Deutschland der Zukunft" immer auf eine wirtschaftliche, politische und militaerische Hegemonie Deutschlands ueber Europa hinaus, arrondiert um ein deutsches Kolonialreich in Zentralafrika. Die Furcht vor der zukuenftigen wirtschaftlichen Uebermacht der USA war ein zentrales Motiv seines Plans. Denn nur ein von Deutschen dominierter europaeischer Wirtschaftsraum haette die Groesse und die Rohstoffbasis, um im "Kampf um den Weltmarkt" mit dem USA und dem Britischen Empire bestehen zu koennen. Auch diese Idee wurde unter rassischen Vorzeichen ab 1940 in Deurtschland wieder populaer. Wenn der liberale Nationaloekonom Stresemann auch keinen autarken Wirtschaftsraum forderte, so war das agonale, blockbildende Element im Verhaeltnis zu den USA ungleich staerker ausgepraegt als in der Weimarer Republik. Up