April 1995
"Ruperto Carola" 1/95
Forschungsmagazin der Universität
Heidelberg
Nietzsche und Wagner:
eine doppelgesichtige Passion
Von einer doppelgesichtigen Passion
handelt die Titelgeschichte der "Ruperto
Carola 1/95", des Forschungsmagazins der
Universität Heidelberg. Trotz harscher
Kritik und persönlicher Abkehr von
Richard Wagner blieb Friedrich Nietzsche
bis an sein Lebensende dem Schöpfer des
"Tristan" und des "Parsifal" tief
verbunden. Nietzsches "Bruch" mit Wagner
war nicht so rigoros, wie es der Nachwelt
lange schien. Der Heidelberger Germanist
Dieter Borchmeyer erforschte die Bezie-
hung Nietzsches zu Wagner und schildert
sie in Ausgabe 1/95 des Magazins.
Weitere Themen reichen von einem winzigen
Ungleichgewicht im frühen Universum,
unerwünschten Lernprozessen der Zellen im
Rückenmark, Neuem aus der Neuropeptid-
und der Schlaganfallforschung bis hin zur
Organischen Chemie.
Im Editorial des Hefts skizziert
Prorektorin Prof. Christine Heym ein
aktuelles Forschungskonzept: die geplante
Beteiligung am weltweiten human genome
project. Ein Genom ist das für jedes
Lebewesen charakteristische genetische
Programm. Es besteht aus der Gesamtheit
aller Gene, also der Erbanlagen, die die
Entwicklung von Form und Funktion der
Zellen, der Organe und des
Gesamtorganismus bestimmen. Krankheiten
können als Folgen von Defekten bei der
Übertragung des genetischen Programms
verstanden werden. "Die Kenntnis des
menschlichen Genoms und seiner Störungen
ist deshalb Voraussetzung für das Ver-
ständnis der Ursachen nicht nur von
Erbkrankheiten, sondern auch von Krebs,
altersbedingten oder bestimmten
neurologischen Erkrankungen", schreibt
Heym. Bei der geplanten Beteiligung der
Bundesrepublik am human genome project
will Heidelberg vorne sein. Deshalb hat
die Universität gemeinsam mit den auße-
runiversitären Partnern Deutsches
Krebsforschungszentrum, Europäisches
Laboratorium für Molekularbiologie und
Max-Planck-Institut für Medizinische
Forschung ein Konzept vorgelegt.
Daß der Himmel voller Sterne hängt, und
das Universum nicht öd und leer ist, das
ist nicht selbstverständlich, denn bei
der Geburt unseres Universums herrschte
ein Gleichgewicht sich gegenseitig
vernichtender Teilchen. Erzeugten
blubbernde Blasen während der
Geburtswehen das winzige Ungleichgewicht
zwischen Materie und Antimaterie, das
nötig war, damit Galaxien, Sterne und
Menschen entstehen konnten? Christof
Wetterich aus dem Institut für Theo-
retische Physik beschreibt im ersten
Haupttext die spannenden Vorgänge des
"elektroschwachen" Phasenübergangs im
Anfangsstadium des Urknalls.
Dann ist von chronischem Schmerz die
Rede. Während akute Schmerzen mit den
vorhandenen Medikamenten meist schnell
beseitigt werden können, ist Patienten,
die unter chronischen Schmerzen leiden,
oft schwer zu helfen. Am Institut für
Anatomie und Zellbiologie untersuchen
Siegfried Mense und sein Team, wie die
Neurone des Rückenmarks auf Schmerzreize
reagieren. Chronische Schmerzen, die
bestehen bleiben, obwohl die Verletzung
längst verheilt ist, gehen möglicherweise
auf unerwünschte Lernprozesse der
Nervenzellen im Rückenmark zurück.
Hiervon handelt sein Text.
Aus der Neurobiologie stammt der nächste
Beitrag: "Blitzschnelle Boten" ist sein
Titel. Um Informationen von Zelle zu
Zelle weiterzugeben, hat der Körper
verläßliche Boten, zum Beispiel Hormone
wie das Insulin. Auch Nervenzellen
benutzen solche Botenstoffe. Leider haben
sie jedoch einen Nachteil: Sie können nur
im Zellkörper synthetisiert werden. Doch
der Ort, wo sie zur
Informationsübermittlung gebraucht
werden, ist in manchen Neuronen so weit
vom Zellkörper entfernt wie ein 300 Meter
großer Krater auf dem Mond vom Heidel-
berger Stadtgebiet. Wieland Huttner be-
schreibt, mit welchen genialen Tricks die
Nervenzelle das Problem löst.
Nach Borchmeyers Titelgeschichte geht es
um den Schlaganfall. Jährlich 500 000
Menschen sind in Deutschland neu davon
betroffen. Wird ihnen innerhalb der
ersten Stunden geholfen, bestehen heute
gute Chancen, den Hirnschaden gering zu
halten. An der Universität Heidelberg
existiert ein Schwerpunkt der Forschung
auf diesem Gebiet: Die neurologischen
Kliniken in Heidelberg und Mannheim
kooperieren mit dem Physiologischen
Institut. Michael Hennerici und Wolfgang
Kuschinsky berichten hiervon.
Schließlich folgt ein Blick in die
Organische Chemie: "Gespannte Bindungen
mit Spannung erforscht". Chemische
Moleküle, die unter Spannung stehen, sind
die Spezialität Rolf Gleiters und seiner
Mitarbeiter. Ihrem Beitrag über Käfigmo-
leküle folgen die Rubriken des Magazins:
Drittmittel, Kurzberichte junger Forscher
und die regelmäßige Seite "Aus der
Stiftung Universität Heidelberg".
Das Magazin "Ruperto Carola" kostet als
Einzelheft zehn Mark plus Versand, für
Studierende fünf Mark. Es kann, ebenso
wie das Förderabo zu 60 Mark, bestellt
werden bei: Pressestelle der Universität
Heidelberg, Postfach 105760, 69047
Heidelberg.
Michael Schwarz
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