Forschungsmagazin Heft 1/94
Warum kehren Patienten trotz geglückter Bypass-Operation nicht an ihren
Arbeitsplatz zurück?
Die Titel-Story der "Ruperto Carola 1/94" - das Forschungsmagazin der
Universität Heidelberg - stammt aus der Feder der Soziologieprofessorin Uta
Gerhardt: Worin besteht der gesellschaftliche Sinn der Bypass-Chirurgie?
Forschungsergebnissen aus der Immunologie, Neonatologie und Lexikographie
steht ein bissiger Text des Sinologen und Leibniz-Preisträgers Rudolf G.
Wagner über die kleinen und großen Gebrechen des "studiosus", des Gelehrten,
seit dem Mittelalter gegenüber. Besonders interessant in diesem Heft: der
Streit um die Rolle der beiden Ärzte Richard Siebeck und Viktor von
Weizsäcker im Nationalsozialismus. Einer Gegendarstellung zu diesem Thema
antworten die Autoren.
Im Editorial geht Prorektor Prof. Jörg Hüfner noch einmal auf die sogenannten
"Crash-Tests" am Institut für Rechtsmedizin ein. Die öffentliche Reaktion auf
die Versuche mit Leichen zur Unfallforschung zeige, daß die Gesellschaft
wissenschaftlichem Fortschritt heute mit Skepsis begegne. "Wir
Wissenschaftler", stellt der Physiker eine weitgehende Forderung, die über
den Einzelfall hinausgeht, müssen "unsere Ziele und Methoden öffentlicher
Kritik stellen. Und, wenn erforderlich, eigene Zweifel nicht verschweigen."
Zurück zur Titel-Story: Soziologen sind nicht gerade bekannt dafür, daß sie
Probleme lösen, mit denen sich Mediziner seit Jahrzehnten vergeblich
beschäftigen. Aber bei der Bypass-Chirurgie kann man davon sprechen: Viele
Patienten kehren nach einer erfolgreichen Bypass-Operation nicht an ihren
Arbeitsplatz zurück, sondern lassen sich berenten - ein Dilemma für die
Herzchirurgen, messen sie doch den Erfolg ihrer eigenen Arbeit an der
Arbeitsfähigkeit ihrer Patienten. Anhand individueller Patientenschicksale
suchte Uta Gerhardt, Institut für Soziologie, nach Strukturen, die den Sinn
der BypassChirurgie gesellschaftlich erklären. Der neue qualitative Ansatz
der Sozialforschung läßt hinter dem vieldiskutierten Effektivitätsdilemma
einen Nebeneffekt des modernen Arbeitsmarktes im Wohlfahrtsstaat erkennen.
Der Verlust eines transplantierten Organs durch Abstoßungsreaktionen stellt
nach wie vor eines der großen ungelösten Probleme der Transplantationsmedizin
dar. Der Empfänger bezahlt das neue Organ mit den negativen Folgen einer
lebenslangen Behandlung, die das Immunsystem unterdrückt. Wissenschaftler des
Forschungsschwerpunkts Transplantation in Heidelberg berichten in dem Heft
über neue Wege, die sie gehen. Um die Revolte der Abwehrzellen möglichst
früh zu verhindern, bremsen sie gezielt nur den Teil der Immunantwort, der
für die Abstoßungsreaktion verantwortlich ist. Herkömmliche Medikamente
treffen diese Unterscheidung nicht. Stefan Meuer zeigt elegante Strategien,
mit denen in Heidelberg erstmals versucht wird, der Aktivierung der
Abwehrzellen zuvorzukommen und die Kommunikation in den Zellen zu
unterbrechen.
Jedes Jahr kommen in Deutschland 8000 Frühgeborene mit einem Gewicht von
weniger als 1500 Gramm zur Welt. Die meisten von ihnen sind gesund, aber
wegen ihrer Unreife nicht auf das Leben außerhalb des Mutterleibs
vorbereitet. 90 Prozent der extrem unreifen Frühgeborenen können mit Hilfe
der modernen Geburtshilfe und Neugeborenen-Intensivmedizin überleben. Sie
haben gute Chancen, gesund zu überleben, wenn es den Ärzten gelingt,
Sauerstoffmangel und Durchblutungsstörungen des Gehirns zu vermeiden und den
Kindern die Reifung zu ermöglichen, die sie im Mutterleib erfahren hätten.
Otwin Linderkamp aus der Heidelberger Universitäts-Kinderklinik berichtet in
seinem Text über die intensiven Bemühungen der Neonatologen um die Frühchen.
Seit es ihn gibt, hat er seine Probleme liebevoll und gewissenhaft studiert,
der "studiosus", der Gelehrte. Über sein Asthma und seine Verdauungsstörungen
ist mehr bekannt als über das Leben und Sterben ganzer Völker. Die Diätetiken
des Gelehrtenlebens bergen das jahrhundertealte Wissen darüber, was der
"Stubenhocker", der von der Melancholie geküßte Denker, der "Bücherwurm mit
dem Löschpapiermagen und Löschpapierhirn", tun sollte, um den Risiken der
geistigen Arbeit zu begegnen. Am Sinologischen Seminar hob Rudolf G. Wagner
den Erfahrungsschatz, von dem auch die Organisatoren moderner Wissenschaft
profitieren könnten, zum Beispiel für den Bau richtig beleuchteter und
belüfteter Universitätsgebäude und Forschungszentren. Sein Beitrag in der
"Ruperto Carola" läßt den Leser häufig schmunzeln.
Historiker nennen sie die frühe Neuzeit. Die Zeit des Buchdrucks und der
Reformation. Schußwaffen wurden erfunden und Navigationsgeräte, Amerika
entdeckt. Als das Bürgertum aufstieg, änderte sich das Bewußtsein der
Menschen und ihre Sprache. Das hat Spuren hinterlassen in der Literatur, sich
niedergeschlagen im Wortschatz. Mitarbeiter des Germanistischen Seminars
spüren die Veränderungen auf und halten sie in dem vielbändigen
"Frühneuhochdeutschen Wörterbuch" fest. Jeder, der sich mit der
Dokumentation, Beschreibung und Interpretation schriftlicher Überlieferung
befaßt, ist auf historische Wörterbücher angewiesen. Oskar Reichmann stellt
in dem Magazin die faszinierende Arbeit der Lexikographen dar.
Das Magazin "Ruperto Carola" kostet als Einzelheft zehn Mark plus Versand
(für Studenten 5 Mark). Es kann, ebenso wie das Förderabo zu 60 Mark,
bestellt werden bei: Pressestelle der Universität Heidelberg, Postfach
105760, 69047 Heidelberg.
CW
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