"Ruperto Carola" 3/95
Forschungsmagazin der Universität Heidelberg
Schwere Ionen und Rasterscan eröffnen neue Wege in der
Strahlentherapie
Der Schamane im Forscher ist wieder gefragt: Intuition,
Phantasie und Einfühlungskraft brauchen sowohl Germanisten
als auch Ethnologen. Verwandte Methoden mit
enzyklopädischem Anspruch kennzeichnen beide Disziplinen
seit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert. Grenzüberschrei-
tungen zwischen Literaturwissenschaften und
Kulturanthropologie lotet Dietrich Harth vom
Germanistischen Seminar in der Titelgeschichte der neuen
"Ruperto Carola", Forschungsmagazin der Universität
Heidelberg, aus und umreißt neue interdisziplinäre Ansätze
und Projekte mit Zukunft. Folgende Themen schließen sich
an: die scheinbare Chancengleichheit von Frauen im ehemals
sozialistischen Ungarn, ein neues Bestrahlungsverfahren mit
schweren Ionen als Gemeinschaftsprojekt von Medizin und
Physik in der Tumortherapie, eine neue Datenbank für die
deutsch-spanische Übersetzung von "Realien", die
physiologische Wirkung großer Höhe auf den Körper und ein
Portrait des neuen Direktors des Zentralinstituts für
Seelische Gesundheit, Fritz A. Henn.
Stichwort "Innovationsschwäche": Im Editorial begegnet
Prorektor Prof. Jörg Hüfner der politischen Tagesforderung
nach einem zu intensivierenden Technologie- und
Wissenstransfer zwischen Hochschulen und Industrie. Hüfner
gibt zu bedenken, daß der Wissenstransfer über Absolventen
- immer schon eine zentrale Aufgabe der Universität - durch
die restriktive Personalpolitik der Industrie ins Stocken
geraten sei. Auch die direkte Forschungskooperation habe
Tradition, könne aber noch ausgebaut werden. Studien über
den Transferbedarf gerade von kleinen und mittleren Firmen
belegen dies. Neue Wege, um die "Gräben zwischen
grundlegender und angewandter Forschung" aufzufüllen, ebne
einerseits die aktuelle Forschungspolitik der großen
Drittmittelgeber. Andererseits würden Firmen vom
gegenwärtigen Rektorat auch direkt angesprochen. Daneben
bestünden Transferangebote wie der Rhein-Neckar-
Gesprächskreis, das neugegründete Forum Bildverarbeitung,
die Präsenz der Universität auf Messen und die For-
schungsdatenbank. Hüfner hofft, daß Offenheit, Austausch
und gemeinsame Forschung "letztendlich auch unseren
Absolventen zugute kommen".
Bislang geheimgehaltene Daten der Volkszählung im ehemals
kommunistischen Ungarn bringen es an den Tag: Die
Chancengleichheit von Frauen und Männern bestand nur
scheinbar. An die Titelgeschichte schließt sich die
raumwissenschaftliche Analyse des Geographen Peter
Meusburger an, mit der er eine heilige Kuh der klassenlosen
Gesellschaft schlachtet. Seinen Untersuchungen zufolge
widerlegen hohe schichtspezifische und regionale
Unterschiede in der Frauenerwerbstätigkeit die offizielle
Selbstdarstellung. Er analysiert auf der Grundlage neuester
Daten auch die aktuellen Tendenzen und den Wertewandel in
der ungarischen Gesellschaft nach dem Systemwechsel.
"Präziser Beschuß mit schweren Ionen" lautet der nächste
Beitrag, geschrieben von Forschern des Physikalischen
Instituts, der Radiologischen Universitätsklinik in
Heidelberg und der Gesellschaft für Schwerionenforschung
(GSI) in Darmstadt. Auch das Deutsche Krebsfor-
schungszentrum (DKFZ) ist an dem modellhaften
Gemeinschaftsprojekt beteiligt, das neue Dimensionen in der
Strahlentherapie eröffnen soll. Die Therapie mit schweren
geladenen Teilchen (Ionen) zusammen mit dem bei der GSI
entwickelten "intensitätsgesteuerten Rasterscan-Verfahren"
eröffnet nach Darstellung der Forscher eine besonders
präzise und effektive Bestrahlung von Tumoren fast ohne
Belastung des gesunden Gewebes. Derzeit beginnen sie damit,
das "aktive, extrem tumorkonforme Bestrahlungsverfahren"
klinisch zu testen und zu optimieren.
Beispiel "Persilschein": Worte, deren Bedeutung nur im
Kontext der nationalen Kultur zu verstehen sind, stellen
für Übersetzer oft Fußangeln dar. Wie kann man ihnen
helfen, die sogenannten "Realien" adäquat in andere
Sprachen zu übertragen? Diesem Problem widmen sich Wis-
senschaftler und Studierende am Institut für Übersetzen und
Dolmetschen. Nelson Cartagena stellt Funktion und
Arbeitsweise des neuen Wörterbuchs der
"Realienbezeichnungen in der lateinamerikanischen
Literatur" vor, das in Form einer erweiterbaren
interaktiven Datenbank erarbeitet wurde.
Gegenstand des folgenden Beitrags ist die medizinische
Forschung im Hochgebirge. Peter Bärtsch aus der Abteilung
Sport- und Leistungsmedizin der Medizinischen Universitäts-
und Poliklinik erforscht auf der Margherita-Hütte, einem
internationalen Forschungslabor auf der über 4500 Meter
hohen Signalkuppe in der Schweiz, die physiologischen
Folgen großer Höhe auf den menschlichen Körper. Er
skizziert die über 100 Jahre alte Tradition des Labors und
die Fortschritte in der Erforschung der akuten
Bergkrankheit und des Höhenlungenödems. Wie läßt sich die
Krankheit behandeln oder vermeiden? Der zunehmende
Höhentourismus, vor allem aber die Übertragung der
Erkenntnisse in die klinische Medizin bei ähnlichen akuten
Lungenschäden und Sauerstoffmangel, machen die
Untersuchungen relevant.
"Ja, ich bin Optimist". Michael Schwarz portraitiert Fritz
A. Henn, den neuen Direktor des Zentralinstituts für
Seelische Gesundheit in Mannheim. Henn gibt Auskunft über
seinen Werdegang und die Zielrichtung seiner Forschung. Er
spricht auch über die Zusammenarbeit mit der Psychiatrie
und dem DKFZ, vor allem auf dem Gebiet der funktionellen
Bildgebung. Henn ist überzeugt, daß biologische
Fehldispositionen bei Krankheiten wie Alzheimer,
Schizophrenie und Depression bald "verstanden" werden
könnten und eine "spezifischere therapeutische
Intervention" möglich werde.
Das Magazin schließt mit seinen Rubriken "Drittmittel",
"Kurzberichte junger Forscher", "Meinungen" und dem Bericht
"Aus der Stiftung Universität Heidelberg".
Ein Einzelheft "Ruperto Carola" kostet 10 DM plus Versand,
für Studierende 5 DM. Es kann, ebenso wie das Förderabo für
60 DM (vier Ausgaben), bestellt werden bei: Pressestelle
der Universität Heidelberg, Postfach 10 57 60, 69047
Heidelberg.
Carola Nerbel
Up