"Ruperto Carola" 1/96 – Abstracts

Forschungsmagazin der Universität Heidelberg


Ultrakalte Neutronen dienen Heidelberger Physikern als Spione

Wie Spione, schnell und vor allem merkfähig, durchdringen freie Neutronen jede Materie: Eigenschaften, die ihre Erforschung in der Physik derzeit so spannend machen. Stark herabgekühlt sind Neutronen nicht mehr flüchtig und können wie normales Gas in Stahlbehältern konserviert und untersucht werden. Mit ihrer Hilfe lassen sich die Voraussagen des Urknallmodells exakter überprüfen als bisher. Über Wirkungsweise und wissenschaftlichen Nutzen von Neutronen berichtet Dirk Dubbers vom Physikalischen Institut in der Titelgeschichte von "Ruperto Carola 1/96", dem Forschungsmagazin der Universität Heidelberg. Das Magazin bietet weiter folgende Themen: die Reaktionszeit als aussagekräftiger Faktor in der Persönlichkeitsforschung, die Problematik statistischer Verfahren beim Abbau von Massenarmut, die Gefahr von Nierenversagen bei Nierenspendern sowie eine Reportage über das Revirement des Südasien-Instituts.

Forschung betritt stets Neuland. Im Editorial stellt Prorektor Prof. Ernst G. Jung dar, wie in besonders sensiblen Bereichen innovativer Wertschöpfung, in Medizin, Biologie und Technik, mögliche Folgen für unsere Gesellschaft intern und extern abgeschätzt werden. Mittlerweile arbeiten vier Ethikkommissionen an der Universität Heidelberg: zusätzlich zu denen der Medizinischen Fakultät Heidelberg und der Fakultät für Klinische Medizin Mannheim wurden eine Ethik-Kommission für die Natur- und Sozialwissenschaften und eine gemeinsame Senatskommission für grundsätzliche Ethikfragen kürzlich neu eingerichtet. Ihre Arbeit sei zeitaufwendig, schaffe jedoch die nötige Vertrauensbasis für Forschung. Demgegenüber fordert Jung auch vom Gesetzgeber und von den Medien einen objektiveren und vorausschauenderen Umgang mit ihrem Tun. Innovative Wertschöpfung in der Wissenschaft werde vom einen teilweise "restriktiv reglementiert", von den anderen vorschnell und einseitig abqualifiziert. Fortschritte in der Anwendung, Standorte für neue Industriezweige und Arbeitsplätze würden dadurch verhindert. Abschließend plädiert der Prorektor dafür, insgesamt mehr Eigenverantwortung walten zu lassen und die "Beurteilung durch nichtbeteiligte Gremien" als Hilfe anzuerkennen.

Der Titelgeschichte folgt ein Beitrag von Manfred Amelang über "Persönlichkeitsforschung mit der Stoppuhr". Am Psychologischen Institut mißt er die Reaktionszeit von Versuchspersonen auf Fragen zu ihrer Persönlichkeit und gewinnt daraus zusätzliche Informationen. Er untersucht, welche gedanklichen Vorgänge der Beantwortung von Testfragen vorausgehen. Es dauert zum Beispiel länger, auf schwach vorhandene Charaktereigenschaften zu antworten als auf stark vorhandene. Ist eine Eigenschaft zutreffend, antwortet der Proband auf die Frage nach ihr recht schnell. Zögert er, kann dies bedeuten, daß sie bei ihm nur schwach zutrifft oder daß er lügt, da es sich möglicherweise um eine sozial unerwünschte Eigenschaft handelt. Die Reaktionszeiten sagen weiterhin viel über die Genauigkeit der individuellen Selbsteinschätzung aus.

Wie läßt sich Armut in Südasien, Südafrika und Lateinamerika aus westlicher Warte messen? Sind zuverlässige Daten zu gewinnen, um zielgerichtet helfen zu können? Und wo bleibt der einzelne Mensch hinter all den Berechnungen? Diese Fragen stellt Hartmut Sangmeister vom Institut für international vergleichende Wirtschafts- und Sozialstatistik. So divergierten 80er-Jahre-Schätzungen namhafter westlicher Institutionen über die Zahl der in Armut lebenden Lateinamerikaner kraß. "Methodische Unsicherheit" herrscht vor, nur partiell könnten gewonnene Daten wirtschafts- und entwicklungspolitische Strategien zum Abbau der Armut unterstützen. Der Titel seines Beitrags ist zugleich sein Fazit: "In der Buchhaltung des Elends bleibt der Mensch anonym."

Den "Füßchenzellen" der Niere widmet sich derzeit eine Forschergruppe am Institut für Anatomie und Zellbiologie. Diese besonderen Zellen sorgen dafür, daß die Niere "richtig" ausscheidet, eben das, was der Körper im Überschuß hat, nicht will oder nicht braucht. Ist ihre Funktion erst einmal gestört, sind Füßchenzellen nicht reversibel. Es kommt deshalb nicht selten zu einem Nierenversagen. Die zweite Niere gewährleistet dann die Reserve. Wie steht die Medizin in dieser Frage nun Nierenspendern gegenüber? Antworten geben Wilhelm Kriz und seine Mitarbeiter in ihrem Beitrag "Braucht der Mensch zwei Nieren?".

Neubeginn am Südasien-Institut der Universität (SAI): Abgeschlossen wird derzeit seine umfassende fachliche und organisatorische Neustrukturierung, die vor fünf Jahren begann. Ende 1991 berief das Rektorat einen unabhängigen Beraterausschuß auswärtiger Wissenschaftler. Er erarbeitete ein Gutachten und Empfehlungen für die Zukunft des in Deutschland einmaligen interdisziplinären Zentrums. Eine Reportage von Michael Schwarz skizziert die Vergangenheit des Instituts, das Revirement sowie Ausrichtung und Neubesetzung der Lehrstühle. Das Berufungsverfahren sei in der Geschichte der Universität Heidelberg einmalig: "Sieben Fakultäten einigten sich auf ein `Paketī von Berufungslisten für Professoren fünf verschiedener Fachrichtungen." Sein Fazit: "Jetzt muß das neue SAI seine Nagelprobe bestehen."

Das Magazin schließt mit den Rubriken "Aus der Stiftung Universität Heidelberg", "Drittmittel" und "Kurzberichte junger Forscher". Hier berichtet Johann Anselm Steiger über seine Forschung an der Theologischen Fakultät. Sein Team untersucht die Vita des Kirchenvaters Johann Gerhard (1582 - 1637) und wirft damit Schlaglichter auf die vergessene Epoche der altprotestantischen Orthodoxie.

Ein Einzelheft "Ruperto Carola" kostet 10 DM plus Versand, für Studierende 5 DM. Es kann, ebenso wie das Förderabo für 60 DM (vier Ausgaben), bestellt werden bei: Pressestelle der Universität Heidelberg, Postfach 10 57 60, 69047 Heidelberg.