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Wodurch entsteht ein Nierentumor bei Kindern?

Im Sommer 1995 sorgte das Schicksal der damals sechsjährigen Olivia für Aufsehen. Sie litt an einem bösartigen Nierentumor, bei dem die Heilungschancen nach Chemotherapie und Operation sehr gut sind. Ihre Eltern mißtrauten aber der Schulmedizin. Erst nachdem ihnen das Sorgerecht vorübergehend aberkannt wurde, konnte Olivia behandelt werden. Der Wilms-Tumor, an dem sie litt, ist eine der häufigsten Krebsarten bei Kindern. Er kann vererbt sein oder spontan auftreten. Eins von 10 000 Neugeborenen ist betroffen. Am Institut für Humangenetik war Brigitte Royer-Pokora an der Identifizierung von mehreren Genen beteiligt. Durch die Identifizierung dieser Gene ist jetzt bei Neugeborenen mit fehlender Iris, die ein erhöhtes Risiko haben, an Wilms-Tumor zu erkranken, eine Gendiagnostik möglich.

Max Wilms war von 1910 bis 1918 Direktor der Chirurgie in Heidelberg. Während seiner Ausbildung in der Pathologie in Gießen machte er seine berühmten Untersuchungen über die Mischgeschwülste, die in der Arbeit „Die Mischgeschwülste“ (1899) zusammengefaßt sind. Darin beschrieb er unter anderem „Die Mischgeschwülste der Niere“ und ihren äußerst komplexen Aufbau. Auf Grund von Schnelligkeit und Art des Wachstums sowie der Zeit des Auftretens hat er in dieser Arbeit zum ersten Mal die sehr unterschiedlichen „Geschwülste der Niere“ zu einer Einheit zusammengefaßt. Später wurde auch der kindliche Nierentumor, von dem in diesem Artikel die Rede ist, nach ihm als „Wilms-Tumor“ bezeichnet. Der Wilms-Tumor, das „Nephroblastom“, ist ein bösartiger Nierentumor, der Zellen von verschiedenen embryonalen Entwicklungsstufen der Niere enthalten kann. Dieser Tumor tritt nur während der ersten zehn Lebensjahre auf. Da er nur bis zum Zeitpunkt der Ausdifferenzierung der Niere auftritt, kann postuliert werden, daß es sich um eine Störung der normalen Entwicklung der Niere handelt. Dabei nimmt man an, daß die Zellen nicht vollständig ausreifen können, sondern länger als normal in einem embryonalen Zustand verweilen.

Die meisten embryonalen Zellen haben eine große Teilungskapazität, und erst nach der Ausdifferenzierung wird die hohe Teilungsrate der Zellen blockiert. Im Wilms-Tumor verbleiben die Zellen länger in ihrem unreifen Zustand und haben deshalb die Fähigkeit behalten, sich häufig zu teilen. Es wurde beobachtet, daß ein Wilms-Tumor häufig zusammen mit Aniridie, dem kompletten oder teilweisen Fehlen der Iris, und mit Genitalmißbildungen vorkommt. Dies weist auf eine mögliche chromosomale Störung hin, die mehrere benachbarte Gene betreffen könnte. Zytogenetische Untersuchungen von Patienten mit diesem, als „WAGR“ (Wilms-Tumor, Aniridie, Genitalmißbildungen und geistige Retardierung) bezeichneten Syndrom, zeigten, daß bei den meisten ein kleines Stückchen im Chromosom elf fehlte. Der fehlende Abschnitt heißt „Bande p13“, sie hatten also eine Deletion der Bande p13 vom kurzen Arm von Chromosom elf.

Auf Chromosom 11 fehlt der Abschnitt p13

Umgekehrt beobachtete man auch, daß ein Drittel aller Kinder mit sporadischer Aniridie, das heißt mit einem bei Geburt neu aufgetretenen Fehlen der Iris, einen Wilms-Tumor entwickeln; nicht aber Kinder mit familiärer Aniridie, wo also das Fehlen der Iris in mehreren Generationen einer Familie auftrat. Bei den meisten Patienten mit sporadischer Aniridie, die einen Wilms-Tumor entwickelt hatten, wurde ebenfalls eine zytogenetisch sichtbare Deletion von Chromosom 11 gefunden, die immer die Bande p13 umspannt. Patienten mit solchen Deletionen können auch urogenitale Mißbildungen haben und geistig retardiert sein. Auch diese Beobachtungen wiesen darauf hin, daß in der Bande 11p13 ein oder mehrere Gene liegen, die für die Entwicklung dieser unterschiedlichen Krankheitsbilder wichtig sein müssen.

Der Wilms-Tumor kann erblich sein oder spontan auftreten. Er ist mit sechs Prozent eine der häufigsten kindlichen Krebsarten. Eins von 10 000 Neugeborenen leidet daran. Die Tumoren kommen entweder nur in einer Niere vor oder in beiden. Bei der Vererbung des Wilms-Tumors wird ein autosomal dominanter Erbgang mit variabler Penetranz beobachtet. Das bedeutet, nicht alle Genträger müssen erkranken. Die meisten einseitigen Tumoren sind nicht erblich, also durch Mutationen in einer Körperzelle, durch somatische Mutationen, verursacht.

Alfred Knudson hat 1971 aufgrund epidemiologischer Beobachtungen des Alters der Patienten beim Auftreten des Tumors sowie der Häufigkeit beidseitiger Tumoren in spontanen und familiären Fällen das „Two-Hit“-Modell (S. 34) für die Entstehung eines anderen kindlichen Tumors formuliert, eines Augentumors, des „Retinoblastoms“. Nach seinem Modell sind für die Tumorentstehung zwei nacheinander auftretende Mutationen notwendig. Jede Zelle hat zwei Kopien eines bestimmten Gens auf den beiden übereinstimmenden, homologen Chromosomen, eines davon ist vom Vater, eines von der Mutter vererbt. Wenn in einer Zelle beide Kopien eines Gens verloren gehen, und dadurch ein Tumor entsteht, spricht man von einem „Tumorsuppressor-Gen“. Das „Two-Hit-Modell“ beschreibt für die Entstehung von sporadischen und erblichen Tumoren zwei Wege: In einseitigen, spontanen Tumoren treten beide Mutationen in einer somatischen Zelle auf, bei beidseitigen, erblichen Fällen dagegen, liegt die erste Mutation schon in der Keimbahn vor, die zweite erfolgt in einer somatischen Zelle. Gene, deren Verlust zur Tumorentstehung führt, spielen vermutlich eine Rolle bei der Kontrolle des Zellwachstums und/oder der Differenzierung, und ihre Inaktivierung oder ihr Verlust tragen zu unkontrolliertem Wachstum und späterer Tumorentwicklung bei.

Der Verlust eines Gens oder auch eines Chromosoms kann in einer Zelle mit molekulargenetischen Methoden nachgewiesen werden. Dazu verwendet man Marker für bestimmte Abschnitte der Erbsubstanz, „DNA-Marker“, die hochpolymorph sind, das heißt, Unterschiede zeigen zwischen verschiedenen Personen. Diese DNA-Abschnitte unterscheiden sich in ihrer Länge, und das kann mit Hilfe der sogenannten „Polymerase-Kettenreaktion“ nachgewiesen werden. Dadurch wird es meist möglich, die beiden elterlichen Chromsomen zu unterscheiden. Man kann also mit dieser Methode direkt nachweisen, welches Chromosom vom Vater und welches von der Mutter stammt. Wenn dann die DNA aus dem Tumor untersucht wird, kann nachgewiesen werden, ob eines der beiden Chromosomen im Tumor fehlt. Bei Wilms-Tumoren hatten 30 Prozent aller Tumoren nur noch ein elterliches Chromosom 11, das heißt, eine Genkopie war verloren gegangen. Dabei fehlte ein Chromosom 11 entweder ganz oder teilweise. Wenn bestimmte DNA-Abschnitte in einem Tumor fehlen, weist das auf eine Stelle im Genom hin, in dem ein Tumorsuppressor-Gen liegt, welches normalerweise das Wachstum von Zellen bremst, und wenn es fehlt, kann die Zelle ungehemmt wachsen. Der Verlust eines kurzen Abschnitts von Chromosom 11 in Tumoren bestätigte, daß hier ein „WT-Prädispositions-Gen“ liegen muß, dessen Verlust zur Tumorentstehung beiträgt. Solche Untersuchungen ergeben wichtige Hinweise, wo der Molekularbiologe nach Genen für die Tumorenstehung suchen muß.

Nachdem nun bekannt war, wo das Wilms-Tumor-Gen liegen sollte, haben wir uns an der Suche nach diesem Gen beteiligt. Um das entsprechende Gen isolieren zu können, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Zuerst muß die gesamte Region physikalisch kartiert werden, also eine genaue Landkarte erstellt werden. Dazu müssen viele DNA-Proben aus diesem Abschnitt vorhanden sein oder sie müssen neu isoliert werden. Mit diesen Arbeiten hat meine Gruppe 1987 begonnen, und es standen uns anfangs nur wenige DNA-Proben zur Verfügung, die jeweils auf beiden Seiten am Ende der Region „Bande 11p13“ lagen. Unsere Untersuchungen haben gezeigt, daß diese Proben sehr weit auseinander lagen und das „WT1-Gen“ ungefähr in der Mitte zwischen diesen Proben liegt. Zur gleichen Zeit arbeiteten wir an einem Projekt, den Bruchpunkt einer chromosomalen Translokation bei T-Zell-Leukämie (T-ALL) molekular zu untersuchen, der in der Bande 11p13 lag. Wir suchten also in derselben Region des Chromosoms elf eine Stelle, an der ein Stückchen DNA abbricht und sich an ein anderes Chromosom heftet. Wir haben diesen „T-ALL-Bruchpunkt“ 1988 molekular kloniert und konnten zeigen, daß er sich relativ nahe der Probe CAT auf der telomerischen Seite der Bande befindet. Mit weiteren molekularen Methoden konnten wir sehr viele Proben aus der Region 11p13 isolieren, und dies führte schließlich zur Erstellung einer lückenlosen physikalischen Karte dieser chromosomalen Bande. Durch die weltweiten Aktivitäten, das gesamte menschliche Erbgut zu kartieren und zu sequenzieren, sind heutzutage solche Arbeiten erheblich vereinfacht worden, und normalerweise genügt ein Anruf bei einer Firma oder einem Forschungslabor, um die gewünschten Proben zu erhalten.

Den Wurm in einem Korb voller Äpfel finden

Als nächstes muß das Gen in der Region gefunden werden. Das ist keine einfache Aufgabe, da in einer solchen Region normalerweise viele Gene liegen. Zuerst müssen alle identifiziert und lokalisiert werden, und dann kann bestimmt werden, welches dieser Gene das gesuchte ist. Man könnte das vergleichen mit der Aufgabe, in einem Korb voller Äpfel einen zu finden, in dem ein kleiner Wurm sitzt. Manchmal kann durch ein Loch im Apfel vorhergesagt werden, in welchem ein Wurm sitzt. Es kann aber auch ein Wurm im Apfel sein, ohne daß das von außen sichtbar ist. Dann müssen alle Äpfel in viele kleine Teile zerschnitten werden, um nach dem Wurm zu suchen. Auch das gesuchte Gen kann durch Besonderheiten auffallen, zum Beispiel dadurch, daß ein größeres Stück des Gens fehlt, was sich mit molekularen Methoden nachweisen läßt. In einem solchen Fall ist die Aufgabe, das Gen zu identifizieren, leichter. Wenn allerdings keine groben Lücken im Gen zu sehen sind, bedeutet das, daß alle in diesem Bereich liegenden Gene mit aufwendigen Techniken auf Veränderungen in Tumoren untersucht werden müssen.

Um das Wilms-Tumor-Gen zu finden, haben wir als erstes nach solch großen Lücken im Gen oder in der Nähe des Gens gesucht. Unsere Arbeitshypothese war, daß in einigen spontanen Tumoren das „WT1-Gen“ auf einem Chromosom nicht mehr vorhanden ist. Mit neueren molekularen Methoden ließ sich das relativ einfach nachweisen. Dafür wurden mit der sogenannten „Pulsed-Feld-Gelelektrophorese“ größere DNA-Abschnitte aus den Tumoren sichtbar und auf Lücken in der Bande 11p13 untersucht. Bei einem spontanen Wilms-Tumor konnten wir dann auch nachweisen, daß ein kleiner DNA-Abschnitt auf beiden Chromosomen fehlte, und damit war der Bereich eingegrenzt, in dem das „WT1-Gen“ liegen sollte. Zu diesem Zeitpunkt wurde in USA von Catherine Call aus David Housmans Arbeitsgruppe am MIT und von Manfred Gessler aus Gail Bruns Arbeitsgruppe am Children’s Hospital, Harvard Medical School, gleichzeitig ein „WT1-Kandidaten-Gen“ isoliert. Dieses wurde uns von David Housman für die Analyse unserer Tumoren zur Verfügung gestellt. Wir konnten zeigen, daß das Gen genau in dem DNA-Abschnitt liegt, der in unserer Wilms-Tumor-Probe fehlte. Da das Gen fast den gesamten Bereich der Lücke abdeckt, ist klar, daß in diesem DNA-Abschnitt vermutlich kein weiteres Gen liegt, welches für die Entstehung des Tumors verantwortlich ist, und daß das isolierte Gen das „WT1-Gen“ ist.

Das „WT1-Gen“ wird in spezifischen Zellen der sich entwickelnden Niere exprimiert und in verschiedenen Zellen des Genitalsystems. In der erwachsenen Niere wird es nur noch in bestimmten Zellen des Glomerulus exprimiert. Es kodiert für ein Protein, das an DNA bindet. Solche Proteine bezeichnet man als „Transkriptionsfaktoren“. Sie regulieren die Aktivität anderer Gene. Dieses Protein hat eine Domäne mit vier „Zink-Fingern“ (ZF). Das ist eine Proteinstruktur, die für die spezifische Bindung an DNA wichtig ist. Das Expressionsmuster des Gens in der sich entwickelnden Niere und im Urogenitalsystem spricht dafür, daß das Gen eine wichtige Rolle für die normale Differenzierung der Niere und des Genitalsystems spielt.

Die Untersuchung von Wilms-Tumoren auf Veränderungen in dem Gen hat erstaunlicherweise gezeigt, daß nur in wenigen Tumoren Mutationen vorkommen. Nach dem von Alfred Knudson postulierten Modell sollten eigentlich beide Gene inaktiv sein. Das war nur in wenigen Tumoren der Fall, so daß klar wurde, daß dieses einfache Modell für Wilms-Tumoren vermutlich so nicht zutrifft. Es könnten noch andere Gene bei der Entstehung des Tumors wichtig sein und bei der Entartung der Zellen zusammenwirken. Inzwischen konnten wir jedoch durch die Untersuchung von mehr als 60 Wilms-Tumoren zeigen, daß eine spezifische histopathologische Subklasse der Tumoren häufig Mutationen im „WT1-Gen“ hat. Hier fanden wir auch, daß meist beide Genkopien inaktiv waren, also die Zweischritt-Inaktivierung für eine Subklasse von Wilms-Tumoren zutrifft. Das überraschende Ergebnis war außerdem, daß die meisten dieser Patienten eine Keimbahnmutation haben und damit ein erhöhtes Risiko für die Entstehung eines zweiten Tumors in der anderen Niere. Diese Mutationen können dann auch an die Nachkommen vererbt werden.

Dem Ergebnis der fünften Studie der internationalen Gesellschaft für pädiatrische Onkologie (SIOP) zufolge, ist ein Wilms-Tumor zur Zeit zu 81 Prozent heilbar, gehört also zu den gut therapierbaren kindlichen Tumoren. Die Behandlung erfolgt mit kombinierter Chemotherapie für sechs Wochen vor der Operation. Dann wird die Niere, die den Tumor enthält, entfernt. Bei Patienten mit beidseitigem Tumor ist die Behandlung etwas schwieriger. Bei ihnen wird eine lange präoperative Chemotherapie durchgeführt, um die Tumoren in beiden Nieren möglichst weitgehend zu reduzieren. Dann wird die Niere entfernt, in der mehr Tumor zurückgeblieben ist. Die zweite wird erhalten und nur der restliche Tumor entfernt. Auch bei diesen Patienten sind die Heilungschancen gut. Eine kleine Gruppe von Tumoren spricht allerdings nicht gut auf die Chemotherapie an. Eines unserer nächsten Ziele ist es, molekulare Marker zu finden, um die gut und schlecht ansprechenden Tumoren zu unterscheiden. Gelingt uns das, sollte es möglich sein, eine individueller auf den Patienten zugeschnittene Therapie auszuarbeiten.

Als nächstes war es interessant zu untersuchen, warum Patienten mit neu aufgetretener Aniridie ein hohes Risiko haben, einen Wilms-Tumor zu entwickeln. Ist das "WT1-Gen” auch für das Fehlen der Iris verantwortlich oder ist es ein anderes Gen in der Nähe? Um diese Frage zu beantworten, haben wir wieder mit molekularen Methoden große DNA-Abschnitte der Bande 11p13 nach Lücken bei Patienten mit Aniridie untersucht. Bei einer Familie, bei der Aniridie schon in mehreren Generationen ohne Kombination mit einem Wilms-Tumor aufgetreten war, konnten wir eine kleine, mikroskopisch nicht sichtbare Lücke nachweisen. Sie reichte nicht bis zum "WT1-Gen”, sondern lag weiter in Richtung Telomer des Chromosoms. In einem anderen Fall haben wir bei einem Kind mit Aniridie und Gesichtsmißbildungen eine zytogenetisch sichtbare Deletion festgestellt, die in der Bande 11p13 beginnt und bis 11p15 reicht. Die weitere molekulare Kartierung der Deletion zeigte, daß diese ebenfalls nicht bis zum "WT1-Gen” reicht. An den beiden Fällen sieht man, daß Aniridie nicht durch das "WT1-Gen” verursacht wird. Ein neues Gen aus dem fehlenden Abschnitt wurde von Carl Ton aus der Gruppe von Grady Saunders am MD Anderson Hospital, Houston, isoliert. Wir haben diese Genprobe von Grady Saunders erhalten und konnten zeigen, daß ein großer Teil des Gens im Erbgut der von uns untersuchten Aniridie-Familie fehlt. Das und die Untersuchungen der spezifischen Expression des Gens während der Augenentwicklung machen deutlich, daß dieses Gen für die Fehlentwicklung der Iris verantwortlich ist. Es kodiert ebenfalls für ein DNA-bindendes Protein und reguliert vermutlich die Expression anderer während der Augenentwicklung wichtiger Gene. Das entsprechende Gen der Fruchtfliege Drosophila wurde inzwischen isoliert. Auch bei der Fruchtfliege reguliert es die Augenentwicklung, obwohl die Augen von Drosophila völlig anders aufgebaut sind. Die falsche Expression des Gens in einem Fußelement führte zur Ausbildung eines Auges am Fuß der Fliege. Damit ist klar geworden, daß das Gen während der Evolution seine wichtige Funktion zur korrekten Ausbildung von Augen und Iris behalten hat.

Wir konnten außerdem zeigen, daß bei Patienten, bei denen Aniridie zusammen mit einem Wilms-Tumor auftrat, immer eine Lücke in der Bande 11p13 nachzuweisen war, die sich jedoch nicht in allen Fällen mit der klassischen Zytogenetik nachweisen ließ. Diagnostisch ist es deshalb wichtig, bei Patienten, die mit einer neu aufgetretenen Anridie geboren werden, zu untersuchen, ob eine Lücke in der Bande 11p13 vorliegt, die das "WT1-Gen” betrifft, und damit ein Risiko an einem Wilms-Tumor zu erkranken. In der Vergangenheit wurden die Patienten meist erst untersucht, nachdem sie schon einen Wilms-Tumor hatten. Bei zwei Patienten mit Aniridie, Urogenitalmißbildungen und Wilms-Tumor ohne nachweisbare zytogenetische Veränderung konnten wir mit modernen molekularen Methoden eine kleine Deletion nachweisen. Bei beiden Patienten war die Lücke auf einem der beiden Chromsomen in jeder Körperzelle nachzuweisen, dieses wird als Keimbahndeletion bezeichnet. Da bei beiden Aniridie-Patienten das "WT1-Gen” von der Deletion betroffen ist, hätte man auf Grund der molekulargenetischen Befunde ein erhöhtes Risiko für einen Wilms-Tumor voraussagen können. Ein anderer Patient hatte einen Wilms-Tumor, Genitalmißbildungen und keine Aniridie. Wir konnten hier eine kleine Lücke von 1300 kBp nachweisen, die jedoch nicht bis zum Aniridie-Gen reichte. Das bedeutet: Das Ausmaß der Deletionen, ihre Lage in der Region 11p13 und die Gene, die innerhalb der Deletion liegen, bestimmen das Krankheitsbild.

Außerdem kann man aus diesen Ergebnissen schließen, daß eine Deletion unter 2000 kBp in der Region 11p13 zytogenetisch nicht nachzuweisen ist. Der Abstand zwischen dem „WT1-“ und dem Aniridie-Gen beträgt 700 kBp. Deletionen, die beide Gene betreffen, könnten also nur 700 kBp groß sein. Solch kleine Lücken können mit verschiedenen molekularen Methoden gefunden werden. Zur Routinediagnostik setzen wir für diese Analysen zunächst die „in-situ-Hybridisierung“ ein und testen, ob eine Probe, die zwischen beiden Genen liegt (p60), auf beiden Chromosomen ein Signal gibt. Wenn ja, ist eine Lücke in diesem Bereich unwahrscheinlich. Wenn die Probe nur auf einem Chromosom binden kann, ist eine Lücke in dem Bereich sehr wahrscheinlich, und als nächstes werden dann für die „in-situ-Hybridisierung“ die Aniridie- und „WT-Gen-Proben“ eingesetzt. Zur gleichen Zeit erfolgt eine zytogenetische Analyse, um größere Deletionen zu finden. Inzwischen konnten wir bei drei neugeborenen Patienten mit fehlender Iris nachweisen, daß das „WT1-Gen“ deletiert war. Die Patienten haben also ein sehr hohes Risiko für einen Wilms-Tumor und müssen regelmäßig untersucht werden. Die Früherkennung und sofortige Therapie verbessert auch die Heilungschancen für diese Kinder.

Denys-Drash-Syndrom: noch eine Krankheit durch „WT1“-Mutation

Auf Mutationen im „WT1-Gen“ ist auch das „Denys-Drash-Syndrom“ (DDS) zurückzuführen. DDS-Patienten erleiden meist schon im ersten Lebensjahr ein komplettes Nierenversagen und werden dialyseabhängig oder erhalten eine Nierentransplantation. Zusätzlich zum Nierenversagen können ein Wilms-Tumor und/oder Genitalmißbildungen auftreten. Häufig fallen neugeborene DDS-Patienten durch unklare Genitalien auf. Selten werden normale männliche, häufig weibliche oder zweideutige externe Genitalien beobachtet. Die internen Genitalien variieren sehr stark und stimmen meist nicht mit den äußerlichen überein. Die Patienten haben oft einen normalen männlichen Chromosomensatz. Durch molekulare Untersuchungen des „WT1-Gens“ bei diesen Patienten konnte gezeigt werden, daß sie meist eine Keimbahnmutation in dem Gen haben. Eine bestimmte Mutation war dabei sehr häufig. Sie verändert die Bindungseigenschaften des Proteins an DNA. Alle anderen Mutationen verändern ebenfalls die DNA-Bindungsdomäne des „WT1-Proteins“. Deshalb kann postuliert werden, daß die falsche Bindungseigenschaft des Proteins zu dem Krankheitsbild führt.

Nicht alle Patienten mit einer solchen Keimbahn-„WT1“-Mutation entwickeln einen Wilms-Tumor. Das ist dadurch zu erklären, daß für die Entstehung des Tumors beide Gene inaktiviert werden müssen. Alle Zellen eines DDS-Patienten haben eine Mutation in einer Genkopie, das zweite Allel ist normal. Wenn die zweite Genkopie in einer Nierenzelle inaktiviert wird, kann sich aus dieser Zelle ein Tumor entwickeln. Da die zweite Mutation aber nicht immer eintritt, entsteht nicht immer ein Tumor. Die eine normale Genkopie reicht für den normalen Zustand der Zellen aus, nicht aber für die Funktion der Nierenzellen. Für die Entstehung des Nierenversagens reicht die Mutation auf einem Chromosom, das wird als dominante Mutation bezeichnet. Im Gegensatz dazu reicht eine Mutation nicht für die Tumorentstehung, das nennt man rezessiv.

Wir konnten inzwischen auch bei einigen Kindern mit Nierenversagen im ersten Lebensjahr ohne Wilms-Tumor eine Mutation im „WT1-Gen“ nachweisen. Diese Patienten erhalten so früh wie möglich eine Nierentransplantation. Dabei wurde aus operationstechnischen Gründen, die nicht mehr funktionsfähige Niere im Körper gelassen. Sie verkümmert mit der Zeit und stört den Patienten nicht. Da bei Patienten mit einer „WT1“-Mutation ein hohes Risiko besteht, daß sich in der Restniere ein Wilms-Tumor entwickelt, werden jetzt in solchen Fällen meist beide Nieren bei der Transplantation entfernt. Deshalb ist die diagnostische Untersuchung des „WT1“-Gens auf Mutationen bei Kindern, die im ersten Lebensjahr ein Nierenversagen entwickeln, von weitreichender Bedeutung.

Autorin:
Priv.-Doz. Dr. Brigitte Royer-Pokora
Institut für Humangenetik, Im Neuenheimer Feld 328, 69120 Heidelberg,
Telefon (06221) 56 54 07;
derzeit: Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik, Ihnestr. 73, 14195 Berlin, Telefon (030) 84 13 12 51

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