Ethische und rechtliche Fragen

Der wissenschaftliche Erkenntnisfortschritt in der Erforschung des menschlichen Genoms stellt uns vor neue ethische und rechtliche Fragen.

Die enorme Bedeutung, die genetische Informationen für das Verständnis von „Krankheit“ und „Gesundheit“ gewonnen haben, verändert das menschliche Selbstverständnis und hat Kontroversen um den verantwortlichen Umgang mit den neuen technologischen Möglichkeiten ausgelöst. Fragen nach der Genauigkeit und Aussagekraft von „genetischen Daten“ und Risikoprofilen, den Mustern der Interpretation, Bedeutungszuschreibung und der Korrelation genetischer Informationen mit anderen medizinisch relevanten Daten sind dabei eng verknüpft mit normativen und kulturellen Fragen nach Regeln für den Einsatz und Umgang mit dieser Technologie.

Hoffnungen und Befürchtungen werden dabei gleichermaßen öffentlich artikuliert. Einerseits sollen durch die Genomanalysen das Verständnis der Krankheitsentstehung, Diagnose-, Behandlungs- und Präventionsmöglichkeiten verbessert werden. Unter dem Schlagwort „personalisierte Medizin“ werden Bemühungen gebündelt, individuelle Krankheitsdispositionen oder individuelle Eigenschaften für die Verstoffwechslung von Medikamenten zu analysieren, in die Therapien und präventiv in die Lebensführung einzubeziehen und dadurch auch den Einsatz von Medikamenten kosteneffizient zu optimieren.

Die Genomforschung war aber auch von Anfang an von Einwänden begleitet. Einige sehen in der Definition der Person durch ihr Genom eine Verengung; sie befürchten zum Beispiel eine „Verobjektivierung“ des Patienten bzw. Probanden, die den Schutz der Menschenwürde unterhöhlen könnte. Eine weitere Sorge besteht darin, die Genomforschung könne genetische Diskriminierung bewirken, etwa im Versicherungswesen oder in der Arbeitswelt. In diesem Zusammenhang wurde 2008 in den USA ein Gesetz gegen genetische Diskriminierung erlassen (Genetic Information Nondiscrimination Act of 2008). Da durch die Genomanalysen Krankheitsdispositionen festgestellt werden können, ohne dass die Krankheit schon ausgebrochen ist, entsteht der neue Typus eines „kranken Gesunden“. Befürchtet wird, daß das Potential zur Stigmatisierung und Diskriminierung einer individuellen Person steigt. Kritisch hinterfragt wird unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten auch der enorme Mitteleinsatz für diese Forschung.

Ein normatives Schlüsselprinzip auf dem Feld der Medizin- und Bioethik wie der entsprechenden rechtlichen Regelungen ist die Achtung der Probanden- bzw. Patientenautonomie. Wesentliches Element der konkreten Umsetzung dieses Postulates ist der „informed consent“, die freiwillige Zustimmung des Patienten oder Probanden nach einer Aufklärung, die eine eigenständige Entscheidung ermöglichen soll. Da zur Zeit weder absehbar ist, was sich an Forschungs- und Diagnosemöglichkeiten entwickeln wird und schon jetzt durch jede genetische Diagnose sogenannte „Überschußinformationen“ zur Verfügung gestellt werden, muß gefragt werden: Wie soll adäquat vor einer Totalsequenzierung des individuellen Genoms über mögliche krankheitsrelevante Ergebnisse aufgeklärt werden? Ist angesichts eines Forschungsfeldes, in dem viele Fragen in der Grundlagenforschung noch „offen“ und ungeklärt sind, das Konzept von Autonomie und informed consent noch tragfähig? Eine besondere Brisanz entsteht in den neueren Forschungsvorhaben aus der Verknüpfung von genetischen Daten, Gewebebanken und individuellen Patientendaten. Aus dem Autonomieprinzip folgt der Gedanke des Schutzes der Privatsphäre und der Vertraulichkeit. Wie kann diese in einem Handlungsfeld gesichert werden, in dem eine neue Form von „genetischer Transparenz“ entsteht und Daten einer Person in Datenbanken und Gewebeproben für ein großes Feld von „Nutzern“ zugänglich gemacht werden? Wie realistisch ist der Schutz, der bislang über eine „Anonymisierung oder Pseudonymisierung“ von Daten erreicht werden soll, angesichts der Tatsache, dass die Sequenzierung sehr kurzer DNA-Stränge die eindeutige Zuordnung von genetischem Material zu einer Person ermöglicht? Die Fragen machen exemplarisch deutlich, welchen Problemdruck diese Hochtechnologie in ethischer, rechtlicher und ökonomischer Hinsicht erzeugt. Der Deutsche Ethikrat und die Leopoldina haben sich in ihren Stellungnahmen (2010) mit diesen Fragen auseinandergesetzt und zur weiteren Klärung aufgefordert.

Zur Zeit arbeiten UniKlinikum, EMBL und DKFZ in der genomweiten Forschung auf Grundlage ethischer und rechtlicher Regelungen, die sich an den bioethischen Richtlinien des International Cancer Genome Consortiums (ICGC) und an den Richtlinien des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT), dem die Gewebebank unter Schirmherrschaft der Medizinischen Fakultät und des DKFZ angehört, orientieren. In solchen, hier und andernorts existierenden Regelungen und Richtlinien werden die mit der Totalsequenzierung verbundenen Problemfelder bislang nur in Ansätzen berücksichtigt. Auch das deutsche Gendiagnostikgesetz, das seit Februar 2010 in Kraft ist, regelt den Umgang mit den neuen technischen Möglichkeiten nicht adäquat; zudem werden genetische Untersuchungen und Analysen sowie der Umgang mit genetischen Proben und Daten zu Forschungszwecken aus einer Reihe von Gründen von ihm nicht erfasst. EURAT wird hierzu Stellung beziehen und beratend tätig werden.

Verantwortlich: R. Nagel
Letzte Änderung: 28.01.2013
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