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Rundschreiben August 2005

Omnibus

Zeitung von Studierenden der Universität Heidelberg

1. Jahrgang/ Erstausgabe zum 01.08.2005

Ein Behindertenbeauftragter für Heidelberg?

Einen Beauftragten für behinderte Menschen überlegt sich die Stadt Heidelberg zu ernennen. Wie das BiBeZ berichtet, haben SPD und GAL einen gemeinsamen Antrag gestellt, den der Gemeinderat zur Kenntnis genommen hat. Daraufhin wurde dem Paritätischen Wohlfahrtsverband der Auftrag erteilt auszuarbeiten, wie eine solche Institution konzipiert werden kann. Soll eine einzelne Person oder ein Beirat eingerichtet werden, in dem dann alle relevanten "Behindertengruppen" angemessen vertreten sein müssten? Wer über diese Fragen diskutieren und den Prozess mitgestalten will, kann am Donnerstag, 14. Juli um 19 Uhr ins IntegrationsCentrum Heidelberg (I.C.H.) in der Alten Eppelheimer Str. 38, kommen.
Christoph Klinger

Psychotherapeutische Beratungsstelle jetzt in Bergheim

Die Psychotherapeutische Beratungsstelle des Studentenwerks Heidelberg (PBS) ist vom Berg ins Flachland gezogen und jetzt besser zu erreichen. Studierende, die bei Arbeitsschwierigkeiten, Prüfungsängsten und Entscheidungsproblemen, aber auch bei Partnerschaftsproblemen, Kontaktschwierigkeiten oder Ängsten Rat suchen, finden sie zukünftig in der Gartenstr. 2, neben der ehemaligen Ludolf-Krehl-Klinik. Telefonisch sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der PBS unter der Nummer HD/ 54 37 50 zu erreichen. In Anspruch nehmen kann das kostenlose Angebot jeder an der Uni Heidelberg oder an der PH immatrikulierter Studierende, wenn er oder sie sich in einer persönlichen Krisensituation befindet.
Christoph Klinger

Wir haben einen "Neuen Messplatz" - und zwar mitten in der Stadt

Stell dir vor es ist Dezember. An Dezember denken - wozu? Jetzt ist endlich Sommer, warum soll ich dann auch nur einen Gedanken an Kälte, Eis und Schnee verschwenden? Tu mir einfach den Gefallen! Du wirst schon sehen, was du davon hast. Wie gesagt, es ist also Winter, ruhig ein wenig klischeehaft. Draußen ist es kalt, es liegt Schnee, und er funkelt in der Sonne wie Kristall. Bald ist Weihnachten.
Trotz dieses Wintermärchens musst du studieren. Du bist in einem Hörsaal der Neuen Uni und so alle 15 Minuten bimmelt es. Juhu, Vorlesung schon aus, denkst du, aber ein Blick auf die Uhr zeigt, dass gerade mal 45 Minuten vergangen sind, also erst Halbzeit. Das Gebimmel, das ohne Unterlass immer wieder kehrt, raubt dir so langsam den letzten Nerv und du fragst dich: Wo kommt das her?
Spätestens wenn du auf den Uniplatz kommst, erkennst du, dass - alle Jahre wieder - Weihnachtsmarkt ist. Das heißt: Der Bus fährt an der Peterskirche statt am Uniplatz ab. Um in die Vorlesung zu kommen, musst du dich zwischen Glühweinständen und Pommesbuden hindurchzwängen. Wenn nun jemand meint, ich hätte etwas gegen den Weihnachtsmarkt, der täuscht sich. Ich möchte nämlich den Stand mit den Duftkerzen oder den, der jedes Jahr geschmackvolle Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Heidelberger Ansichten verkauft, nicht missen. Alles in allem: Ich liebe den Weihnachtsmarkt!
Allerdings sehen wir uns inzwischen mit dem Phänomen "Budenzauber" fast das ganze Jahr über konfrontiert. Alle Nas' lang wird eine neue Sau durchs Dorf gejagt: Hatten wir vor drei Monaten noch beim Heidelberger Frühling Frühjahrskerb auf dem Uniplatz, wird kurz nach diesem Event schon das nächste Zelt aufgebaut. Ich vermute, es ist fürs alljährliche Symposium des Heidelberger Clubs für Wirtschaft und Kultur. Vor der Frühjahrskerb, so meine ich mich zu erinnern, hielten die Psychiater eine Tagung in der Neuen Uni ab. Und auch die Damen und Herren in weiß konnten der Versuchung nicht widerstehen, den alt-ehrwürdigen Platz mit einem Cateringzelt zu verschönern.

Das ist genau der Punkt: Einmal davon abgesehen, dass man nicht mehr, Athene anvisierend, die Neue Uni auf dem direkten Weg ansteuern kann, verstößt die Ansammlung von Verkaufsständen, Zelten, Fahrgeschäften gegen mein ästhetisches Empfinden. Ein Platz ist in meinen Augen immer noch mehr als Standfläche für Autos oder Fläche für andere Nutzungen. Er lässt die um ihn herum gruppierten Gebäude erst richtig wirken. Er ist ein Ort des Verweilens und der Ruhe, wo sich Menschen tagtäglich begegnen.

Mein Vorschlag daher: Die Stadt soll den Universitätsplatz doch in "Alten Messplatz" oder besser noch "Rummelplatz" umbenennen. Der neue Messplatz, der, und das ist diesmal kein Witz, am Rande Kirchheims liegt, wird weiterhin für Megaachterbahnen, Skipper und ähnlichen Unsinn gebraucht. Deswegen können sich die Heidelberger mit zwei Messplätzen schmücken - eine Weltneuheit!
Oder noch besser: Der Uniplatz wird zur Dauerkirmes á la Prater umfunktioniert. Dann können die Touris wie in Wien das ganze Jahr über Riesenrad oder von mir aus Kettenkarussell fahren. Der Kirmesplatz wäre der neue Publikumsmagnet. Ein Hindernis stünde der Sache allerdings noch im Weg: Da die Stadt chronisch klamm ist, würde für die Änderung der Stadtpläne und für das Anbringen neuer Schilder das Geld fehlen. Es wird wahrscheinlich ein Leichtes sein, den schnöden Mammon von "Erwins-Kirmesboxer-Bude" oder "Salm's Wurstpavillion" gesponsert zu bekommen.

Christoph Klinger

"Hier, ich bin blind, ich muss auch die Klausur schreiben"

Michael (34) hat es fast geschafft - noch die Abschlussarbeit in Erziehungswissenschaften fertig schreiben, und dann ist er Magister Artium. Höchste Zeit nachzufragen, wie es ihm mit seinem Handicap (Michael ist blind) auf dem langen Marsch durch die Universität ergangen ist. Deshalb trafen wir ihn, wie es sich für Studierende gehört, auf einen Kaffee im Marstall.

Omnibus: Erziehungswissenschaft, Soziologie und Psychologie auf Magister - wie bist du auf die Kombination gekommen? Hat deine Behinderung bei der Fächerwahl irgendeine Rolle gespielt?

Michael: Im Vordergrund stand, dass ich noch was Weiteres lernen wollte. Nach dem Abi in Marburg habe ich eine Ausbildung zum EDV-Kaufmann gemacht. Ich war aber immer noch wissbegierig und wollte nicht mein ganzes Leben im Büro hocken. Deshalb habe ich beschlossen zu studieren. Da ich zu einer Randgruppe gehöre, lag es nahe sich mit Gesellschaft zu beschäftigen. Ich habe dann Soziologie zu meinem Hauptfach gemacht. Durch meine Behinderung war ich auf ein Literaturstudium angewiesen. Wenn ich nicht behindert gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht für einen technischen Studiengang eingeschrieben, Maschinenbau, Elektrotechnik oder etwas Ähnliches.

Omnibus: Wieso Heidelberg?

Michael: Aus purem Zufall! Hat sich eben so ergeben.

Omnibus: Wie waren die ersten Tage als Student? Party oder was?

Michael: Nein, ganz und gar nicht! Ich konnte wegen einer Wohnheimrenovierung gerade mal zwei Wochen vor Vorlesungsbeginn nach Heidelberg kommen. Ich wäre gern viel früher vor Ort gewesen. Ich kannte keine Studis. Als ich mit einem Freund telefonierte und erfuhr, dass das Semester eine Woche früher anfängt, als ich dachte, war erst mal Achterbahn - wo muss ich hin? Ich war wirklich kurz vor dem Zusammenbruch. Voller Sorge bin ich dann zu Herrn Behrens, dem früheren Behindertenbeauftragten, gegangen. Der wusste auch erst nicht weiter und hat dann bei den Soziologen angerufen und gefragt, ob es eine Fachschaft gebe - es gab keine. Das alles war sehr unangenehm und hat keinen Spaß gemacht! Herr Behrens hat spontan Gelder für einen Hiwi organisiert, der sich bereiterklärt hat, mir bei der Raumsuche und dem Stundenplan zu helfen.

Omnibus: Also, nix mit feiern?

Michael: Feiern - nee. Ich war alleine im Wohnheim. Habe in 683 im Eckapartment gesessen. War am Anfang froh, wenn ich wieder daheim war. Später war's ne tolle Sache. Ich hatte beides: meinen eigenen Bereich und die gemeinsame Küche. Mit den 15 Leuten auf dem Stockwerk hat es sich gut entwickelt!
Damals war ich mit dem Leben im Wohnheim zufrieden. Nach einer Zeit kamen auch die Nachteile heraus - es war heiß und laut, vor allem dann, wenn mein Nachbar bis nachts um fünf Gäste hatte. Irgendwann wollte ich nur noch raus. Außerdem waren die Leute, die ich kannte, schon ausgezogen. Momentan wohne ich in einem Einzimmerapartment. Dort hat man seine Ruhe, dafür ist es aber anonym. Ich kann keinen bei alltäglichen Dingen fragen, z. B. wenn ich eine Postkarte vorgelesen haben möchte. Dafür kann ich schalten und walten, wie ich will.

Omnibus: Wie hast du Dir die Hilfen während des Studiums organisiert?

Michael: Ich habe das gemacht, was mir gesagt wurde: "Hilf' Dir selber". Das war der Tenor, und das habe ich übernommen. Ich habe auch von anderen Studis mit Behinderung keine andere Rückmeldung bekommen. Es gab ja keine Studienhelfer oder Selbsthilfegruppen. Freunde und Bekannte haben mir was kopiert, und ich habe sie zum Kaffee eingeladen. Die Texte habe ich selbst eingescannt. Das alles hat viel Kraft gekostet. Deshalb habe ich auch so lange fürs Studium gebraucht. Ich würde es so nicht mehr machen, vielleicht war ich zu ehrgeizig.

Omnibus: Es gibt ja für behinderte oder chronisch kranke Studierende die Möglichkeit, Prüfungsleistungen anzupassen, beispielsweise statt Klausuren mündliche Prüfungen abzulegen. Haben die Dozenten sich darauf eingelassen?

Michael: Ich bin da ganz pragmatisch rangegangen. Ich bin zu den einzelnen Dozenten in die Sprechstunde gegangen und habe gesagt: "Hier bin ich. Ich bin blind. Ich muss auch die Klausur schreiben. Wie lösen wir das"? Das hat auch meistens problemlos geklappt. Zum Beispiel hat mir ein Hiwi in einer Klausur die Multiple-Choice-Fragen vorgelesen. Meistens durfte ich auch meinen eigenen PC, der auf meine Bedürfnisse zugeschnitten ist, benutzen. Negative Erfahrungen habe ich nur in VWL gemacht, dann habe ich dieses Fach schnell gesteckt.

Omnibus: Hättest du einen Tipp für andere Studis mit Handicap?

Michael: Einen Tipp habe ich nicht, denn ich habe mich durchgekämpft und fühle mich nicht dazu berechtigt, mich als Beispiel hinzustellen. Die Uni Heidelberg ist ja nicht besonders behindertenfreundlich, obwohl ich glaube, dass die Uni Heidelberg genügend Ressourcen hat, um behinderten Studis zu helfen. Aber so ein Bewusstsein ist noch nicht vorhanden. Das einzige, was man tun kann, ist pragmatisch und lösungsorientiert vorzugehen und zu fragen, ob Probleme vor Ort lösbar sind.

Omnibus: Welche Hilfsangebote hast du in Heidelberg vermisst?

Michael: Generell wäre ich gerne gefragt worden: Was kann man tun? Brauchen Sie etwas. Es sind verschiedene Dinge - kleine und große. Kleinigkeiten etwa, wie einen Mensaplan in Braille (Blindenschrift). Gibt es in Köln zum Beispiel. Heute kann man das über das Internet rauskriegen, aber als ich anfing, gab es das noch nicht. Dann hätte ich mir einen Raum mit Scanner und einem Computer mit Sprachausgabe an der Uni gewünscht, wo ich Freistunden besser hätte nutzen können. Mehr Hilfe in der Bibliothek wäre auch toll gewesen. Schön wäre es auch gewesen, wenn alle Studis über die Hilfsangebote für behinderte Studierende informiert gewesen wären, und dieses Wissen an die Betroffenen hätten weitergeben können. Ich finde, die Fachschaften könnten sich ruhig ein bisschen mehr um die Belange behinderter Studis kümmern. Ich bin hier ja gelandet, weil ich blauäugig war. Sonst wäre es sicherlich eine andere Uni geworden.

Omnibus: Was hat sich am Ende des Studiums für dich verändert?

Michael: Ich habe ja nun nicht mehr die gewöhnliche Seminarsituation. Viele Leute, mit denen ich viel zu tun hatte, haben in der Zwischenzeit Heidelberg verlassen. Deshalb war ich froh, dass mich beispielsweise der Scannservice vom Behindertenbeauftragten (Stefan Treiber und Handicap-Team) entlastet hat. Außerdem fand ich es hilfreich, dass ich mit euch vom Handicap-Team feste Ansprechpartner hatte, die mir auch mal spontan Literatur aus der Bibliothek besorgt haben. In diesem Zusammenhang habe ich sehr von der Sprechstunde donnerstags profitiert. Zu dieser Zeit konnte ich immer mal anrufen. Alleine das Gespräch hat manche Stresssituation etwas mildern können.
Ich hoffe, dass diese Art von Service in der Zukunft fortgeführt und wenn möglich ausgebaut wird.

Omnibus: Hattest du viel Kontakt mit anderen behinderten Kommilitonen? Oder anders gefragt: Falls ja, wie hast du sie kennen gelernt?

Michael: Blinde Studis habe ich nicht über die Uni kennen gelernt. Ein paar kannte ich noch aus meiner Schulzeit. Das lief über andere Kanäle, Internetforen, Messageboards oder sowas.

Omnibus: Hast du schon eine Idee, was du später beruflich anfangen könntest?

Michael: Ich habe noch keine Idee, das muss sich finden, da ich schließlich aus Interesse studiert habe. Vieles ist ja in meinem Leben und im Studium anders gelaufen, als ich gedacht habe, deshalb bin ich mit der Zukunftsplanung vorsichtig geworden. Aber ich möchte später bei meiner Arbeit mit Menschen zu tun haben, und in welcher Art auch immer kreativ tätig sein. Da bin ich auch flexibel.

Mit Michael sprachen Christiane Moser und Christoph Klinger

Der Kofferraum

Hier ist sie also, die erste Ausgabe von "OMNIBUS"! Wir hoffen, dass euch dieses etwas andere Rundschreiben gefallen hat. Über Beiträge, Anmerkungen und Ideen freuen wir uns, schickt sie an

Stefan Treiber, Stichwort "OMNIBUS"
Seminarstraße 2
69117 Heidelberg

omnibus@zuv.uni-heidelberg.de
Telefonisch sind wir donnerstags zu erreichen: (0 62 21) 54 24 25.

Sprechstunde des Handicap-Teams der Uni-Heidelberg: Donnerstag, 15 bis 16 Uhr in der Seminarstraße 2, Zimmer 286.

Schöne Semesterferien wünschen

Stefan Treiber, Margarita Toth, Christoph Klinger und Christiane Moser
E-Mail: Seitenbearbeiter
Letzte Änderung: 21.05.2014