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Die Reportage

Von Menschen und Mäusen

Unverzichtbar, aber maßvoll: Tierversuche in der medizinischen Forschung
Helles Licht leuchtet in den geöffneten Brustkorb. Der Chirurg operiert einen angeborenen Herzklappenfehler am narkotisierten Herzen. Bisher bestimmte die Krankheit Lenas Leben. Häufige Termine beim Kardiologen waren nötig. Aber der letzte kleine Schnitt des Chirurgen ist ein großer Schritt für Lena: Der Normalzustand ihres Herzens ist wiederhergestellt.

"Vor 30 bis 40 Jahren war Herzchirurgie noch ein Abenteuer", sagt Professor Rainer Nobiling, Tierschutzbeauftragter der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg. Damals konnten die Ärzte einen künstlich herbeigeführten reversiblen Herzstillstand (Kardioplegie) für etwa 20 Minuten aufrechterhalten. Heute werden über drei Stunden erreicht. Möglich wurde dies durch Tierversuche, auch an Hunden. Solche Herzen haben in etwa die gleiche Größe, Physiologie und Stoffwechsel wie das menschliche Gegenstück.

Herstellung von transgenen Mäusen
Herstellung von transgenen Mäusen
Montage : Yves Cully, ZMBH

Durch Tierexperimente in der klinischen und chirurgischen Forschung wurden und werden Verbesserungen der medizinischen Versorgung erreicht. Die Vorteile einer umfassenden Gesundheitsversorgung möchte niemand mehr missen. "Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker" – jeder kennt diesen Spruch. Um Nebenwirkungen von neuen Medikamenten, aber auch von Operationsverfahren gering zu halten, werden sie vor den Testreihen am Menschen zuerst an Tieren geprüft. "Natürlich gibt es kein Tiermodell, das zu 100 Prozent auf den Menschen übertragbar ist", erläutert Nobiling. "Es können aber viele Situationen so gut simuliert werden, dass über einen möglichen Einsatz am Patienten verantwortlich entschieden werden kann."

Ohne molekular- und zellbiologische Grundlagenforschung sind Fortschritte in der Medizin nicht denkbar. Tierversuche liefern hier das Verständnis für Krankheitsabläufe oder führen zu neuen Diagnoseverfahren. Alternative Methoden, zum Beispiel Versuche an Zellkulturen, haben schon viele Tierexperimente ersetzt. Trotzdem sind letztere weiterhin notwendig. Denn Zellkulturen haben weder Blutdruck noch ein Immunsystem – viele Zellkulturen mit speziellen Eigenschaften sind sogar das Ergebnis von Tierversuchen.

Bevor ein Wissenschaftler oder Mediziner ein Tierexperiment beantragen darf, muss er den Nachweis der praktischen und theoretischen Sach- und Fachkenntnis erbringen. Dazu ist er laut deutschem Tierschutzgesetz zur Teilnahme an einem Kurs über "Versuchstierkunde und tierexperimentelle Methoden" verpflichtet. Dieser Kurs findet mehrmals im Jahr am Institut für Versuchstierkunde der Universität Heidelberg statt. Über 120 Mediziner und Biologen aus Mannheim und Heidelberg können jährlich nach erfolgreicher Teilnahme eine Ausnahmegenehmigung für die Beteiligung an der Durchführung von Tierversuchen beantragen.

Eingehende Prüfung

Neun interne weisungsfreie Tierschutzbeauftragte sorgen in der Universität Heidelberg dafür, dass nur sinnvoll geplante Tierversuche am richtigen Tiermodell durchgeführt werden. Diese Anträge werden der Genehmigungsbehörde in Karlsruhe vorgelegt. Eine Tierschutzkommission aus Vertretern von Tierschutzorganisationen und Fachwissenschaftlern steht der Behörde beratend zur Seite. Erst nach eingehender Prüfung können die Anträge genehmigt werden. Die Tierschutzbeauftragten und das Veterinäramt Heidelberg überwachen dann vor Ort die Durchführung der Versuche.

1999 betrug die Anzahl von Tieren in Tierversuchen 1,59 Millionen. Die vom zuständigen Bundesministerium veröffentlichten Zahlen für Deutschland zeigen den positiven Trend, dass 8,2 Prozent weniger Tiere für gesetzlich erforderliche Prüfungen benötigt wurden. In der biologischen und medizinischen Forschung, die ja gestärkt werden soll, wurden 1999 im Vergleich zum Vorjahr 13,5 Prozent mehr Versuchstiere eingesetzt. Der Anstieg betraf im Wesentlichen Mäuse und Fische. Hier findet neben intensivierter Genforschung zur Erkennung von Krankheiten auch die Entwicklung von zulassungsfähigen Alternativmethoden ihren Niederschlag.

Viele stört es, wenn Tiere für medizinische Zwecke sterben müssen. Das Verständnis für Tierfreunde hört aber auf, wenn bei Demonstrationen undifferenziert und falsch informiert wird. So geschehen in Leimen, im April dieses Jahres. Da wurde von "blutigen Kitteln" gesprochen, die "direkt neben der Kantine hängen" sollen, von "folternden und kriminellen" Wissenschaftlern.

Statistisch gesehen stirbt für jeden Bundesbürger alle 50 Jahre ein Versuchstier. Doch sollten auch die Schäden an kranken Menschen und Tieren bedacht werden, die bei Unterlassung von medizinischer Forschung zunehmen würden. Ein Spitzenplatz in der Grundlagenforschung und der Patientenversorgung wäre dann nur durch Ärzte und Wissenschaftler zu halten, die Ihre Aus- und Fortbildung im Ausland erhalten.

Heidelberg als internationaler Forschungsstandort, die Universität als anerkannte Ausbildungsstätte und die Uni-Klinik als herausragendes Zentrum für gute Patientenversorgung wollen die in den letzten Jahrzehnten erarbeiteten Standards nicht nur halten, sondern möglichst weiter verbessern. Hierfür sind Tierversuche zwar unverzichtbar, doch werden sie auf das unbedingt notwendige Maß beschränkt.

G. Sposny magenta

 

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Updated: 13.12.2000