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Schmerz tut gut?!

Forum: Der Körper als Instrument zur Bewältigung psychischer Krisen
Auf einem interdisziplinären Forum der Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg wurde in Zusammenarbeit mit der Hamburger Körber-Stiftung der 3. Deutsche Studienpreis vorgestellt. Vier Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Fachrichtungen nahmen Stellung zum Thema Selbstverletzung und Schmerz.

Der Deutsche Studienpreis 2000/2001 ist ein Forschungswettbewerb, der von der Hamburger Körber-Stiftung ausgeschrieben wird und von deren Vertreterin Friederike Schneider näher erläutert wurde. Das aktuelle Thema lautet: "Bodycheck – wieviel Körper braucht der Mensch?". Er richtet sich an Studierende aller Fachrichtungen und Hochschulen, die im In- oder Ausland zwischen dem 1. und 12. Semester studieren. Zu gewinnen gibt es Preise im Wert von über 250.000 Euro. Einsendeschluss ist der 30. April 2001 (weitere Informationen: www.studienpreis.de).

Wie gesund ist die Love-Parade?

Seit vier Jahrzehnten mache es sich die Körber-Stiftung zur Aufgabe, zum Austausch unter den Ländern beizutragen sowie Bildung und Wissenschaft zu unterstützen. Interessante Projekte sollen dabei durch ausgeschriebene Forschungspreise gefördert werden. Ins Visier nehme die Stiftung, so Frau Schneider, insbesondere den wissenschaftlich engagierten Nachwuchs – junge Talente sollen dazu angespornt werden, unkonventionelle Ideen in Teamarbeit zu verwirklichen.

Zweiter Programmpunkt der von Prof. Franz Resch (Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie) moderierten Veranstaltung war der Beitrag "Wie gesund ist die Love-Parade? – Körperinszenierungen in heutigen Jugendkulturen". Die Referentin Dr. Sabine Andresen (Erziehungswissenschaftliches Institut) stellte die Arbeit von Studierenden vor, die in das Feld der Jugendkultur gegangen sind. In der heutigen Jugendkultur gibt es einen ausgeprägten Körperkult, zu dem Dr. Andresen verschiedene Überlegungen anstellte. So erinnerten die Verhaltensweisen der Jugendlichen an Initiationsriten und scheinen ein Mittel zu sein, um Identität und Differenzierung zu erfahren. Auch das Erleben einer reduzierten Körpererfahrung in der zivilisierten Welt könne eine Hinwendung zum Körperlichen bewirken.

Für manche Teilnehmer eine vielleicht ungewöhnliche Perspektive zum Titel des Forums "Schmerz tut gut" erhellte der Rechtsmediziner Prof. Ingo Pedal (Institut für Rechtsmedizin). Pedal legte die Unterschiede zwischen scharfer Gewalt durch eigene und durch fremde Hand dar, was er anhand von Dias verdeutlichte. Verletzungsbilder durch fremde Hand seien von denen durch eigene Hand weitgehend zu differenzieren. Die Bilder von Selbstverletzungen zum Versicherungsbetrug oder zur Vortäuschung eines Überfalls, die eher oberflächliche Verletzungen darstellen, unterscheiden sich demnach von oft schweren Verletzungsbildern psychisch Kranker. Häufige Motive für fingierte Tatbestände seien z.B. ein Verlangen nach Zuwendung und Beachtung, Partnerschaftskonflikte oder die Abwehr von Strafe nach Fehlverhalten. Um die Motive besser klären und einen sensibleren Umgang mit den betroffenen Menschen gewährleisten zu können, regte Prof. Pedal die Zusammenarbeit zwischen Psychiatrie und Rechtsmedizin an.

Prof. Franz Resch berichtete in seinem Vortrag "Hilft Selbstverletzung gegen 'Blues und Horror'? Eine psychotherapeutische Perspektive" vom Thema Selbstverletzung als etwas, das die selbstverständliche Aufrechterhaltung der eigenen Unversehrtheit in Frage stellt. Während Selbstverletzung herkömmlich eher im Zusammenhang mit Stereotypien geistig Behinderter psychiatrisch beschrieben wurde, ist das Phänomen der repetitiven Automutilation heute ein nicht selten auftretendes Symptom bei den unterschiedlichsten psychiatrischen Erkrankungsbildern. Deutlich mehr Mädchen als Jungen beginnen oft schon vor dem 12. Lebensjahr mit Selbstverletzungen. Am Beginn stehen nicht selten Gefühle wie Kränkung, Wut, Verzweiflung, Angst, Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit, die in Entfremdungszustände übergehen können, in denen sich der Mensch selbst nicht mehr richtig spüren kann.

Das Schmerzerleben durch eine Selbstverletzung wie z.B. das Schneiden in den Unterarm ("Ritzen") setzt erst ein, wenn das Blut fließt, führt zum kurzfristigen Erleben von "Ich spüre mich, ich weiß wer ich bin, ich kenne mich", welches aber nur kurz anhält, bis der Kreislauf von neuem beginnt. Die biographische Anamnese lässt erkennen, dass häufig ein kumulatives Trauma der Selbstverletzung zu Grunde liegt, das aus vielen Risikofaktoren entstehen kann. Risikofaktoren können Vernachlässigung oder chronische Krankheiten sein, häufig aber auch Misshandlung oder Missbrauch von Kindern. Selbstverletzung dient der Selbstfürsorge in dem Sinne, dass sie gegen depressive Gefühle und psychotische Entgleisungen wirken, Identität stiften, emotionale Anspannung und den Selbstwert regulieren kann. Neben der Funktion des sekundären Krankheitsgewinns stellt sie aber einen präverbalen Appell dar, dem zu begegnen in der therapeutischen Arbeit nicht leicht ist.

Gedächtnisspuren des Schmerzes

Den Abendvortrag mit dem Titel "Gedächtnisspuren des Schmerzes – Neurobiologische Konzepte zur Vermeidung und Behandlung von Schmerz" hielt schließlich Prof. Jürgen Sandkühler (Institut für Physiologie und Pathophysiologie). Er machte deutlich, dass der Schmerz mehrere Dimensionen hat und das Schmerzerleben sehr individuell sein kann. Nach einer Einführung in die Funktionsweisen der Schmerzinformationsverarbeitung wurde das Konzept der körpereigenen Schmerzabwehr erklärt, von der das subjektive Schmerzerleben in großem Maße abhänge und welche abhängig von psychischen Faktoren moduliert werde. Da Schmerzinformationen gespeichert werden und zu chronischem Schmerz führen können, ist es umso wichtiger, postoperativen Schmerzen präventiv zu begegnen. Wenn der Schmerz schon chronisch ist, gibt es die Möglichkeit mit Gegenirritationsverfahren zu therapieren. Zum Abschluss betonte Prof. Sandkühler, dass es auch bei dem enormen Erkenntnisgewinn durch neurobiologische Forschung weiterhin unverzichtbar wäre, ein ärztliches Gespräch zu führen und auf die Individualität des einzelnen Menschen und seines Schmerzempfindens einzugehen, womit das interdisziplinäre Forum unter allgemeinem Beifall beschlossen wurde.

A. Parsanejad magenta

 

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Updated: 12.12.2000