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"Impulsiv und selbstbewusst, rational und entscheidungsfreudig"

Leben in sozialer Verantwortung: Eine Ausstellung über Marie Baum
Die Sichtung und Katalogisierung des Nachlasses von Marie Baum, den die Heidelberger Universitätsbibliothek beherbergt, gaben Anlass für eine Ausstellung, die gerade im Universitätsmuseum zu sehen ist. "Ein Leben in sozialer Verantwortung" lautet ihr Titel und ist zugleich das Resümee einer bewegten Biographie, die in besonderem Maße mit der Stadt Heidelberg und ihrer Universität verknüpft war.

1874 in Danzig geboren, zeichnete sich schon früh ab, dass Marie Baum nicht den üblichen Weg gehen würde. Da sie zu dieser Zeit als Frau in ihrer Heimat weder Abitur ablegen noch studieren durfte, siedelte sie 1893 nach Zürich über und kehrte erst sechs Jahre später nach Deutschland zurück – promoviert im Fach Chemie. Eine erste Anstellung als Chemikerin in der Patentabteilung bei AGFA in Berlin behagte ihr allerdings nicht. Und so widmete sie sich schließlich dem sozialen Beruf, von ihr als lebenslange Berufung empfunden.

Marie Baum, Porträt von Hanna Nagel
Marie Baum-Porträt der Künstlerin Hanna Nagel
Abbildung : Katalog

Marie Baum war eine vielseitige Persönlichkeit. Sie arbeitete als Wissenschaftlerin und Universitätsdozentin, betätigte sich als Schriftstellerin, wirkte vor allem als Sozialbeamtin und Politikerin (u.a. Abgeordnete des Reichstags 1919-21). Ihr sozialpolitisches Engagement galt in erster Linie den Frauen, der Kinder- und Jugendfürsorge sowie der Familie. Eine Biographin bezeichnet sie als "impulsiv und selbstbewusst, gefühlvoll und depressiv, rational und entscheidungsfreudig" (H.-M. Lauterer). Marie Baum war klein und neigte zur Körperfülle, weswegen sie von Freundinnen auch "Bäumchen" genannt wurde.

Während die agile Frauenrechtlerin in ihrer ersten Lebenshälfte oft die Stationen wechselte (Berlin, Zürich, Karlsruhe, Düsseldorf, Hamburg u.a.), fand sie schließlich am Neckar ihre zweite Heimat. Seit 1928 bis zu ihrem Tod im Jahr 1964 – also fast vierzig Jahre – lebte sie in Heidelberg: am Friesenberg 1, direkt unterhalb der Schlossruine. Kennen gelernt hatte sie die Stadt schon 1907, als sie für ein paar Monate als Gasthörerin Vorlesungen der Universität besuchte. Erste Kontakte zum intellektuellen Heidelberg konnte sie da schon knüpfen, etwa zum Ehepaar Marianne und Max Weber oder zu den Radbruchs. Später wurden daraus wichtige Freundschaften, was die Ausstellung anhand von Briefen dokumentiert.

In die zweite Heidelberger Zeit fällt ihre Tätigkeit am Institut für Sozialwissenschaften, wo sie als einzige Frau unterrichtete. Zu sehen in der Ausstellung ist beispielsweise ein Schreiben des Dekans der Philosophischen Fakultät an das Ministerium vom 23. Mai 1927, in dem dieser um die Erteilung eines Lehrauftrags für Wohlfahrtspflege an Marie Baum bittet. Zu sehen ist freilich auch die Verfügung des Kultusministers vom 28. Juli 1933, in dem jener ihr den Lehrauftrag wieder entzieht. Wie viele andere Universitätslehrer wurde auch Marie Baum ein Opfer der nationalsozialistischen "Gleichschaltungsmaßnahmen" auf Grund "nicht-arischer" Herkunft – zu ihren Vorfahren zählt kein Geringerer als der Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Ihres öffentlichen Wirkungsfeldes beraubt, verlegte Baum ihre Aktivitäten nun in den nicht-öffentlichen Bereich. Zusammen mit Hermann Maas, Pfarrer an der Heiliggeistkirche, verhalf sie ab 1938 Hunderten von jüdischen Mitbürgern zur Ausreise, indem sie die nötigen Devisen und Bürgschaften besorgte. Auf Bitten von Freunden schrieb sie in dieser dunklen Zeit auch an ihrer Autobiographie. Nach dem Krieg konnte Baum ihre Tätigkeit an der Universität wieder aufnehmen und prägte durch viele Aktivitäten nun wieder öffentlich das Leben dieser Stadt. Sei es durch die Wieder- bzw. Neugründung der Schule Elisabeth von Thaddens in Wieblingen, sei es durch die Studentenvereinigung Friesenberg e.V., die sie ins Leben rief. Ehrungen im hohen Alter waren der Lohn für ihr "Leben in sozialer Verantwortung". Zu ihrem 75. Geburtstag zeichnete sie die Universität mit der Würde eines "Ehrenbürgers" aus (1949), zu ihrem 80. Geburtstag verlieh man ihr das Bundesverdienstkreuz (1954).

Doch die Biographie Marie Baums wäre unvollständig ohne die Erwähnung Ricarda Huchs, mit der sie zwischen 1932 und 1934 am Friesenberg zusammen wohnte. Die Freundschaft zu der bekannten Schriftstellerin und Kulturhis-torikerin, die noch aus der Züricher Zeit resultierte, bezeichnete Baum als das größte Glück ihres Lebens. In diesem Zusammenhang kann die Ausstellung einige kostbare Dokumente präsentieren, so beispielsweise zwei bislang unbekannte Gedichte Ricarda Huchs für Marie Baum, die man jetzt erst – bei Sichtung des Nachlasses – fand. Vielleicht noch bedeutender aber das handschriftliche Manuskript von Ricarda Huchs Werk "Römisches Reich Deutscher Nation", das erst kürzlich durch Petra Schaffrodt, die diese Ausstellung konzipiert hat, entdeckt worden ist (vgl. Unispiegel 1/2000, S. 3).

Die Ausstellung ist noch bis zum 20. Januar 2001 im Universitätsmuseum (Grabengasse 1) zu sehen. Öffnungszeiten: Di.-Fr. 10-16 Uhr (außer an Feiertagen). Busverbindung: Linien 12, 41, 42 – Haltestelle: Universitätsplatz. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

Oliver Fink magenta

 

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Updated: 13.12.2000