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Durchaus spannungsvoll

Leben und Werk des Alttestamentlers Gerhard von Rad
Im Herbst diesen Jahres wäre der international renommierte Theologe Gerhard von Rad 100 Jahre alt geworden – Anlass genug, an Leben und Werk des bedeutenden Heidelberger Alttestamentlers zu erinnern.
Georg von Rad
Gerhard von Rad (1901-71)
Foto : Archiv

"Das Leben und der Werdegang eines deutschen Hochschullehrers verläuft normalerweise still und ohne äußere Sensationen. Die Spannungen, unter denen es wie jedes Leben steht, sind verborgener.", so Gerhard von Rad 1966 in einem Essay "über sich selbst". Und doch mutet seine durch die Kriegszeit geprägte Vita zumindest den "Nachgeborenen" durchaus spannungsvoll an. Aufgewachsen in Nürnberg, studierte er von 1921-25 in Erlangen und Tübingen Theologie – seinen ursprünglichen Berufswunsch, die Medizin, hatte ihm sein Vater mit Verweis auf die hohen Anforderungen dieses Metiers abgeschlagen. Dass Theologie eine gute Wahl war, es aber entgegen der herkömmlichen Meinung hier auch galt, sich schweren Herausforderungen zu stellen, zeigte sich in der Folgezeit.

Noch während des (Pfarr-)Vikariats schrieb von Rad seine Dissertation über "Das Gottesvolk im Deuteronomium", legte 1928 sowohl das 2. theologische Examen als auch die Doktorprüfung ab und habilitierte sich zwei Jahre später bei dem von ihm hoch geschätzten Albrecht Alt in Leipzig über "Das Geschichtsbild des chronistischen Geschichtswerks". Nach vierjähriger Assistenzzeit wurde von Rad 1934 als Ordinarius nach Jena berufen. Immer heftiger sah er sich dort mit den "Deutschen Christen" und ähnlichen, damals auch in Kirchenkreisen weit verbreiteten antisemitischen Strömungen konfrontiert. Gegen deren (u.a. christologische) Vereinnahmung gerade des Alten Testaments wehrte er sich. Im Rahmen der Widerstandsbewegung "Bekennende Kirche" und darüber hinaus hielt der junge Theologe mutige Vorträge, veröffentlichte kritische Aufsätze, predigte im illegalen Kirchensaal der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft in Jena und bestärkte seine Studenten in der Opposition gegen das Naziregime. Trotz Herzleidens wurde er noch im Spätsommer 1944 eingezogen und zum LKW-Fahrer ausgebildet. Frau und Tochter mussten aus dem zerbombten Jena nach Süddeutschland evakuiert werden. Die schlimme Zeit in amerikanischer Kriegsgefangenschaft, in die von Rad April 1945 für ein Vierteljahr geriet, ist ihm als "Dimension wirklicher Gottverlassenheit" noch Jahre später in nur allzu lebendiger Erinnerung geblieben.

Göttingen war der Ort des Neubeginns Ende 1945, der Ruf nach Heidelberg folgte 1949. Hier fand Gerhard von Rad die ihm zusagende Lebens- und Lehratmosphäre. Neben dem unter seinen zahlreichen Schriften wohl meistgelesenen Kommentar zum ersten Buch Mose (1949-53) in der Reihe "Das Alte Testament deutsch" (ATD) entstand in der Neckarstadt sein eigentliches Hauptwerk, die heilsgeschichtlich aufgebaute zweibändige "Theologie des Alten Testaments" (1957-1960). Im Alter widmete er sich der "Weisheit in Israel" (erschienen 1970). Drei zentrale Gedanken durchziehen sein Oeuvre: Das "kritische Nacherzählen" der biblischen Texte als Arbeit des Exegeten, der sich dabei trauen muss, "das eine Ohr dicht auf den Text zu legen und das andere auch einmal zuzuhalten". Außerdem das Herausschälen der Überlieferungsgeschichte, die aufzeigt, wie kleine, im Alten Testament eingebettete Bekenntnisabschnitte im Verlauf der Geschichte Israels zu Großkompositionen entfaltet wurden. Schließlich die innerbiblische Traditionsgeschichte: Immer neue Heilssetzungen Gottes erhellen die vorherigen und drängen zu Fortschreibungen.

Gerhard von Rad hat die Begeisterung für das Alte Testament in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit entfacht, seine Hörsäle in Göttingen und Heidelberg waren "Wallfahrtsorte", seine Lehre wurde disziplinenübergreifend rezipiert. Trotz vieler Ehrungen, die ihm zuteil wurden (u.a. Mitglied des "Ordre pour le mérite"), entwickelte von Rad keinen Standesdünkel und fühlte sich zugleich bei den "Derbheiten des fränkischen Humors zu Hause". Nicht selten sah man ihn mit dem Pfeifchen, das bis heute so manchen Alttestamentler begleitet, über Büchern sinnen – auch über Werken von Goethe, Rilke oder Hölderlin, die der künstlerisch Interessierte häufig zu Rate zog. Er liebte Musik, spielte selbst Geige und schätzte Mozart. Freundschaften pflegte er u.a. zu Ricarda Huch und Gustav Heinemann. – "Unser Leben währet siebzig Jahre" – dieser Vers des von Gerhard von Rad oft gelesenen, aber nicht geliebten 90. Psalms traf doch genau auf ihn zu: er starb in diesem Alter am Reformationstag 1971.

An der Theologischen Fakultät findet im aktuellen Sommersemester unter Leitung von Prof. Dr. Manfred Oeming ein Seminar zu "Gerhard von Rad: Leben, Werk, Wirkung" statt – mit einem hochkarätig, interdisziplinär und international besetzten Symposium vom 18.-21. Oktober 2001 soll seines 100. Geburtstags gedacht werden. Öffentliche Vorträge, Podiumsdiskussionen und Kolloquien kreisen um das Thema: "Das Alte Testament und die Kultur der Moderne". Am eigentlichen Geburtstag von Rads, 21. Oktober 2001, ist – wie natürlich jeden Sonntag – Universitätsgottesdienst in der Peterskirche, in dem der Jubilar übrigens selbst oft gepredigt hat. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, an den vielseitigen Veranstaltungen teilzunehmen. Ausführliche Informationen auf der Homepage: http://theologie.uni-hd.de/at/atundmoderne.html

Uta Schwabe endpunkt

 

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Updated: 02.07.2001