Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Startseite der Universität
Presse-Kontakt, WWW-Team Volltext-Suche, E-Mail-Suche, Datenbank-Suche Alle Seiten im Überblick English

Startseite > Presse > Publikationen > unispiegel > Juli-September 3/2001 >

Keine neuen Ufa-Filme über Luther

Karl Heinz Bohrer hält eine Antrittsvorlesung und beklagt darin die "Erinnerungslosigkeit"
Würdigungen nimmt der mittlerweile 101-jährige Hans-Georg Gadamer gelassen hin. Diesmal wurde er Zeuge der Inauguration einer nach ihm benannten neuen Gast-Professur – jeweils im Sommersemester soll alljährlich dies Amt an einen "herausragenden Vertreter der Geisteswissenschaften" vergeben werden (siehe Unispiegel 2/2001). Eine Art Poetik-Dozentur für Philosophen. Den Anfang machte dieses Jahr Karl Heinz Bohrer.

Der streitbare "Merkur"-Herausgeber, einst in Heidelberg bei Arthur Henkel mit einer Arbeit zur "Geschichtsphilosophie der Frühromantik" promoviert, schien dem Ruf an diese "irgendwie immer noch spirituelle Universität" (Bohrer) gerne gefolgt zu sein. Für persönliche Erinnerungen war aber naturgemäß kein Raum, auf dem Programm stand vielmehr die "Erinnerungslosigkeit. Ein Defizit des gesellschaftskritischen Bewusstseins", meint der Referent.

Wie ist das zu verstehen? Erleben wir zurzeit nicht eine Konjunktur von Geschichte und Gedächtnis? Bohrer: Ja, aber lediglich in einem "historischen Nahverhältnis", über dem die "Fernerinnerung", ein eigentliches Geschichtsbewusstsein verloren gegangen sei. Seine Ausführungen gerieten streckenweise zu einer polemischen Abrechnung mit jener in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit so erfolgreich durchgesetzten, laut Bohrer noch immer dominanten und wohl in naher Zukunft nicht revidierbaren Ausblendung nationaler Identität.

Auf der Anklagebank in erster Linie: die hermeneutikkritische Philosophie (z.B. Habermas) und die sozialwissenschaftlich sich begreifende Historik mit ihrer geschichtspädagogischen Ambition (z.B. Wehler). Symptome der von ihnen verschuldeten Amnesie sieht Bohrer u.a. in der Funktionalisierung und Reduktion deutscher Geschichte zu einer Vorgeschichte des Nationalsozialismus, prinzipiell in der Disqualifizierung der Begriffe "deutsch" und "Nation" oder einfach im Entrückt-Sein ganzer Jahrhunderte. Begründet liege die Erinnerungslosigkeit freilich im Erinnern selbst, und zwar im Erinnerung an den Holocaust. Natürlich kommt auch Bohrer um diese nicht herum (ein Narr, wer Böses dabei denkt), doch wittert er in der einseitigen Fokussierung einen Widerspruch zur Sühne-Symbolik des Holocaust-Diskurses: Lediglich eine neurotisch wirre Zone entstehe, aber kein eigentlicher Gedächtnisraum, wenn man die zeitlich zurückliegenden Erinnerungsquellen ausschalte. Und kann der Holocaust dann noch in ein nationales Selbstverständnis integriert werden?

Kinematographische Metapher
Kinematographische Metapher für das Gedächtnis: Von der Kamera (rechts) bis zum Filmarchiv (links) – aus dem Jahre 1929

Zu klug ist Bohrer, um in bloßen Revisionismus zu verfallen: "Wäre das – wie man gerne sagt – erste politische System auf deutschem Boden, das wirklich gelungen ist, nicht die Erinnerungslosigkeit wert"? Gar eine Bedingung? In diesen offen gelassenen Fragen offenbart sich nicht zuletzt der melancholische Gestus von Bohrers Rede. Wäre eine deutsche Geschichte jenseits moralischer Interessen nicht doch eine Quelle lebendiger Identifikation?

Nein, neue Ufa-Filme über Heinrich IV. vor Canossa oder Luther vor dem Reichstag werden wir so schnell nicht fordern. Wer aber andererseits die Rituale der Trauer lautstark einklage, der müsse erkennen, dass dazu die Erinnerung der langen Zeit notwendig sei. Hoffnungen bekundet Bohrer schon, konkrete Erwartungen eigentlich keine – allenfalls ironisch: "Aber vielleicht kommt ja der universelle Eintritt einer auf ewig gestellten Gegenwart zu Hilfe, wenn es überall keine Zukunft und keine Vergangenheit mehr gibt. Dann hätte sich nämlich das bundesrepublikanische Kurzzeitgedächtnis als letzte Avantgarde herausgestellt." Hoffentlich nicht.

Oliver Fink endpunkt

 

Zurück

Top

Universität | Fakultäten | Einrichtungen | Studium | Forschung und Kooperation
Stellenmarkt | Termine | Intern | Presse | Alumni/Fördervereine | Projekt IMPULSE
Neues im Netz | Kontakt | Suche | Überblick | English


Page maintained by Pressestelle der Universität Heidelberg,
presse@rektorat.uni-heidelberg.de.
Copyright © Pressestelle der Universität Heidelberg.
Updated: 02.07.2001