Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Startseite der Universität
Presse-Kontakt, WWW-Team Volltext-Suche, E-Mail-Suche, Datenbank-Suche Alle Seiten im Überblick English

Startseite > Presse > Publikationen > unispiegel > Juni-September 3/2000 >

"Es war ein Kindheitstraum für mich, Astronaut zu werden"

 
Heidelberger Alumnus flog in den Weltraum
Dr. Gerhard Thiele studierte von 1978 bis 1982 Physik an der Universität Heidelberg und promovierte 1985 am Institut für Umweltphysik. 1988 begann Thiele seine Astronautenausbildung beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Im Februar 2000 absolvierte er seine erste Raummission.
Thiele beim Interview
Gerhard Thiele (rechts) im Gespräch mit Campus-TV-Reporter Joachim Kaiser.
Foto : Heisel

Herr Thiele, Sie haben in Heidelberg Physik studiert und Ihre Doktorarbeit am Institut für Umweltphysik abgelegt. War das etwas, das Sie für diesen Flug prädestiniert hat?

Thiele: Die Beschäftigung mit der Umweltphysik, und dass ich später mit geophysikalischen Fragestellungen nach Princeton gegangen bin, war sicherlich kein Hindernis auf dem Weg zu diesem Flug. Das mag mit ein Grund gewesen sein, warum mich die NASA gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, als dessen Vertreter ich damals zur NASA gekommen bin, für die Mission mit vorgesehen hat.

Können Sie kurz Ihre Aufgaben beschreiben, die Ihren wissenschaftlichen Tätigkeitsbereich betreffen?

Thiele: Das Ziel der Mission war, eine dreidimensionale, digitale Karte der Erde mit Hilfe eines Radargerätes zu erstellen. Unsere Aufgabe war es, dieses Radar-Interferometer in der Umlaufbahn zu installieren, einen 60 Meter langen Mast auszufahren und die beiden Radarantennen aufeinander auszurichten und dann den Betrieb des Radars zu überwachen. Und sicherzustellen, dass das Radar eingeschaltet war und sendete, wenn wir über Landmassen geflogen sind, dass die Kalibrierungsdaten ordnungsgemäß aufgezeichnet worden sind und dass die Antennen während der gesamten Mission auf den gleichen Punkt der Erde ausgerichtet blieben.

Was hat Sie bewogen, den wissenschaftlichen Arbeitsplatz auf der Erde gegen ein Labor in der Erdumlaufbahn zu tauschen?

Thiele: Ich habe mich, seit ich mich zurückerinnern kann, für Raumfahrt, den Weltraum und das Universum interessiert. Es war ein Kindheitstraum für mich, ein Astronaut zu werden. Als sich die Möglichkeit realisierte, war es nur folgerichtig, dass ich mich darum beworben habe, obwohl man das als 12-Jähriger 1965 nicht absehen konnte. Ich würde sagen, es war ein Kindheitstraum, den ich mir damit erfüllt habe.

Hat das umgekehrt Ihr Interesse für Physik beeinflusst?

Thiele: So herum ist es sicherlich richtig gewesen. Dem Weltraum am nächsten konnte ich dadurch kommen, dass ich Astronomie studieren wollte. Und Astronomie setzt Physik im Grundstudium voraus. So bin ich zur Physik gekommen.

Bilden die Daten, die auf dem Flug gewonnen wurden, im engeren Sinne wissenschaftliche Grundlagen?

Thiele: Geophysiker wollen immer sehr genau wissen, wie die Gestalt unserer Erde aussieht. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Ober-pfaffenhofen wie auch die ESA stellen die wissenschaftliche Nutzung des Weltraums in den Vordergrund ihrer Aktivitäten. Deswegen war es auch eine Mission mit diesem Ziel. Darüber hinaus gibt es außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinde Nutzer – Städteplaner und jeder, der Infrastrukturmaßnahmen plant. Jeder, der eine Karte braucht, wird von unseren Daten profitieren.

Was ist der Grund für die gewaltigen Investitionen in die bemannte Raumfahrt? Überwiegt das Interesse menschlicher Natur oder lassen sich die Investitionen anhand von wissenschaftlichen Ergebnissen untermauern?

Space Shuttle
An einem 60m langen Ausleger sind zusätzliche Antennen angebracht, während sich die anderen Antennenflächen in der Ladebucht des Space Shuttle befinden. Mit diesen Antennenpaaren sind 3D-Aufnahmen der Erdoberfläche möglich.
Bild : Dornier Satellitensysteme GmbH

Thiele: Man kann sich darüber streiten, ob die Investition in die Raumfahrt wirklich so gewaltig ist, wie es immer dargestellt wird. Ich habe einen befreundeten Wissenschaftler gefragt: "Wie viel Geld würdest Du uns geben, wenn Du frei verfügen könntest?" Und er hätte mir glatt das Achtfache von dem gegeben, was wir tatsächlich bekommen. Einfach weil Unkenntnis darüber herrscht, wie viel wir in der Raumfahrt tatsächlich ausgeben. Da schwirren sehr unterschiedliche Vorstellungen in einzelnen Köpfen herum. Selbst bei denen, die eigentlich damit vertraut sind.
Ich bin davon überzeugt, dass Investition in die Raumfahrt eine Zukunftsinvestition ist. Ich bin auch davon überzeugt, dass für ein Land gerade wie Deutschland mit seinem geschichtlichen und kulturellen Hintergrund die Anforderung eigentlich unziemlich ist, dass sich jede Aufwendung unmittelbar in Mark und Pfennig rechnen muss. Ich glaube, dass der Mensch etwas braucht, was er sich leistet und einfach zum Menschsein dazu gehört, obwohl es nicht Teil des Grundbedarfs ist. In gleicher Weise trifft es auch auf eine Gesellschaft zu. Darunter fällt letztendlich jede Art der Forschung.
Für die Anwendungen hier unten auf der Erde, für unsere Lebensqualität ist die Kenntnis der genauen Struktur des Universums wahrscheinlich nicht von sehr unmittelbarer Bedeutung. Trotzdem bezahlen wir – Gott sei Dank – hochintelligente Forscher, die sich genau dieser Frage widmen. Einfach weil wir wissen wollen, wie denn die Welt um uns herum beschaffen ist. Wir Menschen wären nicht die, die wir sind, wenn wir nicht unsere Neugierde und unser Interesse auf Neues bewahrt hätten und wenn es nicht immer Menschen gäbe, die Fragen stellen und Antworten suchen – und Raumfahrt ist einer von vielen möglichen Wegen.

Waren Sie versucht, den Blick auf einen bestimmten Punkt der Erde zu richten, vielleicht sogar auf Heidelberg?

Thiele: Oh ja. Ich hatte mir eine Liste von 50 Plätzen gemacht, die ich ansehen wollte. Dass es dann nicht dazu kam, hing einfach mit meiner Unerfahrenheit zusammen. Dazu waren die Aufgaben an Bord einfach viel zu wichtig und anstrengend, so dass ich über Plätze hinweggeflogen bin und dachte, oh, das war vor 20 Minuten, da hast du nicht aufgepasst. Ich habe versucht, Deutschland zu sehen. Aber Deutschland war immer unter einer Wolkendecke verborgen, wenn wir darüber geflogen sind, so dass ich erst am allerletzten Tag einen Zipfel von Bayern und von der Ostsee zu sehen bekam. Der ganze Rest im Westen lag unter einer geschlossenen Wolkendecke.

Das Interview führte Andreas Heisel. punkt

 

Zurück

Top

Universität | Fakultäten | Einrichtungen | Studium | Forschung und Kooperation
Stellenmarkt | Termine | Intern | Presse | Alumni/Fördervereine | Projekt IMPULSE
Neues im Netz | Kontakt | Suche | Überblick | English


Page maintained by Pressestelle der Universität Heidelberg,
presse@rektorat.uni-heidelberg.de.
Copyright © Pressestelle der Universität Heidelberg.
Updated: 12.07.2000