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Die Messias-Rolle


Sebastian Emling  
Foto: privat

Sebastian Emling über Barack Obama und den Wahlkampf in den USA

Barack Obama heißt der neue Präsident der USA – erfolgreich hervorgegangen aus einem langen Wahlkampf mit dem Präsidentschaftskandidaten der Republikaner John McCain. ­Sebastian Emling, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Religionswissenschaft, rollt die Sache nun noch einmal auf. Die Fragestellung seiner Dissertation lautet, ob und wie die beiden Kandidaten dem Präsidentenamt in ihren Reden, Interviews oder auch in den „presidental debates“ eine religiöse Dimension verliehen haben. In Verbindung gebracht werden sollen entsprechende Aussagen etwa mit soziologischen Konzepten wie dem von der „American Civil Religion“.



Herr Emling, am Tag der Inauguration von Barack Obama am 20. Januar haben Sie im Heidelberger DAI einen Vortrag mit der Titelfrage „Obama – Messias oder Oberpriester?“ gehalten. Wie lautet ihre Antwort?

Emling: Ich habe dort in erster Linie vor interessierten Laien gesprochen. Dementsprechend galt es, den Zuhörern schon durch einen provokanten Vortragstitel zu suggerieren, dass ich nicht nur informieren, sondern auch unterhalten wolle. Aus der Perspektive meiner religionswissenschaftlichen Forschung kann ich die Frage demnach nur für bestimmte gesellschaftliche Diskurse in den USA beantworten. Es geht in meiner Arbeit nicht darum, eine essentialistische Wesensschau des neuen Präsidenten Barack Obama anzustellen, sondern diskursspezifische Charakterisierungen Obamas aufzuzeigen. Soweit ich dies bisher überblicken kann, wird vor allem in medialen Diskursen ganz eindeutig eine Analogie zwischen dem 44. amerikanischen Präsidenten und der jüdisch-christlichen Erlösergestalt Jesus Christus hergestellt, sodass Obama dort tatsächlich als eine Art „Polit-Messias“ dargestellt wird.

Das aber doch sicher nur von denen, die ihm wohlgesonnen sind, Hoffnungen in Barack Obama setzen. Wie aber sieht die Kritik an dieser Messias-Rolle aus?

Emling: Die beiden Kontrahenten ­Obamas um das Amt des Präsidenten der USA – Hillary Clinton und John McCain – lieferten während des Vor- und des eigentlichen Präsidentschaftswahlkampfes eine sehr pointierte Kritik dieser vermeintlichen „Messias-Rolle“. Mit ihrer „Just Words“-Kampagne kritisierte Clinton Obamas Anspruch, die verschiedenen politischen, sozialen und religiösen Lager innerhalb der USA zu versöhnen, ebenso wie McCain mit seiner „Country First“-Parole. Beide beklagten, dass Obama sich selbst inszeniere und durch berauschende Rhetorik von den fehlenden harten Fakten seiner Kampagne abzulenken versuche. Warfen ihm McCains Unterstützer mangelnde Erfahrung sowie fehlenden Patriotismus vor, so wurde Clinton nicht müde zu erwähnen: „Speeches don’t put food on the table!“ Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die in einigen Diskursen unternommene Stilisierung Barack Obamas zu einem „Polit-Messias“ natürlich eine breite Angriffsfläche bot und weiterhin bietet. Gleichzeitig muss betont werden, dass diese Rolle eine externe Zuschreibung – von Unterstützern und Kritikern – darstellt. Von einem selbsterklärten Messias namens Barack Obama kann keine Rede sein.

Noch ein Wort zu John McCain. Wie sehr war bei ihm im Wahlkampf das Religiöse ausgeprägt? Und hatte das möglicherweise Auswirkungen auf den Ausgang der Wahl?

Emling: John McCains Versuch einer Mobilisierung der größtenteils konservativen religiösen Wählergruppen durch die Nominierung Sarah Palins als Vize­präsidentschaftskandidatin hatte vermutlich negative Auswirkungen auf das Wahlergebnis. Mir geht es in meinem Forschungsvorhaben allerdings um das Zivilreligiöse der Kandidaten, das nicht zwingend etwas mit ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten religiösen Tradi­tion zu tun hat. Wenn einzelne Akteure glauben, die USA stelle die einzig richtige und gute Nation dar und sie damit mit einem transzendenten Legitimationsanspruch ausstatten, so bezeichne ich eine solche Einstellung in meiner Arbeit als „zivilreligiöse Disposition“. Darüber, ob McCains Rhetorik während des Wahlkampfes erkennbar „zivil­religiöser“ war als diejenige ­Obamas, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt zwar noch keine definitive Aussage treffen, wage dies aber zu bezweifeln. Es sieht so aus, als sei es Obama während des Wahlkampfes gelungen, einen unverhandelbaren Glauben an die USA als gute und richtige Nation in seinen Reden überzeugend zu artikulieren und ­damit den Wählern eine neue, attraktive Vision Amerikas zu liefern. Mit Erfolg, wie das Ergebnis zeigt.

Interview: Oliver Fink

 

Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 11.03.2009
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