Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Startseite der Universität
Presse-Kontakt, WWW-Team Volltext-Suche, E-Mail-Suche, Datenbank-Suche Alle Seiten im Überblick English

Startseite > Presse > Publikationen > unispiegel

Stifter und Sponsoren

Einem Malaria-Impfstoff auf der Spur?

Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Bujard machte mit Kollegen das ZMBH zur Modell-Institution – "Genschalter" weltweiter Erfolg
Die "Unispiegel"-Serie "Stifter & Sponsoren" widmet sich jenen Privatleuten, die die Ruperto Carola nicht nur ideell, sondern auch materiell unterstützen. Nach Viktor Dulger, Manfred Lautenschläger, Curt Engelhorn, Friedrich Reutner, dem Ehepaar Heinz und Chica Schaller, Carl Heinrich Esser, Klaus Tschira sowie Hans-Peter Wild lesen Sie heute ein Porträt über Hermann Bujard.
Professor Hermann Bujard

Tanzt auf vielen Hochzeiten: Professor Hermann Bujard. Foto : privat

"Forscher insbesondere an der Universität müssen die Freiheit haben, Projekte zu verfolgen, die nicht mainstream, das heißt Zeitgeist konform sind." Entschieden wendet sich der Heidelberger Molekularbiologe Professor Hermann Bujard gegen immer engere thematische Vorgaben für Forschungsmittel. Es gefährde den Erfolg von Forschung, "wenn Programme immer detaillierter vorgeben, worüber und in welcher Form geforscht werden soll". Netzwerke, Cluster, Kompetenzzentren, Plattformen – all dies seien Schlagworte einer wuchernden und einfallslosen Bürokratie in der deutschen und vor allem europäischen Forschungsförderung, welcher "der Wahn zugrunde liegt, dass Spitzenforschung einer zentralen Detailplanung bedürfte". Groteskerweise erinnere inzwischen vieles an die Forschungspolitik in den Staaten des ehemaligen Ostblocks, deren zweifelhafte Ergebnisse ja wohlbekannt seien. "Es gilt den Unterschied zwischen zielgerichteter Entwicklungsarbeit, wie sie ab einem gewissen Stadium zum Beispiel in der Industrieforschung notwendig ist, und Grundlagenforschung zu erkennen und zu beherzigen." Letztere bringe in der Regel die revolutionären, nicht vorhersehbaren Entdeckungen, die zu grundlegend neuen Erkenntnissen und damit auch zu neuen Lösungen für praktische Probleme führen. "Sie können logischerweise nicht Teil ministerialer Pläne sein."

Das ZMBH im Neuenheimer Feld

Auf die inneren Werte kommt es an: Das ZMBH im Neuenheimer Feld machte Professor Bujard zusammen mit seinem Kollegen Heinz Schaller zu einer Vorbildinstitution in der deutschen Hochschullandschaft. Pate stand dabei die Department-Struktur amerikanischer Universitäten. Foto : Reinhardt


Der Wissenschaftler weiß, wovon er spricht. Eine weltweit erfolgreich eingesetzte Technik entstand in seinem Labor als Resultat eines fast spielerisch betriebenen Seitenprojekts. "Aus einer Reihe von Gründen, vor allem aber aus theoretischen Überlegungen heraus wollten wir überprüfen, ob Schaltsysteme, wie wir sie seit langer Zeit in Bakterien analysiert hatten, auch in höheren Organismen funktionieren würden." Diese Idee wurde von Gutachtern freundlich belächelt – und nicht gefördert -, bis der experimentelle Erfolg vorlag. Die so genannten Tet-Schalter, die es erlauben, ein Gen an- und abzuschalten, um so die Wirkung des betreffenden Gens zu untersuchen, erwiesen sich als fast universell einsetzbar: in einfachen Organismen wie Hefe, aber auch in Pflanzen und Säugetieren wie Maus, Ratte und nicht-menschlichen Primaten.

Unzählige Laboratorien nutzen Tet-Schalter

Inzwischen haben über 100 Firmen Lizenzverträge auf die Technologie abgeschlossen und unzählige Laboratorien bedienen sich der Tet-Schalter, wie weit über 5.000 Veröffentlichungen belegen. Im Jahr 1996 erhielt Bujard den Beckurts-Preis für "Leistungen in der Forschung und ihre Umsetzung in die industrielle Praxis". Das Institut Curie in Paris verlieh ihm im Frühjahr 1997 für die Entwicklung der Genschalter den hoch dotierten Yvette Mayent-Preis. "Spitzenleistungen molekularbiologischer Forschung auf höchstem Niveau" seien damit international anerkannt worden, freute sich der damalige Heidelberger Rektor, Professor Peter Ulmer.

Der Wunsch, mit dem notwendigen Freiraum zu forschen, bestimmt als Leitgedanke Bujards Lebensweg. In Heidelberg 1934 geboren, wuchs er in Freiburg auf, studierte in Freiburg und Göttingen Chemie. 1964 ging der junge Wissenschaftler für fünf Jahre in die USA – eine Erfahrung, die ihn prägte. "Mit 31 Jahren konnte ich hier als 'Assistant Professor' unabhängig wissenschaftlich arbeiten", erinnert er sich. 1969 folgte er einem Ruf nach Heidelberg, wo er dann von 1970 bis 1982 als Professor am Institut für Molekulare Genetik tätig war. Die Perspektiven als Professor an einer deutschen Universität empfand er mit den Jahren jedoch als einengend. Gerne nahm er deshalb 1982 eines von zwei Angeboten aus der Industrie an: Der Schweizer Pharmakonzern Hoffmann-La Roche, Basel, übertrug ihm, als Leiter der biologischen Forschung, auch die Aufgabe, den Bereich Gentechnik aufzubauen.

Drei Jahre später bekam Bujard den Ruf an die Universität Heidelberg als Leiter des neu gegründeten "Zentrum für Molekulare Biologie" (ZMBH). Eine Aufgabe, die ihn reizte: "Seit meiner Studienzeit war ich davon überzeugt, dass die deutsche Universität grundlegender Reformen bedarf", sagt er. "Hier sah ich eine Chance, dazu beizutragen." Der Roche-Manager ließ sich unter der Bedingung abwerben, dass ihm Ministerium und Universität freie Hand dafür gaben, die Struktur des ZMBH nach seinen Vorstellungen zu entwerfen und umzusetzen.

Zusammen mit seinem Kollegen, Prof. Dr. Heinz Schaller, baute er ein Institut auf, das heute als Vorbild in der deutschen Hochschullandschaft gilt. Pate stand dabei die Department-Struktur, die Bujard in den USA kennen- und schätzengelernt hatte: Anstelle der üblichen Lehrstuhl-Strukturen besteht das ZMBH aus kleinen, unabhängigen Forschergruppen, die eine gemeinsame Infrastruktur gleichberechtigt nutzen. Ein Nachwuchswissenschaftler ist hier nicht der "Assistent eines Professors", sondern unabhängiger "Forschungsgruppenleiter am ZMBH" entsprechend einem Assistant Professor in einem US- Department. Dieser Unterschied ermöglicht eine völlig eigenständige Entwicklung von Talenten in jungen Jahren, erhöht die Motivation, hält das Institut "jung" und wirkt sich karrierefördernd für junge Hochschullehrer aus: "Viele unserer Nachwuchsgruppenleiter haben direkt einen Ruf auf eine C4-Professur erhalten."

Neue Strukturen schaffen, ein Institut aufbauen, daraus eine weltweit renommierte Forschungseinrichtung machen – diese Herausforderung erschien Bujard reizvoller als eine Karriere in der Industrie. So kam es, dass er den finanziell lukrativeren Job bei Roche aufgab und wieder an die Universität zurückkehrte. "Es ist doch ein Privileg, wenn der Staat die Mittel zur Verfügung stellt, mit denen man nach eigenen Vorstellungen ein Institut gestalten kann. Ich empfand dies als eine große Herausforderung." Zudem bot sich für Bujard damit die Gelegenheit, auch für die eigenen Forschungen ein ideales Umfeld zu schaffen.

Vor allem zwei Themen standen nun im Vordergrund: Mechanismen, welche die Aktivität von Genen in Bakterien kontrollieren – ein spätes Produkt dieser Arbeiten waren die Genschalter – sowie die Erforschung eines Proteins des Malariaerregers P.falciparum, das inzwischen als ein aussichtsreicher Kandidat für einen Malaria-Impfstoff gilt. Es lohnt sich, auf beide Themen einen kurzen Blick zu werfen.

Erst vor wenigen Monaten nahm die Genschalter-Story eine überraschende Wende: Um die Tet-Technologie weltweit zu vermarkten, gründeten Bujard und zwei seiner Mitstreiter Anfang des Jahres ein eigenes Unternehmen. Doch der Reihe nach: Als sich zu Beginn der 90er Jahre der wissenschaftliche Durchbruch abzeichnete, ließ Bujard das Verfahren patentieren. Dies geschah in Eigenregie, weil sich die Universität vom Nutzen der Erfindung nicht hatte überzeugen lassen. Bujard selbst wollte das Tet-Verfahren kommerziell nicht verwerten, dazu waren ihm seine Forschungstätigkeit und seine Aufgabe als Direktor des ZMBH zu wichtig: "Ich wollte mich nicht verzetteln." Im Mai 1996 verkaufte der Wissenschaftler das Patent deshalb an die BASF – allerdings geknüpft an klare Bedingungen: Zum einen blieb das Tet-Verfahren für die akademische Forschung weiterhin frei; zum anderen war es die Aufgabe der BASF, an kommerzielle Unternehmen Lizenzen zu vergeben, um so für die weitere Verbreitung und Nutzung der Technologie zu sorgen.

Eigene Firma gegründet

In diesem Punkt blieb das Engagement des Chemiekonzerns jedoch hinter den Erwartungen Bujards zurück. Daran änderte sich auch nichts, als die BASF ihre Pharmasparte – inklusive der Tet-Rechte – im März 2001 an den amerikanischen Pharmakonzern Abbott Laboratories verkaufte. Wiederum mussten Bujard und sein Team mit ansehen, dass ein großer Pharmakonzern die Technologie besaß, auch selbst gerne nutzte, aber an einer aktiven Lizenzpolitik wenig Interesse fand. Bujard und sein Team suchten deshalb nach einem Weg, um die Tet-Rechte zurückzukaufen.

Ende 2003 war es dann soweit. Es gelang, die Verhandlungen mit Abbott erfolgreich abzuschließen: "Jetzt gehört die Tet-Technologie wieder uns", freut sich Bujard. Zusammen mit dem Miterfinder Manfred Gossen und dem Kollegen Wolfgang Hillen, Erlangen, gründete er zu Jahresbeginn 2004 die Tet Systems Holding GmbH & Co. KG in Heidelberg. Das Unternehmen verfolgt das Ziel, die Tet-Technologie weltweit professionell zu vermarkten. Das junge Unternehmen mit zum Erfolg zu führen – "das wäre für die Zeit nach meiner Pensionierung eine schöne Feierabendbeschäftigung", meint Bujard, "wenn da nicht noch das Malaria-Projekt wäre."

Während seiner Zeit als Forschungsleiter bei Roche hatte Bujard bereits damit begonnen, Voraussetzungen für die gentechnische Herstellung von Malariaimpfstoffen zu schaffen. Die Malaria tropica, die schwerste Form der Malaria, ist vor allem in Afrika mit verantwortlich für den Teufelskreis von Armut und Krankheit. Neben Aids zählt sie zu den bedeutendsten Infektionskrankheiten, gegen die es nur unzulänglich Medikamente und bislang keinen Impfschutz gibt.

Verträglichkeit des Impfstoffes testen

Nach 18-jähriger Forschungsarbeit steht Bujard jetzt, wie er selbst feststellt, "vor der Stunde der Wahrheit". Zu Beginn des nächsten Jahres hofft er, die Genehmigung für eine erste klinische Studie zu bekommen, in der zunächst die Verträglichkeit des Impfstoffes geprüft wird. Im nächsten Schritt sollen Studien in Afrika folgen, bei denen dann untersucht wird, ob der Impfstoff tatsächlich wirkt. "Innerhalb der nächsten drei bis vier Jahre sollte sich dies herausstellen", sagt Bujard. Zu den Erfolgschancen will er sich nicht äußern: "Man darf nicht vergessen, dass es bis heute, trotz vielfacher Anstrengungen, noch keinen Impfstoff gegen einen Parasiten von der Rafinesse eines Malaria-Erregers gibt."

Das Herstellungsverfahren für das Malaria-Antigen hat Bujard bereits durch Patente schützen lassen: "Wenn wir eine Firma für die Herstellung des Impfstoff gewinnen wollen, muss das Verfahren schützbar sein, damit sich für eine solche Firma Investitionen lohnen." Auf persönlich zustehende Einnahmen, die aus dem Malaria-Patent entstehen könnten, verzichtete er, nicht jedoch auf das Recht, mit zuentscheiden, was mit den Patenten und möglichen Einnahmen geschieht. Sollte das Projekt eines Tages wirtschaftlich erfolgreich sein, will Bujard den ihm zustehenden Anteil der tropenmedizinischen Forschung zukommen lassen.

Ähnlich Pläne verfolgt der Wissenschaftler auch mit einer Spende an die Universität Heidelberg, die im Universitätsvermögen zu den größeren Einzelposten zählt. Das Geld soll der biologischen Forschung, speziell der Tropenmedizin, zugute kommen. Seine Pläne möchte Bujard im Augenblick noch nicht näher erläutern. Nur so viel: Einen Teil des Geldes möchte er für Stipendien nutzen. "Da liegen mir junge Wissenschaftler aus der Dritten Welt sehr am Herzen – begabte Leute, die man vor allem weiter fördern sollte, wenn sie in ihr Heimatland zurückgekehrt sind."
Christian Deutsch ende

 

Zurück

Top

Universität | Fakultäten | Einrichtungen | Studium | Forschung und Kooperation
Stellenmarkt | Termine | Intern | Presse | Alumni/Fördervereine | Projekt IMPULSE
Neues im Netz | Kontakt | Suche | Überblick | English


Page maintained by Pressestelle der Universität Heidelberg,
presse@rektorat.uni-heidelberg.de.
Copyright © Pressestelle der Universität Heidelberg.
Updated: 06.07.2004